Die Schule des guten Lebens
Ein Ort, an dem man sich in seiner Freizeit dem Lernen, Studieren und der persönlichen Weiterbildung widmen kann – das ist die ursprüngliche Bedeutung des aus dem Griechischen stammenden Wortes Schule. "Davon hat sich unser heutiges Schulsystem jedoch weit entfernt", sagt Denis Francesconi, der gemeinsam mit Evi Agostini an der Uni Wien das Projekt "Teaching the Good Life" leitet. "Bildung und Lebensqualität sind viel enger miteinander verbunden, als man zunächst vermuten würde. Letztlich sollte die Lebensqualität im Mittelpunkt unseres Handelns stehen und alles andere sich daran orientieren", ist der Bildungswissenschafter überzeugt: "Die Stadt Wien beispielsweise zählt zu den lebenswertesten Städten der Welt. Hier setzen wir an: Was bedeutet das eigentlich, wie kann man Lebensqualität messen, und welche Rolle spielt Bildung dabei?"
Lebensqualität rückt auch vermehrt in den Fokus nationaler und internationaler Organisationen und Vereinigungen, wie etwa die OECD-Initiative "Besseres Leben" oder die EU-Initiative "Lebensqualität in Europa" zeigen. Selbst die sehr auf Leistung konzentrierte PISA-Studie untersucht seit 2015 auch das Wohlbefinden von Schüler*innen.
Diesem internationalen Trend folgend entwickeln Denis Francesconi und Evi Agostini in ihrem Projekt Richtlinien, um die Lebensqualität mit Fokus Bildung in Wien zu untersuchen. "Das reicht von Luft- und Wasserqualität über Sicherheit und Gemeinschaft bis hin zum Bildungssystem per se. All das spielt dabei eine Rolle. Unser Projekt basiert sehr stark auf dem Konzept der Bildungsgrätzel-Initiative der Stadt Wien: Man braucht eine Gemeinschaft, um ein Kind großzuziehen. Wir konzentrieren uns auf diesen sozialräumlichen Ansatz."
Das ist unsere Aufgabe für die Zukunft: Lebensqualität in die Schulen zu bringen und Lehrer*innen dabei zu unterstützen, diese zu vermitteln.Denis Francesconi
Grundlagen des Wohlbefindens
Während Francesconi und Agostini also den Zusammenhang zwischen Bildung und Lebensqualität untersuchen, forscht die Bildungspsychologin Julia Holzer konkret zu Wohlbefinden in der Schule. Welche Bausteine braucht es dazu überhaupt? Das ist ihre zentrale Frage. Dazu haben Holzer und ihr Team mit dem in Australien entwickelten EPOCH-Modell gearbeitet. Dieses wurde eigentlich kreiert, um die allgemeine Lebensqualität zu messen, aber die Bildungspsycholog*innen haben es konkret für die Schule adaptiert. Es beschreibt fünf Dimensionen von Wohlbefinden: Hingabe (Engagement), Durchhaltevermögen (Perseverance), Optimismus, Verbundenheit (Connectedness) und Glück (Happiness).
"Aufbauend auf diesem Modell haben wir einen Fragebogen entwickelt und damit mit einer großen Stichprobe von Sekundarschüler*innen verschiedener Schulformen hauptsächlich in Wien gearbeitet", so Holzer: "Es hat sich gezeigt, dass wir mit diesem Modell auch im Schulkontext wunderbar arbeiten können und es sehr gut geeignet ist, Aussagen über das Wohlbefinden der Schüler*innen zu treffen."
Kann man Lebensqualität unterrichten?
Auch Evi Agostini, Denis Francesconi und ihr Forschungsteam sind für ihr Projekt "The good life" in Schulen gegangen, haben mit Schüler*innen, Lehrer*innen, aber auch mit Interessengruppen auf städtischer und auf lokaler Ebene über die Verbesserung von Lebensqualität und das gute Leben gesprochen. "Das setzt sich aus sehr vielen einzelnen Faktoren zusammen, wichtig ist das Engagement und dass zum Beispiel Schüler*innen aktiv mitreden können, sei es bei der Auswahl in der Schulkantine, der Gestaltung des Klassenraums, Freiräumen in der Schule oder Verkehrsberuhigung vor der Schule, etc.", so Francesconi.
