Semesterfrage: Lernen im Wandel

Was Schule morgen können muss

Schule soll junge Menschen auf die Zukunft vorbereiten, doch was gehört heute in den sprichwörtlichen Rucksack fürs Leben? Zum Auftakt der Semesterfrage skizzieren eine Familiensoziologin, ein Bildungspsychologe und ein Fachdidaktiker, wie Lernen so gestaltet werden kann, dass es Neugier und Motivation ein Leben lang wachhält.
Rund 11.000 Stunden werden sie bis zur Matura in der Schule verbracht haben. Was werden sie dann gelernt haben? Sind sie (noch) voller Bewegungs- und Tatendrang? Und wie wird ihre Welt aussehen? © Ian Ehm

Wer heute zur Schule geht, wächst in einer Welt auf, die sich schneller verändert als je zuvor. "Junge Menschen haben es mit einer Vielzahl von Herausforderungen zu tun, neben Schulstress, Leistungsdruck und den Erwartungen der Eltern müssen sie sich in der Welt von Social Media, Informationsflut und neuen Technologien zurechtfinden – und zugleich mit den großen globalen Krisen ihrer Zeit umgehen", beschreibt Familiensoziologin Ulrike Zartler die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. 

Gleichzeitig bietet diese komplexe Welt auch Chancen und neue Freiheiten: sich eigenständig Wissen anzueignen, sich gesellschaftlich zu engagieren, technologische und soziale Kompetenzen zu entwickeln, weltweit Kontakte zu knüpfen. "Es war die junge Generation, die mit Fridays for Future auf die Straße gegangen ist und deutlich gemacht hat, dass sie Veränderungen einfordert und aktiv mitgestalten will", sagt Bildungspsychologe Marko Lüftenegger. "Die Frage ist: Wie kann Schule dieses Engagement fördern und die notwendigen Kompetenzen vermitteln, damit junge Menschen die Herausforderungen ihrer Zeit erfolgreich bewältigen können?" 

Fachdidaktiker Martin Rothgangel, Leiter des Zentrums für Lehrer*innenbildung – an der Uni Wien gibt es ca. 11.000 Lehramtsstudierende –, ergänzt: "Die Schule hat heute, in dieser vernetzten und informationsreichen Welt, mehr denn je den Auftrag, Schüler*innen zu befähigen, Quellen kritisch zu hinterfragen und grundlegende Zusammenhänge zu verstehen." Neben Klimawandel und sozialer Ungleichheit ist wohl der Umgang mit Desinformation eine der größten bildungswissenschaftlichen Aufgaben der nächsten Jahrzehnte.

Orientierungswissen ist wichtig, damit Schüler*innen die großen Herausforderungen unserer Zeit – wie den Klimawandel – verstehen und einordnen können.
Martin Rothgangel

Videomitschnitt: Roundtable "Was muss Schule morgen können?"

Wo schon bald Schüler*innen Uni-Luft schnuppern und angehende Lehrer*innen sich in der Unterrichtspraxis üben – im “Future Lab Life Skills” (Leitung Claudia Angele & Team) am Department für Ernährungswissenschaften, einem von sechs Lehr-Lern-Labors an der Uni Wien – diskutieren der Fachdidaktiker Martin Rothgangel, die Familiensoziologin Ulrike Zartler und der Bildungspsychologe Marko Lüftenegger die Frage: Welche Skills brauchen Schüler*innen für die Zukunft?”. Es moderierte Tanja Traxler, Leiterin des Standard Wissenschaftsressorts.

Zuversicht als Zukunftskompetenz

Dass dafür mehr als Fachwissen nötig ist – und welche Stärken und Potenziale Schüler*innen mitbringen – zeigt auch ein kürzlich abgeschlossenes, partizipatives Projekt von Ulrike Zartler: Hier haben Jugendliche ihre Erfahrungen aus der Corona-Pandemie aufgearbeitet und in Form von konkreten Ratschlägen und praktischen Tipps als "Survival Guide” für Krisenzeiten zusammengefasst. 

"Diese Guidelines reichen von 'Struktur schaffen' über 'Selfcare-Routinen entwickeln' bis hin zum Grundsatz 'Auch die schlimmste Krise geht einmal vorbei'", erzählt Zartler und schließt daraus: "Zuversicht ist eine Kompetenz, die eng mit Selbstwirksamkeit und dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verknüpft ist. Diese zu fördern und den Schüler*innen zu vermitteln, dass sie auch in schwierigen Situationen etwas bewirken können, sehe ich als eine zentrale Rolle von Schule heute.”


