Von Wien nach Chicago: Identität, Krieg und Migration
Chicago ist eine der größten Städte der USA, weltbekannt für ihre markante Architektur und geprägt von großer kultureller Vielfalt. Mit einer aktiven Sport- und Kulturszene, zahlreichen Parks und den vielen Stränden am Lake Michigan hat die Stadt grundsätzlich viel zu bieten.
Die Lebensqualität ist jedoch nicht durchgehend hoch: Einerseits hat Chicago trotz rückläufiger Zahlen weiterhin eine relativ hohe Kriminalitätsrate, andererseits sind viele Menschen von Armut und Prekarität betroffen. Wie im gesamten Land ist auch hier das Leben teuer, die Einkommensungleichheit deutlich ausgeprägter als in Österreich, und der Zugang zu Bildung, sozialen Sicherungssystemen und Gesundheitsversorgung ungleicher. Diese Ungleichheit spiegelt sich auch im Stadtbild wider.
Chicago: Die Windy City am Lake Michigan
- Entfernung von Wien: ca. 7.600 km
- Chicago, die drittgrößte Stadt der USA, liegt am Ufer des Lake Michigan im Bundesstaat Illinois. Gegründet 1837, entwickelte sich die Stadt schnell zu einem wichtigen Handels- und Verkehrszentrum, insbesondere durch ihre Lage an den Großen Seen und den Ausbau des Eisenbahnnetzes.
- Chicago wurde nach dem verheerenden Brand von 1871 nahezu vollständig neu aufgebaut – daher trägt die Stadt den Spitznamen "The Second City". Heute wird der Name jedoch vor allem darauf zurückgeführt, dass Chicago lange Zeit als zweitwichtigste Metropole der USA nach New York galt. Die Skyline von Chicago ist weltberühmt und gilt als Geburtsort der modernen Wolkenkratzer-Architektur. Zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten zählen der Willis Tower (ehemals Sears Tower), der Millennium Park mit der ikonischen "Cloud Gate"-Skulptur und das Art Institute of Chicago mit Kunst aus Picassos "Blauer Periode", Van Goghs "Schlafzimmer" und anderen Klassikern wie Grant Woods "American Gothic" und Magrittes "On the Threshold of Liberty".
- In Chicago und Umgebung leben besonders viele Menschen irischer Abstammung. Der Saint Patrick's Day wird hier auf besondere Weise zelebriert: Seit 1961 wird der Chicago River für den Feiertag grün gefärbt.
Als Hochburg der Demokratischen Partei und als Sanctuary City – also einer Stadt, deren Behörden grundsätzlich nicht mit Bundesbehörden bei der Durchsetzung von Einwanderungsgesetzen zusammenarbeiten, außer es besteht eine gesetzliche Verpflichtung – steht Chicago immer wieder im Fokus der Trump-Regierung, deren Anhänger*innenschaft aber vor allem außerhalb der Stadtgrenzen deutlich Farbe bekennt. Vor allem in ländlicheren Gebieten sieht man sich plötzlich mit zahlreichen Trump-Bannern und anderen Merchandise-Artikeln konfrontiert, oft begleitet von "white supremacist"-Symbolen. Innerhalb der Stadt ist davon insgesamt recht wenig zu sehen.
Chicago und St. Louis: Wichtige Zentren der bosnischen Diaspora
In meiner Forschung untersuche ich, wie sich das Leben von Menschen, die als Kinder oder Jugendliche vor dem Krieg in Bosnien-Herzegowina geflüchtet sind in den vergangenen drei Jahrzehnten entwickelt hat. Im kommenden Dezember jährt sich die Unterzeichnung des Friedensabkommens von Dayton, mit dem der gewaltsame Konflikt beendet wurde, zum dreißigsten Mal. Auch meine Familie stammt aus dem Land, in dem zwischen 1992 und 1995 über 100.000 Menschen getötet wurden.