In Anlehnung an Wiens Strategie für nachhaltige Entwicklung und der Förderung der Zusammenarbeit zwischen lokalen Bildungsgrätzln, um eine gerechte und nachhaltige Lebensqualität in Wien zu fördern, sprechen die Forscher*innen mit ganz unterschiedlichen Stakeholdern, um ein möglichst umfassendes Gesamtbild zu bekommen. "Wir wollen im Projekt auch konkretes Material entwickeln, das Lehrer*innen direkt in ihrem Unterricht verwenden können, um das Thema Lebensqualität möglichst breit einzubauen. Ich denke, dass Schulen, Nachbarschaften und kleine Gemeinschaften sehr viel tun können, um die Lebensqualität zu verbessern. Natürlich hat das auch eine wirtschaftliche Dimension, viele Maßnahmen brauchen Geld, aber wir müssen darüber sprechen, was für uns ein gutes Leben ist bzw. wie es verwirklicht werden kann."
Future Skills: Wie Schule auf die Klimakrise vorbereiten kann
"Im Mittel geht es Österreichs Schüler*innen ganz gut"
Zurück zur Bildungspsychologie. Wie können Schulen nun konkret von der Erhebung nach dem EPOCH-Modell profitieren? "Der große Vorteil dieser Methode ist, dass wir den Schulleitungen und Lehrpersonen eine detaillierte Rückmeldung geben können, statt nur festzustellen, ob sich die Schüler*innen generell wohl fühlen oder nicht", so Holzer: "Wir können wirklich Profile erstellen und zum Beispiel sagen, der Zusammenhalt und das Glück ist hier an Ihrer Schule gut ausgeprägt, aber die Hingabe ist geringer. Hier könnte man etwa bestimmte Unterrichtskomponenten überarbeiten."
Und noch ein weiteres interessantes Fazit konnte Julia Holzer, die auch dem Forschungsverbund "Gesundheit in Gesellschaft" an der Uni Wien angehört, aus ihrer Studie ziehen: Immer wieder gibt es in der Literatur Befunde, dass auch der sozioökonomische Status einer Person mit ihrem Wohlbefinden zusammenhängen kann. "Interessanterweise haben wir das in den Forschungen in Österreich zumindest für das schulische Wohlbefinden überwiegend so nicht gefunden. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sowohl in den Schulen in herausfordernden Lagen als auch in den Gymnasien das schulische Wohlbefinden, insbesondere in Bezug auf positive Gefühle in der Schule und auch auf die Verbundenheit mit anderen durchwegs im Mittel bis hin zu sehr gut ausgeprägt ist. Das deckt sich auch mit anderen österreichischen Studien zum Wohlbefinden von Jugendlichen."
Der Befund ist insgesamt also durchaus erfreulich: Grundsätzlich fühlen sich Österreichs Schüler*innen wohl in der Schule. Das heiße natürlich nicht, betont Holzer, dass es keine Risikogruppen gebe, die Probleme mit ihrer mentalen Gesundheit haben. Das dürfe man nicht übersehen, wenn man mit Mittelwerten arbeitet.
Welche Future Skills brauchen unsere Lehrkräfte?
- Julia Holzer: Ich möchte mich dabei auf die vier Kompetenzen des 21. Jahrhunderts – Communication, Collaboration, Creativity, Critical Thinking – beziehen. Es geht um Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und kritisches Denken. Das ist ein international anerkanntes Modell, das relativ gut im Unterricht handlungsleitend sein kann.
- Denis Francesconi: Auch bei Lehrkräften steht ihr Wohlbefinden für mich an oberster Stelle. Es braucht eine Art gesunden Egoismus, damit sie für den Beruf nicht ihre Gesundheit opfern. Zuallererst müssen sie sich um sich selbst kümmern, nur so können sie auch anderen helfen. Deshalb ist es wichtig, dass Lehrer*innen ihr eigenes Wohlbefinden in den Mittelpunkt stellen und sagen: "Okay, ich kümmere mich um mich selbst."
Wie passt "Glück" in den Lehrplan?
Denis Francesconi ist davon überzeugt, dass Lebensqualität nicht nur Bestandteil des Lehrplans sein sollte, sondern im Zentrum desselben stehen muss. "Dieses Thema kann ich wirklich in jedes Fach wunderbar einbauen, sei es Geschichte, Literatur, Biologie, Mathematik oder Sport", sagt er: "Das ist unsere Aufgabe für die Zukunft: Lebensqualität in die Schulen zu bringen und Lehrer*innen dabei zu unterstützen, diese zu vermitteln."