Eine Art von Zuversicht, von Selbstwirksamkeit und von einem Vertrauen in die eigenen Kompetenzen zu erlernen, das kann in Mathematik genauso gut funktionieren wie in anderen Bereichen.
Ulrike Zartler
Porträt von Ulrike Zartler
Für das Projekt “How 2 survive a Pandemic: Jugendliche im Umgang mit Krise” haben Ulrike Zartler und ihr Team mit vier Schulen in NÖ und Wien zusammengearbeitet. “Statt defizitorientiert zu fragen, welche Probleme sie während der Pandemie hatten, lag der Fokus darauf, was sie gelernt haben – ein Ansatz, der vielen Jugendlichen erstmals das Gefühl gab, gehört zu werden”, erzählt die Soziologin. © Alexander Bachmayer

Lernen will gelernt sein

Denn wie schnelllebig die Zeiten auch sein mögen, Schule bleibt ein vergleichsweise beständiger Pol im Leben junger Menschen. Nicht erst die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig sie auch als sozialer Raum und Beziehungsort ist: Rund 11.000 Stunden verbringen Kinder dort vom ersten Schultag bis zur Matura. Auch die grundlegende Aufgabe von Schule habe sich nicht wesentlich verändert, so Lüftenegger: "Es geht immer darum, Kompetenzen zu vermitteln, die für das Leben notwendig sind." 

Besonders zentral – und zeitlos – sei dabei “Selbstregulation”, also die Kompetenz, das eigene Lernen zu steuern, sich zu organisieren und eigenständig Ziele zu verfolgen. Diese Fähigkeit endet nicht mit der Schule, sondern ist auch im späteren Leben und Beruf von Bedeutung. In einer Welt, die von Krisen und Veränderungen geprägt ist, hilft die Fähigkeit, flexibel und handlungsfähig zu bleiben, sind sich die Expert*innen der Uni Wien einig. 


Wir müssen Schüler*innen beibringen, ihr Lernen selbst zu organisieren – nicht nur in der Schule, sondern auch darüber hinaus.
Marko Lüftenegger

Selbstregulation sei laut Lüftenegger auch jene Schlüsselkompetenz, die es Lernenden ermögliche, nachhaltig motiviert zu bleiben. Dabei spiele auch Autonomie, also das Gefühl, selbstbestimmt handeln zu können, eine entscheidende Rolle: „Gerade die Schulzeit ist ja auch eine Sturm-und-Drang-Zeit, wo man sich ausprobiert, sich auch von den Eltern abnabelt”, so der Bildungspsychologe: "Wenn die Schule es schafft, das Kompetenzerleben und die Selbstwirksamkeit von Kindern und Jugendlichen zu fördern, aber auch ihre Autonomie, dann hat sie vielen möglichen Stolpersteinen in der Entwicklung schon vorgebeugt."

Portrtät Marko Lüftenegger
Gemeinsam mit Barbara Schober und Manfred Prenzel leitet Marko Lüftenegger das aktuelle Projekt “100 Schulen – 1000 Chancen” mit dem Ziel, ein besseres Verständnis darüber zu erlangen, wie Schulen mit besonderen Herausforderungen aktuell umgehen – insbesondere, wie sie Ressourcen konkret einsetzen und nutzen und was dies für die Schulqualität bedeutet. © Alexander Bachmayer

Diskutieren Sie mit!

Wie erleben Sie das Lernen Ihrer Kinder – ob als Eltern, Lehrpersonen oder Studierende? Haben sich Motivation und Belastung in den letzten Jahren verändert? Welche "Future Skills" sind Ihnen im Unterricht oder im Beruf besonders wichtig? Und wo stoßen Sie an Grenzen – etwa durch Zeitmangel, fehlende Unterstützung oder zu hohe Erwartungen? Welche Fähigkeiten zählen heute wirklich – und welche hätten Sie sich selbst im Unterricht gewünscht?

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Aus der Forschung ins Klassenzimmer

Braucht es dazu ein neues Schulfach? "Nein", stellt Ulrike Zartler fest, "das sind Bildungsziele, die eigentlich in jedem Fach aufgegriffen und gestärkt werden können." Etwa, indem Lehrkräfte den Lernenden Raum geben, ihre eigenen Lernziele zu setzen und Wege zu finden, diese zu erreichen. Zartler plädiert für einen partizipativen Zugang in der Schule: "Kinder und Jugendliche ernst nehmen, in dem, wie sie ihre Umwelt erleben, sie Themen, denen sie auf Social Media begegnen, in den Unterricht mitbringen lassen", nennt sie konkrete Beispiele.

"Weiters ist es wichtig, den Nutzen einer Aufgabe aufzuzeigen und in die Lebensrealität von Schüler*innen einzubauen: Wozu brauche ich das? Warum lerne ich das?", so Lüftenegger. Lehrer*innen sollten den jugendlichen Tatendrang aufgreifen und Schüler*innen ermutigen, eigene Lösungsansätze zu entwickeln, statt ihnen vorgefertigte Antworten zu präsentieren, nennt der Psychologe, einen Tipp, wie das gelingen kann. 

