Verhaltensbiologie bei den Kleinsten

Soziale Kompetenzen lernt man im Kindergarten

8. August 2022
Lisa Horn und ihr interdisziplinäres Forschungsteam gehen in den Kindergarten: Die Expertin für Beziehungen hat bereits zu den sozialen Verbindungen zwischen Rabenvögeln sowie der Bindung zwischen Hund und Mensch geforscht. In ihrem aktuellen Projekt beobachtet sie, wie Kleinkinder soziale Kompetenzen entwickeln.
Lisa Horn beobachtet Kinder im Kindergarten, um mehr über deren Entwicklung von sozialen Kompetenzen zu erfahren. © Susanne Kraus Fotografie

Der Sprung mag auf den ersten Blick groß scheinen: Eine Biologin, die sich auf Hunde und Raben spezialisiert hatte, forscht jetzt im Kindergarten? Lisa Horn ist Verhaltensbiologin und leitet seit September das Forschungsprojekt "Beeinflussen Sozialbeziehungen die kindliche Prosozialität?". Was die Forschung über Kinder und über Rabenvögel verbindet? "Der Fokus auf die Beziehungen der Individuen zueinander", erklärt die Projektleiterin.

Rabenvögel und Kleinkinder verhalten sich in Gruppen ähnlich

Auch in der Familie der Rabenvögel gibt es Freundschaften und eine Rangordnung. Deshalb bietet die Expertise aus diesem Feld richtig spannende Einblicke. "Denn wenn ich mir Raben anschaue, deren letzter gemeinsamer Vorfahre mit dem Menschen Millionen von Jahren zurückliegt, sind da wenig Gemeinsamkeiten in den Genen zu finden. Die Ähnlichkeiten in der Gruppendynamik müssen also am sozialen System liegen." Und genau bei diesem Zusammenspiel von Sozialbeziehungen und Verhalten liegt das Forschungsinteresse der Verhaltensbiologin. 

 

Kinder lernen spielend – auch soziale Kompetenzen 

Das Sozialverhalten von Kindern wird schon lange erforscht, doch die vielen internationalen und auch österreichischen Studien mit Drei- bis Sechsjährigen sind fast ausschließlich im Labor entstanden, in Interaktionen mit Erwachsenen. Im Wesentlichen werden Kinder dort von Wissenschafter*innen befragt: "Würdest du die Schokolade mit deiner besten Freundin teilen? Würdest du einem Freund dein Lieblingsbuch borgen?" Ob die Antworten, die Kinder hier geben, auch mit ihrem tatsächlichen Verhalten übereinstimmen, ist fraglich. Auch ganz kleine Kinder wissen schon, welche Antworten gesellschaftlich erwünscht sind. 


Für Lisa Horn ist deshalb klar: Sie will Kinder in ihrem natürlichen sozialen Umfeld und in Interaktionen mit anderen Kindern erleben, durch Beobachtung und Spiele Daten sammeln, weniger durch hypothetische Fragestellungen. Dank neuer Techniken ist das auch möglich. Mit Hilfe von an der Kleidung angebrachten Sensoren werden die Bewegungen der Kinder aufgezeichnet. So kann abgelesen werden, wer sich in der Nähe von anderen aufhält, wer lieber alleine ist und wer mit wem viel Zeit verbringt – wichtige Charakteristiken von Freundschaft.
 

Rückblick
Podiumsdiskussion zur Semesterfrage
Am 13. Juni fand die hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zur Semesterfrage "Was bestimmt menschliches Verhalten?" statt. Der Archäologe Nicholas Conard führte ins Thema ein und diskutierte anschließend mit Expert*innen. Für alle, die nicht dabei sein konnten, gibt es den Stream hier zum Nachschauen.

Beeinflussen Sozialbeziehungen die kindliche Prosozialität?