Zum Beispiel können Lehrer*innen die Schüler*innen einfach fragen, wie sie die Qualität ihres Lebens hier und jetzt beschreiben würden, und damit das Thema eröffnen. "Von dort kann man sich zu den nächsten Aspekten weiterhanteln, der Lebensqualität im Schulgebäude, in der Nachbarschaft, im Grätzel, in Wien – und da sind wir wieder beim allgemeinen Rahmen, dass Lebensqualität viele verschiedene Dinge umfasst, die ineinandergreifen. Lebensqualität ist nicht nur individuelles Wohlbefinden. Sie erfordert bürgerschaftliche Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft und politisches Engagement."
Was oft übersehen wird, ist, dass auch schulischer Erfolg das Wohlbefinden und die mentale Gesundheit stärken kann.Julia Holzer
Auch Erfolg ist Wohlbefinden
Wo man sich gut aufgehoben fühlt, lernt man auch gut. "Manchmal wird dabei übersehen, dass auch schulischer Erfolg – also das Gefühl, ich lerne etwas und wachse über mich hinaus – das Wohlbefinden und die mentale Gesundheit stärken kann", betont Julia Holzer und erklärt: "Das heißt, man kann durchaus trotz herausfordernder Lernsettings hohe Erwartungen in die Schüler*innen setzen und ihnen gleichzeitig das Gefühl vermitteln, dass sie das schaffen können. Dann nämlich ist es ihnen möglich, Hingabe zu entwickeln. Gerade auch wenn es Schüler*innen sind, die aufgrund ihrer soziökonomischen Herkunft oft Stereotypen ausgesetzt sind."
Leider gibt es hierfür so manche Hindernisse, die direkt im Bildungssystem eingebaut sind. Es werde viel zu früh segregiert und dadurch habe man gerade in Mittelschulen ein Sammelbecken an Schüler*innen, die es aus den verschiedensten Gründen nicht ins Gymnasium geschafft hätten. "Gerade in großen Städten oder in Ballungsräumen ist es dann so, dass Lehrkräfte vor Klassen mit über 25 Schüler*innen stehen, von denen ein großer Teil eigentlich sehr individuell gefördert werden müsste", sagt Julia Holzer: "Ein Lösungsvorschlag wäre die Einführung von sozioökonomischen Indizes nach denen die Ressourcenvergabe an die Schule erfolgt und nicht nur nach der Schüler*innenanzahl wie derzeit üblich. In unserem Projekt '100 Schulen, 1.000 Chancen' wird eine solche alternative Herangehensweise derzeit intensiv erprobt und begleitend erforscht."
"Schule der Zukunft"
Auch Denis Francesconi sieht in der Hingabe einen wichtigen Baustein zu mehr Lebensqualität und vermittelt dies auch den zukünftigen Lehrer*innen am Zentrum für Lehrer*innenbildung: "Ich sage den Studierenden immer, dass sie einen Sinn finden sollen im Leben. Das bedeutet nicht gleich, die Welt zu revolutionieren, sondern sich für etwas zu engagieren, an etwas zu glauben und sich für etwas einzusetzen. Das hilft den meisten Menschen normalerweise sehr, eine Art Zufriedenheit zu empfinden, in dem was sie tun."
Mit ihrer Forschung wollen die Wissenschafter*innen dazu beitragen, dass Schule wieder mehr zu dem wird, was ihr ursprünglicher Name verspricht: ein Ort der persönlichen Entwicklung, des Lernens und der Gemeinschaft. Indem Lebensqualität und Wohlbefinden stärker in den Fokus von Bildung rücken, kann die "Schule der Zukunft" die Grundlage für ein erfülltes und sinnstiftendes Leben legen.
Ihre Forschung konzentriert sich auf Determinanten von Bildungserfolg unter besonderer Berücksichtigung übergreifender Bildungsziele wie kognitiver, motivationaler und sozio-emotionaler Ressourcen sowie auf Fragen der Bildungsgerechtigkeit.
Er ist Bildungstheoretiker mit Schwerpunkten in den Bereichen verkörperte-enaktive Kognition, Systemtheorie und evolutionäre Perspektiven. Seine Forschungsschwerpunkte sind Lebensqualität, kollektive Lernformen (wie Fridays for Future) und die Auswirkungen des Anthropozäns auf die Bildung.
- Zentrum für Lehrer*innenbildung (ZLB)
- Forschungsverbund "Gesundheit in Gesellschaft" an der Universität Wien
- Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung
- Arbeitsbereich für Bildungspsychologie
- Projekt 100 Schulen – 1000 Chancen
- Projekt EQoL - Teaching the Good Life
- Bildungsgrätzel der Stadt Wien