Ziel des Projekts ist es, zu analysieren, wie frühe Erfahrungen von Krieg und erzwungener Migration das Leben von Menschen prägen, und dabei insbesondere zu untersuchen, welchen Einfluss unterschiedliche Immigrationssettings haben. Viele Menschen flohen während und nach dem Krieg in die USA, vor allem nach St. Louis, Chicago oder in den Großraum New York. Für mein Projekt habe ich mich für Chicago entschieden, da sich die Stadt am besten mit Wien vergleichen lässt, wo ich in meiner vorhergehenden Forschung bereits Migration aus dem ehemaligen Jugoslawien erforscht habe.
Die "1,5-Generation"
Im Fokus des Projekts stehen narrative Interviews mit Menschen, die vor rund dreißig Jahren als Kinder oder Jugendliche Krieg und Flucht erlebt haben – die sogenannte 1,5-Generation. Gemeinsam mit meinen Projektmitarbeiterinnen Slađana Adamović und Jelena Jokić-Bornstein habe ich bereits vor meiner Reise nach Chicago einen Interviewleitfaden entwickelt, der die Teilnehmenden dazu anregen soll, ihre Lebensgeschichten und Erfahrungen mit uns zu teilen. Auch die Kontaktaufnahme zu ersten potenziellen Interviewpartner*innen sowie zu sogenannten „Gatekeepern“ – also Personen, die den Zugang zum Feld erleichtern – erfolgte teilweise schon im Vorfeld.
In Chicago selbst habe ich dann vor allem Interviews durchgeführt und weitere Teilnehmende für die Studie gewonnen. Über die zahlreichen Gespräche, aber auch auf Spaziergängen durch die Stadt, teils begleitet von meinen Interviewpartner*innen, habe ich mich intensiv mit dem Leben der bosnisch-herzegowinischen Community vertraut gemacht. Ich besuchte verschiedene Organisationen, nahm an kulturellen Veranstaltungen teil, ging aber auch einfach "Ćevape" essen oder kaufte mein Brot in der nächstgelegenen bosnischen Bäckerei.
Walk to Remember
Die erste Hälfte meines Aufenthalts war dabei stark vom Gedenken an den Genozid in Srebrenica geprägt. Mehrere Veranstaltungen wurden organisiert, darunter Filmvorführungen sowie der seit mehreren Jahren stattfindende "Walk to Remember", bei dem gemeinsam 8.372 Schritte zurücklegt werden, um der 8.372 im Juli 1995 ermordeten Menschen zu gedenken. Zur gleichen Zeit – also Mitte Juli – haben auch in Wien zahlreiche Gedenkveranstaltungen stattgefunden. An diesen Veranstaltungen haben meine Kolleginnen Slađana Adamović und Jelena Jokić-Bornstein teilgenommen, die während meines Aufenthaltes in Chicago in Wien die erste Phase der Datenerhebung übernommen haben.
Der Völkermord von Srebrenica 1995
Der 11. Juli wurde von der UN-Generalversammlung zum Internationalen Tag der Besinnung und des Gedenkens an den 1995 in Srebrenica begangenen Völkermord erklärt. 30 Jahre später marschierten an diesem Tag mehrere tausend Menschen friedlich entlang der Wiener Ringstraße, um der Opfer des Genozids zu gedenken.
Lebensgeschichten aus Chicago versus Wien
Wie unterscheidet sich nun das Leben der bosnisch-herzegowinischen Community in Chicago von jenem in Wien? Ein erster zentraler Unterschied ergibt sich aus der geografischen Distanz: Während die Wiener*innen vergleichsweise einfach nach Bosnien reisen können, waren viele in Chicago seit ihrer Flucht kaum oder gar nicht mehr dort. Dies führt zu einer abstrakteren Form der Bindung zur früheren Heimat.
Auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen prägen die Erfahrungen unterschiedlich: In Österreich ist die Auseinandersetzung mit dem Krieg stärker im öffentlichen Diskurs verankert, während in den USA viele Menschen weder wissen, wo Bosnien liegt, noch dass es dort einen Krieg gab. Gleichzeitig sprechen Eltern selten offen über die Vergangenheit mit ihren Kindern. Die eigene Herkunft bleibt also für viele, die als Kinder oder Jugendliche Krieg und Flucht erlebt haben, eine Art "Black Box". Besonders auffällig ist zudem, dass der Bezug zum ehemaligen Jugoslawien in Chicago kaum eine Rolle spielt und Begegnungen zwischen Menschen mit bosniakischem, kroatischem oder serbischem Hintergrund seltener sind als in Wien.
Deutlich wird der Unterschied auch in gesellschaftlichen Leitbildern: Die US-amerikanische Gesellschaft ist stark von individueller Leistung geprägt. Erfolg wird hier wesentlich stärker als in Österreich mit Eigeninitiative, harter Arbeit und Bildung in Verbindung gebracht, flankiert von einem schwachen sozialen Sicherheitsnetz und einer schwer zugänglichen Gesundheitsversorgung. Persönliche Belastungen werden kaum berücksichtigt; wer scheitert, gilt schnell als unwillig oder zu schwach. Für nach Chicago geflohene Kinder und Jugendliche bedeutete dies hohe Erwartungen bei gleichzeitig begrenzter elterlicher Unterstützung, da die Eltern meist mehrere Jobs parallel bewältigen mussten. Viele übernahmen früh Verantwortung für ihre Familienangehörigen, etwa bei bürokratischen Angelegenheiten. Ähnliche Anforderungen gab es auch in Wien, doch hier entlasteten die bessere Infrastruktur und informelle Unterstützungssysteme die Kinder und schufen andere Bedingungen für den Umgang mit Herkunft, Bildung und Aufstieg.
Dies sind nur erste Eindrücke; die detaillierte Analyse wird zeigen, wie sich diese Unterschiede konkret auf die Lebensgeschichten in Wien und Chicago auswirken.
Das Projekt ist wichtig, weil frühe Erfahrungen von Krieg und Flucht ein ganzes Leben prägen – von Bildung und Beruf bis hin zu Gesundheit und sozialen Beziehungen. Es zeigt, wie Menschen ihre Identität im Spannungsfeld von Herkunft und neuer Gesellschaft vor dem Hintergrund dieser Krisenerfahrungen langfristig gestalten. Anhand des Vergleichs zwischen Wien und Chicago kann herausgearbeitet werden, wie sehr gesellschaftliche Rahmenbedingungen Lebenswege beeinflussen. Und nicht zuletzt liefert die Forschung Erkenntnisse, die auch für heutige Fluchtbewegungen relevant sind und Orientierung für ein gelingendes Ankommen nach der Erfahrung von Krieg und Migration bieten.
Mehr zum aktuellen Projekt von Ana Mijić
In welchem Ausmaß prägen frühe Erfahrungen von Krieg und erzwungener Migration das Leben von Menschen langfristig? Das FWF-Projekt "IRI.S – Identität aus Krieg und Migration schaffen" (FWF, 2025–2028), unter der Leitung von Ana Mijić (Tenure-Track-Professur für qualitative Sozialforschung) und gemeinsam mit den Forscherinnen Slađana Adamović und Jelena Jokić-Bornstein durchgeführt, untersucht, wie Menschen, die als Kinder oder Jugendliche vor dem Bosnienkrieg geflohen sind, ihr Leben und ihre Identität in den unterschiedlichen sozialen Kontexten von Wien und Chicago (neu) aufbauen. Im Sommer 2025 hat Ana Mijić erste Interviews in Chicago geführt und sich dort intensiv mit dem Leben der vor 30 Jahren aus Bosnien geflüchteten Menschen vertraut gemacht. Mehr zum Projekt erfahren Sie hier







