Verlorene Potenziale: Hürden für zugewanderte Akademiker*innen in Wien
Eine Ärztin, die mitten in der Corona-Pandemie nicht als Ärztin arbeiten darf, eine Naturwissenschafterin, die als Kindergartenassistentin tätig ist oder ein Geschäftsmann, der kaum im Kundenkontakt eingesetzt wird. Das sind nur einige wenige Beispiele wie Migrant*innen aus dem mittel- und osteuropäischem Raum in Österreich von Dequalifizierung im Berufsleben betroffen sind. Mit den persönlichen Hintergründen hat sich das FWF-Projekt "Herstellung von Dequalifizierung bei 'neuen' Migrant*innen" (DeMiCo) beschäftigt. Rudolphina sprach mit den beiden Soziologinnen Clara Holzinger und Anna-Katharina Draxl.
Was genau ist Dequalifizierung?
Dequalifizierung bezeichnet den Verlust oder die Entwertung beruflicher Fähigkeiten und Fertigkeiten (Qualifikation). In der Realität trifft dies zu, wenn Erwerbstätige Arbeiten ausführen, die unter ihrer Qualifikation liegen, sie unterfordern oder berufsfremd sind. Damit verbunden sind oftmals der Verlust des Status als anerkannte Fachkraft und oft auch niedrigere Entlohnung.
Rudolphina: Im Zentrum Ihres Projekts stehen hochqualifizierte Akademiker*innen aus EU-Mitgliedsländern Zentral- und Osteuropas, die in Wien leben und arbeiten und unter ihrem Ausbildungsniveau beschäftigt sind. Können Sie kurz die Idee hinter dem Projekts erläutern?
Clara Holzinger: Zum Phänomen der Dequalifizierung gibt es zwar statistische Erhebungen, aber vor allem auf quantitativer Ebene. Das heißt, man weiß, wie viele Leute betroffen sind, und in welchen Berufsgruppen. Wenig ist aber auf der qualitativen Ebene bekannt, also wie diese Menschen ihre Situation selbst erleben. Und genau um diese individuelle Perspektive geht es in unserem Projekt.
Rudolphina: Sie untersuchen ausschließlich Migrant*innen aus zentral- und osteuropäischen -Staaten. Warum gerade diese spezielle Gruppe?
Anna-Katharina Draxl: Diese Gruppe ist insofern spannend, da sie eigentlich wenige Hürden auf bürokratischer Ebene hat; diese Migrant*innen sind im Vergleich zu anderen relativ privilegiert, innerhalb der EU Arbeit zu finden. Gleichzeitig zeigen Studien, dass viele der Personen, die nach Österreich gekommen sind, besonders hochqualifiziert, aber sehr oft in Berufen tätig sind, die unter ihrem Ausbildungsniveau waren. Kurz gesagt: Menschen aus CEE-Staaten in Österreich sind im Schnitt zwar überdurchschnittlich gut ausgebildet, aber auch überdurchschnittlich oft vom Phänomen der Dequalifizierung betroffen.
Europäische Union, Österreich, und Zentral- und Osteuropa
2025 sind es genau 30 Jahre her, dass Österreich 1995 der Europäischen Union beigetreten ist. Eine der größten Erweiterungen der EU war im Jahr 2004, wo gleich zehn Länder Teil der EU wurden, darunter viele osteuropäischen Länder: Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern; 2007 folgten Rumänien und Bulgarien. Die Arbeitsmigration nach Österreich startete so richtig im Jahr 2011, nachdem Österreich am 1. Mai 2011 den Arbeitsmarkt für acht Länder, die 2004 der EU beigetreten waren, öffnete: Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien und Ungarn. Allein im ersten Jahr stieg die Zahl an Arbeitenden aus jenen Ländern um rund 30.000 Personen. Bis heute hat sich die Zahl der Arbeitskräfte aus den neuen EU-Ländern im Osten verdreifacht. 30 Jahre Österreich in der EU
Rudolphina: Gibt es dabei Unterschiede zwischen Männern und Frauen aus den CEE-Staaten?
Clara Holzinger: Ja, es gibt tatsächlich große Unterschiede. Aufgrund der traditionell weiblichen Carearbeit, sind Frauen besonders stark von Dequalifizierung betroffen – auch weil weniger Zeit und Geld für Requalifizierungsmaßnahmen neben der Arbeit bleibt. Auch Schwangerschaften spielen eine Rolle, sei es wegen einer tatsächlichen Unterbrechung der Karriere oder wegen einer antizipierter Schwangerschaft seitens der Arbeitgeber.
