KI im Klassenzimmer

"Den Willen zum digitalen Mitgestalten wecken"

14. Oktober 2025 von Katharina Opletal-Lang
Die Digitalisierung verändert nicht nur unsere Arbeitswelt, sondern auch das Lernen selbst. Doch welche Fähigkeiten brauchen wir, um in einer Welt im Wandel bestehen zu können? Dazu spricht Bildungsexperte Fares Kayali im Interview.
Der Bildungsexperte Fares Kayali zeigt sich in punkto Bildung und Digitalisierung "eher vorsichtig optimistisch, und lieber skeptisch als naiv". © Pixabay

Im Gespräch zur Semesterfrage rund um das Thema "Was sollen wir lernen, wenn sich alles ändert" erzählt Fares Kayali von den Chancen und Risiken Künstlicher Intelligenz in der Bildung. Weiters geht es darum, welche Zukunftskompetenz für ihn entscheidend ist und wie sie unsere Bildung prägen kann.

Was hat Sie zur Forschung in der digitalen Bildung gebracht?

Fares Kayali: Angefangen hat es mit Spielen. Schon als Kind wollte ich Computerspiele entwickeln. Deshalb habe ich Informatik studiert, eine Firma gegründet und Spiele entwickelt und ich war auch in der Medienkunst aktiv. Später bin ich an die Uni zurückgekehrt und habe mich auf Games mit Bildungszweck konzentriert, sogenannte Serious Games. Vor allem in der Gesundheitsbildung und beim Game-based Learning habe ich dazu geforscht und Projekte begleitet.

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KI macht auch vor dem Klassenzimmer nicht Halt. Grund zur Panik? Nein, sagen die Bildungsexpert*innen Barbara Schober und Fares Kayali von der Uni Wien. Sie plädieren dafür, die Chancen von KI zu nutzen – zum Beispiel, um den Schüler*innen zu mehr Lernfreude, Motivation und Selbstregulation zu verhelfen.

Was genau ist ein Serious Game?

Kayali: Am einfachsten gesagt: ein Spiel mit einem anderen Zweck als bloßer Unterhaltung. Es geht um Lernen, Verhaltensänderung oder zum Beispiel die Unterstützung von Gesundheitsmaßnahmen.

Erinnern Sie sich an eine prägende Erfahrung mit Spielen im Unterricht?

Kayali: Ja, im Englischunterricht. Mein Lehrer war sehr konservativ, hat uns aber ein simples Spiel ("Würstelstand-Manager") spielen lassen. Wir haben es so angepasst, dass wir damit Vokabeln geübt haben. Das war mein erster bewusster Kontakt mit Spielen im Bildungskontext.

Beschreiben Sie gutes Lernen in drei Wörtern.

Kayali: Anregend. Selbstbestimmt. Bedeutungsvoll.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen im technologischen Wandel?

Kayali: Die größte Herausforderung ist aktuell KI. Sie birgt enormes Disruptionspotenzial und negative Auswirkungen, aber auch Potentiale. Schülerinnen und Schüler nutzen sie ohnehin, ob wir das im Unterricht erlauben oder nicht. Deshalb müssen wir sie begleiten, nicht den Einsatz von KI verbieten. Gleichzeitig ist wichtig, dass junge Menschen lernen, kritisch an den gesellschaftlichen und politischen Diskursen teilzunehmen. KI ist nicht neutral, wem wir unsere Daten geben, macht einen Unterschied.

Ich halte nichts von 'entweder-oder'. Analoge Fähigkeiten bleiben wichtig, genauso wie digitale.
Fares Kayali

Wie verändert KI unser Verhältnis zu Wissen?

Kayali: Einerseits gibt es die Sorge, dass wir in eine "digitale Demenz" abrutschen, weil wir uns auf Maschinen verlassen. Andererseits macht KI Wissen zugänglicher und demokratischer. Aber wir müssen kritisch bleiben: Woher stammen Informationen? Wie nachvollziehbar sind sie? Derzeit bin ich eher vorsichtig optimistisch, und lieber skeptisch als naiv.

Was sollen wir lernen, wenn sich alles ändert?

Kayali: Wir brauchen Zukunftskompetenzen, die helfen, in einer sich ständig wandelnden Welt zurechtzukommen. Das sind vor allem die Fähigkeit, mit neuen Technologien umzugehen, Zusammenhänge zu verstehen, in Krisen handlungsfähig und resilient zu bleiben und dabei eine positive, optimistische Haltung zu bewahren. Ohne Visionen von einer Zukunft, die wir wollen, sind wir anfällig für Populismus und Desinformation.