Das interdisziplinäre Elise-Richter Projekt "Beeinflussen Sozialbeziehungen die kindliche Prosozialität?" ist auf vier Jahre angelegt und stellt die Kernfrage, wie sich kindliche Sozialbeziehungen auf Helfen, Teilen und Unterstützen zwischen gleichaltrigen Kindern auswirken. Die angewandten Methoden kommen aus der Vergleichenden Verhaltensforschung sowie der Entwicklungspsychologie und reichen von Beobachtung beim freien Spiel bis zur automatischen Datenerfassung durch Sensoren. Das Projekt ist am Department of Cognitive Biology der Universität Wien angesiedelt.

Wie viel Zeit miteinander verbracht wird, sagt viel über Freundschaft aus

Schon im Kindergarten entstehen sehr komplexe Beziehungen zwischen den Kleinen. In einem weiteren Schritt analysiert das Forschungsteam der Uni Wien, wie eben diese sozialen Beziehungen das Verhalten in der Gruppe beeinflussen, wie sie mit Hilfsbereitschaft oder auch Durchsetzungsvermögen zusammenspielen.

Diese Verhaltensweisen werden durch spielerische Experimente angeregt. Zum Beispiel mit einer Version von "Versteinern": Kinder bewegen sich mit einem Stofftier am Kopf durch den Raum. Fällt es herunter, sind sie versteinert. Andere Kinder können sie aber ins Spiel zurückholen, indem sie das Tier wieder auf den Kopf des Kindes legen.

Die Kinder lieben unsere Spiele. Die einzigen, die wir im Vorhinein meistens überzeugen müssen, sind die Eltern.
Lisa Horn

Durch das spielerische Element müssen die Kids auch nicht lange zum Mitmachen überredet werden, in den Kindergärten der Kinderfreunde Wien, mit denen das Team seit mittlerweile fünf Jahren zusammenarbeitet, sind die Besuche des Forscher*innen-Teams sehr beliebt.

Doch auch die Eltern sind schnell begeistert, wenn aufgeklärt und die Relevanz der Forschung deutlich gemacht wird. Das Team hat gute Erfahrungen damit gemacht, den Eltern und Pädagog*innen die Studienergebnisse nach Abschluss der Projekte zu präsentieren und so das Vertrauen zu bestärken. Sie sind es ja, die davon profitieren, wenn die Dynamiken zwischen den Kindern besser verstanden werden.

Wie die Forschung dem Kindergartenalltag zu Gute kommt

Wenn Spiele zur Erforschung des Sozialverhaltens entwickelt werden – und sie den Kindern großen Spaß machen – ist es nur mehr ein kleiner Schritt, Spiele zu entwickeln, die prosoziales Verhalten fördern. Das Verständnis der Dynamiken in einer Kindergartengruppe ist die Grundlage, um diese Dynamik in positive Richtungen zu lenken. Das heißt, Kinder zu integrieren, die sonst außen vor bleiben würden, Kompromisse einzugehen und auf ein Gemeinwohl zu achten. Eine Gesellschaft kann nicht früh genug damit anfangen, Kinder zu lehren, sozialen Zusammenhalt zu stärken. (ak)
 

Lisa Horn-Péter erforscht soziale Kognition bei Menschen und nicht-menschlichen Tieren, insbesondere die Mechanismen von prosozialem Verhalten, sozialer Bindung und Verhaltenskoordination. Sie ist PostDoc am Department of Cognitive Biology der Universität Wien.

Sie hat Zoologie an der Universität Wien und Psychologie an der University of Western Australia in Perth studiert. In ihrem PhD-Projekt (Universität Wien und Eötvös Loránd Universität in Budapest) untersuchte sie den Zusammenhang zwischen der Hund-Mensch-Beziehung und den sozial-kognitiven Fähigkeiten von Hunden, danach untersuchte sie an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften die soziale Aufmerksamkeit gegenüber Bezugspersonen und fremden Menschen bei Haushunden und zweijährigen Kindern. An der Universität Wien forschte sie zur Evolution der Prosozialität, indem sie die Häufigkeit und die Beweggründe für prosoziales Verhalten bei menschlichen Kindern und verschiedenen Rabenvogelarten verglich. Seit 2017 liegt ihr Schwerpunkt beim Verhalten von Kindern.