Rudolphina: Was hat sich in den vielen Interviews, die Sie geführt haben, als Hauptgründe herausgestellt, warum Menschen aus Osteuropa oftmals unter ihrem Ausbildungsniveau beschäftigt sind?
Anna-Katharina Draxl: Wenig überraschend ist Sprache natürlich ein großer Faktor. Man muss aber genauer hinschauen und differenzieren. Viele Personen aus unserem Sample arbeiten auf Englisch, trotzdem sind Deutschkenntnisse sehr wichtig, gerade auf der informellen Ebene. Einige Interviewpartner*innen haben auch aufgrund ihres Akzents Diskriminierung erfahren, der gerade im Kundenkontakt oft negativ konnotiert wird. Wir hatten einen Interviewpartner, der seit über 20 Jahren in Österreich lebt und arbeitet, perfekt Deutsch kann, allerdings einen hörbaren Akzent hat. Er erzählte tatsächlich von Schwierigkeiten in seinem aktuellen Beruf aufgrund seines Akzents, weil er merkte, dass er weniger im Kundenkontakt eingesetzt wird. Und das nimmt er als beruflichen Nachteil wahr. Gerade in Bezug auf Akzent sehen wir, dass sprachliche und rassistische Diskriminierungen oft ineinandergreifen und Interviewpartner*innen Stereotype in Bezug auf Osteuropäer*innnen als Nachteil erleben.
Clara Holzinger: Ein weiterer Faktor für Dequalifizierung war die Anerkennung von Berufsabschlüssen. Eine Berufsanerkennung ist zwar nur für Drittstaatsangehörige notwendig, aber in bestimmten Berfufssparten wie zum Beispiel im Gesundheits- und Bildungsbereich, benötigen sie auch EU-Bürger*innen. In diesen Sparten mussten die Personen oftmals Teile ihrer Ausbildung nachholen.
Rudolphina: Scheitern viele letzlich an solchen bürokratischen Hürden?
Anna-Katharina Draxl: Ja, das auch, aber das größere Problem ist, dass Berufsanerkennungen mitunter viel Geld und Zeit kosten. Es fallen bürokratische Gebühren an und die Übersetzungen der notwendigen Dokumente sind sehr teuer. Eine ausgebildete Physiotherapeutin mit Masterdegree aus Rumänien, hat erzählt, dass sie seit einem Jahr versucht ihr Masterdiplom hier anerkennen zu lassen. Es sind ständig neue Dokumente notwendig, die wiederum übersetzt werden müssen. Bis zum Zeitpunkt unseres Interviews hat sie dieser Prozess bereits mehrere tausend Euro gekostet und das konnte sie sich auch nur leisten, weil ihr Mann sie in dieser Zeit sozusagen „erhalten“ hat. Hier entstehen dann mitunter auch Abhängigkeiten.
Clara Holzinger: Für Ärzt*innen ist eine Anerkennung auch recht schwierig, da Österreich einen C1-Sprachnachweis verlangt, um als Ärztin arbeiten zu können. Das war für einige unserer Interviewpartner*innen nicht einfach auf dieses Niveau zu kommen ohne arbeiten zu können. Eine Frau aus unserem Sample hat es drei Jahre lang probiert und ist dann tatsächlich wieder zurück in ihr Herkunftsland gegangen. Sie war Laborärztin und meinte, sie könne nicht noch mehr Zeit vergeuden, da sie sonst ihre technischen Fertigkeiten verliert. Wenn sie jetzt nicht zurückgehe, komme sie in ihrem Bereich nicht mehr mit. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass es nicht nur um die formelle Anerkennung geht, sondern auch um das Prestige von Abschlüssen. Mehrere Interviewpartner*innen haben berichtet, dass ihre Bildungsabschlüsse von Arbeitgebern in Österreich weniger wertgeschätzt werden.