Wie kann man so etwas im Unterricht vermitteln?

Kayali: Durch partizipative Gestaltungsmethoden. Schüler*innen sollten möglichst frei Ideen entwickeln können – sei es zu Technologie, zur Gestaltung ihres Lebensumfelds oder zum Einsatz von KI in der Schule. Wichtig ist, den Willen zur Mitgestaltung zu wecken: Technologie ist nicht nur etwas, das „von außen“ auf uns zukommt, sondern etwas, das wir mitgestalten können.

univie - das Community-Magazin der Universität Wien

Das Interview mit dem Bildungsexperten Fares Kayali erschien in der Oktober-Ausgabe des univie-Magazins. Lesen Sie noch weitere interessante Beiträge, u.a. über Quantenphysik im Alltag oder Neues aus der Arbeitswelt, im E-Paper (PDF)

In Schweden wurden digitale Maßnahmen an Schulen zurückgenommen. Droht uns ein Verlust analoger Fähigkeiten?

Kayali: Ich halte nichts von "entweder-oder". Analoge Fähigkeiten bleiben wichtig, genauso wie digitale. Politisch sehe ich den Schritt in Schweden eher als populistische Maßnahme denn als pädagogisch sinnvolle Entscheidung. Sinnvoll ist ein komplementärer Ansatz: Räume ohne Handy, aber gezielter Technologieeinsatz im Unterricht. Beides ergänzt sich.

Wo könnte man KI im Unterricht konkret einsetzen?

Kayali: Überall, wo recherchiert wird: etwa in Geografie, Naturwissenschaften oder Sprachen. Dort kann man KI-Ergebnisse gemeinsam analysieren, Qualität bewerten und die eigene Wahrnehmung reflektieren. Auch im Sport- oder Ernährungsbereich wird KI bereits genutzt. Wichtig ist die Begleitung im Unterricht, damit Schüler*innen lernen, bewusst und kritisch damit umzugehen.

Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Unterstützung und Abhängigkeit digitaler Tools?

Kayali: Abhängigkeit wird dann problematisch, wenn grundlegende Fähigkeiten verloren gehen, etwa Texte eigenständig zu schreiben oder Informationen selbst zu verarbeiten. Gleichzeitig sind Abhängigkeiten manchmal bewusst gewählt, wie bei der Nutzung digitaler Kartendienste. Wichtig ist das Bewusstsein: Wovon mache ich mich abhängig, und warum? In der Schule sollte man diese Reflexion üben, damit Kompetenzen nicht verloren gehen.

Wir brauchen Zukunftskompetenzen, die helfen, in einer sich ständig wandelnden Welt zurechtzukommen. Das sind vor allem die Fähigkeit, mit neuen Technologien umzugehen, Zusammenhänge zu verstehen und in Krisen handlungsfähig und resilient zu bleiben.
Fares Kayali

Was sind die größten Hürden für Bildungsgerechtigkeit in Österreich?

Kayali: Zunächst das Schulsystem selbst, das schon sehr früh selektiert (Gymnasium vs. Mittelschule). Zweitens der ungleiche Zugang zu Technologie: Geräte, Internet, Accounts und künftig auch kostenpflichtige KI-Services. Drittens spielt das Elternhaus eine große Rolle, etwa die Frage, ob Kinder beim Umgang mit digitalen Tools begleitet werden. Das verstärkt Ungleichheiten.

Wenn Sie 20 Jahre in die Zukunft blicken – wie sähe ein erfolgreiches Schulsystem aus?

Kayali: Es hätte weniger starre Fächer, mehr Freiräume für projektbasiertes, selbstbestimmtes Lernen und andere Formen der Leistungsbewertung. Zentralprüfungen und frühe Leistungsfeststellungen verstärken Ungerechtigkeit. Hier wünsche ich mir mehr Individualisierung und Anerkennung unterschiedlicher Stärken und Bedürfnisse.

Und wenn Sie morgen Bildungsminister wären?

Kayali: Dann würde ich als Erstes versuchen, einen wirklich fairen Zugang zu Bildung für alle zu schaffen, auch wenn das leichter gesagt als getan ist. Aber das wäre mein wichtigstes Ziel.

Vielen Dank für das Gespräch!

© derknopfdruecker.com
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Fares Kayali lehrt und forscht an der Universität Wien im Bereich Digitalisierung in der Bildung. Seine Schwerpunkte liegen u. a. auf partizipativem Design, Game-based Learning und technologie-gestütztem Lernen.