Wie viel Mitbestimmung verträgt das Klassenzimmer?
Wie bereits vielfach konstatiert wurde, leben wir "in interessanten Zeiten": Konflikte, Kriege und Krisen nehmen zu. Erderwärmung, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern unsere Lebens- und Arbeitszusammenhänge. Dies wirkt sich auch auf unsere Bildungsinstitutionen und Schulen aus: Die Schüler*innen bringen andere – und unterschiedliche – Kompetenzen in die Schule mit als vor zehn oder 20 Jahren (zum Beispiel digitale Kenntnisse, Sprachkenntnisse), andererseits haben sich auch die gesellschaftlichen Anforderungen an Schule verändert.
Schule im Spannungsfeld neuer Erwartungen
Dies stellt Bildungsinstitutionen – und insbesondere Schulen – vor Herausforderungen: Lehrpersonen können die unterschiedlichen Prioritäten, Hintergründe und Ziele der Kinder und Jugendlichen nicht mehr alle kennen. Mit den schneller werdenden Veränderungen in der Arbeitswelt (und der Wissenschaft) können sie auch die Anforderungen, die auf die Kinder und Jugendlichen später zukommen werden, immer weniger präzise einschätzen. Die genannten Krisen tragen zur Unsicherheit bei: Wie wird sich das Klima in 15 Jahren verändert haben? Welche Kompetenzen werden in der Arbeitswelt (noch) wichtig sein? Welche Kriege und Konflikte prägen dann unsere Bevölkerung? Wer musste bis dahin woher und wohin fliehen?
"Kompetenzlosigkeitskompetenz" – Lernen als gemeinsamer Prozess
Was Pädagog*innen also zunehmend brauchen – und damit sind nicht nur Lehrpersonen in der Schule gemeint, sondern auch solche in der Berufsausbildung, Hochschulbildung oder Erwachsenenbildung – ist etwas, das der Erziehungswissenschaftler Paul Mecheril die "Kompetenzlosigkeitskompetenz" nennt: Also das Anerkennen dessen, dass die Lehrenden viele Dinge nicht besser wissen als die Lernenden. Um einen produktiven Umgang mit diesem zwangsläufigen "Nicht-Wissen" zu entwickeln, können wir Anleihen beim Konzept eines anderen Erziehungswissenschafters nehmen: Paulo Freire. Aus der Erwachsenbildung kommend, betont er, dass die Lehrenden immer gleichzeitig Lernende sind, denn sie wissen vieles nicht, das ihre Schüler*innen bereits wissen, und umgekehrt sind die Lernenden dadurch immer auch Lehrende. Freire versteht Unterricht also als gegenseitigen Lernprozess. Im Zeitalter von KI, Social Media und migrationsbedingt unterschiedlichen Wissensressourcen ist dieser Zugang besonders aktuell.
Was Pädagog*innen zunehmend brauchen, ist anzuerkennen, dass die Lehrenden viele Dinge nicht besser wissen als die Lernenden.Veronika Wöhrer
Diskutieren Sie mit und stellen Sie Ihre Fragen an die Expertin
Wie viel Mitsprache sollten Schüler*innen bei Unterricht und Schulregeln haben? Dürfen Lehrpersonen ihr Nicht-Wissen anerkennen und zugeben? Macht zu viel Mitbestimmung Schule besser oder chaotischer?
Beteiligen Sie sich live und diskutieren Sie mit der Expertin, wie viel Mitbestimmung Schüler*innen im Unterricht haben sollten und warum Partizipation mehr ist als ein pädagogisches Ideal.
Veronika Wöhrer ist am 18.11. ab 15:30 Uhr online und beantwortet Ihre Fragen.
Jetzt mitdiskutieren – im Forum zum Beitrag auf derStandard.at!
Future Skills: Kritisches Denken
Demokratie beginnt im Klassenzimmer
Diese Haltung könnte – und müsste – insgesamt in Bildungsinstitutionen stärker verankert werden: Mehr Partizipation der Lernenden würde eine häufigere und systematischere Berücksichtigung ihrer Perspektiven auch in Bezug auf grundlegende Fragen bedeuten: Wie eine Bildungsinstitution strukturiert ist, was gelernt wird oder auch wie gelernt wird, kann in Abstimmung mit den Lernenden entschieden werden. Dass dies nicht nur in der Erwachsenenbildung möglich ist, zeigen partizipative Forschungs- und Schulentwicklungsprojekte mit Kindern und Jugendlichen genauso wie alternative Schulkonzepte, in denen die Kinder beispielsweise in wöchentlichen "Parlamenten" Ausstattung, Hausordnungen, Exkursionen oder Lerninhalte mitbestimmen. Eine solche Veränderung von Bildungsinstitutionen würde auch bedeuten, dass Demokratie gelernt wird. Idealerweise werden auch die Regeln des Diskutierens und Entscheidens gemeinsam besprochen.
Die hier vorgeschlagene demokratisierende Veränderung von Bildungsinstitutionen hätte gleich zwei positive Effekte: Einerseits könnten Bildungsinhalte und Bildungsstrukturen besser an aktuelle gesellschaftliche Anforderungen sowie an Kompetenzen, Bedürfnisse und Interessen der Lernenden angepasst werden und andererseits wird dadurch demokratisches Handeln gelernt und geübt. Damit wird einer weiteren Entwicklung begegnet, die durchaus problematisch für das gesellschaftliche Zusammenleben ist: Das zunehmende Desinteresse an Politik, steigende politische Polarisierung und die Zweifel daran, dass Mitsprache in der heutigen Demokratie überhaupt möglich ist (siehe Demokratiemonitor 2024). Mitbestimmung schon in der Schule zu üben und zu erleben, dass die eigene Meinung gehört wird und einen Unterschied machen kann, wäre eine interessante und notwendige Form des Lernens in Zeiten, in denen sich alles verändert.
Highlights im Rahmen der Semesterfrage
- Videoserie "Future Skills": Wissenschafter*innen über "ihre" Fähigkeit der Zukunft, jetzt am univie-YouTube-Channel.
- Podiumsdiskussion mit Blogger, Autor und Bildungsinfluencer Bob Blume, Bildungswissenschafterin Susanne Schwab und AHS-Lehrer Fabian Scheck – 12.1. 2026, jetzt anmelden!
Dieser Beitrag erscheint am 18.11. im Rahmen einer Medienkooperation zur Semesterfrage auf derStandard.at.