FWF Projekt: Berufliche Dequalifizierungserfahrungen von Personen aus CEE-Staaten in Wien
Im Zentrum des FWF-Projekts DeMiCo stehen hochqualifizierte Migrant*innen aus "neuen" EU-Mitgliedsländern, die in Wien leben und unter ihrem Ausbildungsniveau arbeiten. Das Hauptkriterium bei der Auswahl der Interviewpartner*innen war, dass sie einen Hochschulabschluss haben, der nicht aus Österreich ist. Statistisch gesehen ist das genau die Gruppe, die überproportional von Dequalifizierung betroffen ist. Um ihre Strategien in dieser Situation zu erfahren, haben die Forscherinnen eine Längsschnittstudie angewandt, in der sie die Betroffenen innerhalb von vier Jahren insgesamt drei Mal interviewt haben. Das Projekt wurde von den Soziologinnen Elisabeth Scheibelhofer (Leitung), Clara Holzinger (Leitung) und Anna-Katharina Draxl (wiss. Projektmitarbeiterin) von Mai 2021 bis April 2025 durchgeführt.
Weiterführende Links:
Projektwebsite, Publikationen, Forschungsgruppe
Teilnehmer*innen für das Citizen Science-Folgeprojekt gesucht
Rudolphina: Können Sie ein paar Beispiele von Ihren Interviewpartner*innen nennen, welche Ausbildung sie hatten und in welchen "dequalifizierten" Berufen sie dann tatsächlich in Österreich gearbeitet haben?
Clara Holzinger: Zum Beispiel eine Naturwissenschafterin mit einem Masterabschluss, die sich in einem AMS Schnellkurs zur Kindergartenassistentin ausbilden hat lassen. Sie hat damit gehadert und diesen „Statusverlust“ als belastend empfunden, wie viele aus unserem Sample. Die oben erwähnte Ärztin aus Rumänien hat in der Zeit, in der sie sich um die Berufsanerkennung bemühte, als Laborassistentin gearbeitet, was auch weit unter ihrer Ausbildung war. Ein anderes Beispiel ist eine PhD-Studentin, die ihr Germanistik-Studium abgebrochen hat, um an der Rezeption eines Hotels zu arbeiten; sie hat sehr gut Deutsch gesprochen, aber ihren Akzent als Barriere wahrgenommen.
Rudolphina: Was waren die Hauptmotivationsgründe Ihrer Interviewpartner*innen nach Österreich zu kommen, um hier zu arbeiten?
Anna-Katharina Draxl: Zum einen Partnerschaften. Ein Jurist ist etwa mit seiner Frau mitgekommen, die hier eine gute Stelle angetreten hat, er hatte dann weniger Glück einen gleichwertigen Job zu finden. Und zum anderen geht es vielen schon um die Verbesserung ihrer Lebensqualität und den Verdienst, weil sie in ihren Herkunftsländern schlechtere Chancen haben und schlechter bezahlt werden. Österreich liegt gerade für Menschen aus CEE-Staaten auch sehr günstig, es ist im Westen, aber gleichzeitig viel näher an ihrer Heimat und Familie als zum Beispiel England oder die USA.
Rudolphina: Wie gehen die Menschen mit dieser oft belastenden Situation um?
Clara Holzinger: Viele hadern mit ihrem Selbstbewusstsein und da hat es einigen geholfen sich in Gruppen zusammenzufinden und Netzwerke zu nutzen, sei es auf beruflicher Ebene, aber auch um sich einfach privat auszutauschen. Mit anderen darüber zu reden, die in einer ähnlichen Situation sind und auch Erfahrungen mit Diskriminierungen gemacht haben, kann sehr hilfreich sein. Gerade diese Gruppe aus CEE-Staaten erlebt ambivalente Anforderungen, weil sie einerseits als Osteuropäer*innen oft abgewertet werden, andererseits haben sie eine Ausbildung mit oft hohem sozialen Status.
Anna-Katharina Draxl: Aufgrund dieser ambivalenten Situation interessieren uns gerade die Diskriminierungserfahrungen und -daten aus dem Projekt. Die schauen wir uns nun auch in einem einjährigen Citizen Science-Folgeprojekt genauer an. Wir organisieren Interpretations-Workshops, an denen u.a. betroffene Personen teilnehmen, die keine sozialwissenschaftliche Ausbildung haben. Stattdessen bringen sie unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven ein, so können wir unseren Horizont auf die Daten erweitern. Wir hatten bereits einen spannenden Workshop dazu und sind wir sehr gespannt, wie sich das entwickeln wird.
Rudolphina: Herzlichen Dank für das Gespräch!