Martin Rothgangel ergänzt: "Die fachdidaktische Forschung zeigt, dass es für den Lernerfolg wichtig ist, das Vorwissen der Schüler*innen zu berücksichtigen. Beispiel Physikunterricht: Wir wissen, dass Schüler*innen deutlich besser lernen, wenn etwa die physikalische Formel von Kraft in Auseinandersetzung mit ihren Alltagsvorstellungen (z.B. Muskelkraft) vermittelt wird." 

"Die Lehrkraft wird’s schon richten..."

Motivation brauchen aber auch die Lehrkräfte, um bereit zu bleiben, sich weiterzubilden und neue Ansätze auszuprobieren. "In den Lockdowns ist bei vielen Eltern eine neue Wertschätzung und Verständnis für die tägliche Leistung von Lehrer*innen entstanden", erzählt Ulrike Zartler aus ihrer Forschung zu Corona und Familienleben. Gegenseitige Anerkennung und eine gute Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Eltern sind entscheidend für den Erfolg der Schüler*innen und ein funktionierendes Schulsystem. Ebenso wichtig: ein positives Arbeitsklima und ein guter Dialog im Lehrer*innenzimmer: "Dafür hat die Schulleitung Sorge zu tragen", ergänzt Martin Rothgangel.

Auch Erfolgsgeschichten können motivieren, indem sie zeigen, dass neue Ansätze funktionieren und positive Ergebnisse erzielen: "Es gibt, egal ob Volksschule, Mittelschule oder auch Gymnasium, viele tolle Beispiele, wo evidenzbasierte Ansätze erfolgreich umgesetzt werden, und es hängt nicht von den Ressourcen oder dem Schultyp ab", sagt Lüftenegger. Umgekehrt kommen viele wertvolle Erfahrungen und gute Ideen aus der Praxis, ist es Ulrike Zartler wichtig hervorzuheben – daher plädiert sie dafür, den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis weiter zu fördern. 

Porträt Martin Rothgangel
"Eine Aufgabe von Schule ist es, Pluralitätsfähigkeit zu fördern – die Kompetenz, zur eigenen Kultur zu stehen, offen für andere Kulturen zu sein, Vorurteile abzubauen und kritisch mit sich selbst und anderen umzugehen", sagt Fachdidaktiker Martin Rothgangel, der das Zentrum für Lehrer*innenbildung an der Uni Wien leitet. © Alexander Bachmayer

"Wir brauchen evidenzbasierte Bildungspolitik"

Dieser Austausch mit Wissenschaft und Praxis sei besonders zentral, wenn es um bildungspolitische Maßnahmen und Reformen gehe, sind sich die Expert*innen einig. "Die Bildungspolitik stößt eine Schulreform nach der anderen an. Und diese sind meist nicht evidenzbasiert", kritisiert Rothgangel. Und Zartler fordert, das gesellschaftspolitische Ziel von Bildung wieder klar zu benennen: "Wir brauchen eine chancengerechte Schule für alle Schüler*innen, weil wir es uns als Gesellschaft nicht leisten können, Kinder zurückzulassen."

Ob es nun um die flächendeckende Einführung digitaler Geräte in Schulen, die Deutschförderklassen  oder Reformen wie die Einführung der Neuen Mittelschule geht: Diese Maßnahmen gehören gut geplant, begleitet und evaluiert, bevor sie flächendeckend umgesetzt werden. Zudem sei es wesentlich, dass alle Stakeholder – von Lehrpersonen über Schulleitungen bis hin zu Eltern – in Reformprozesse eingebunden werden. An der Universität Wien wird nicht nur disziplinenübergreifend erforscht, wie Unterricht gelingen, Lernen gefördert und digitale Kompetenzen aufgebaut werden können, sondern auch analysiert, wie bildungspolitische Maßnahmen tatsächlich wirken – zum Beispiel in einer aktuellen, groß angelegten und multiperspektivischen Studie zu den Deutschförderklassen. So entstehen Grundlagen für eine Bildungspolitik, die evidenzbasiert, nachhaltig und chancengerecht gestaltet ist.

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Die Digitalisierung verändert nicht nur unsere Arbeitswelt, sondern auch das Lernen selbst. Doch welche Fähigkeiten brauchen wir, um in einer Welt im Wandel bestehen zu können? Dazu spricht Bildungsexperte Fares Kayali im Interview.

Heißes Eisen KI in der Schule

Gerade beim derzeit heiß diskutierten Thema KI in der Schule wird deutlich, wie wichtig solche wissenschaftlichen Grundlagen wären – denn hier steckt die Forschung noch in den Anfängen. Und auch wenn die sogenannte "Digital Native"-Generation den Umgang mit digitalen Tools oft schneller erlernt als viele ihrer Lehrer*innen, wirft der Einsatz von ChatGPT und Co. neue Fragen auf: Werden unsere Kinder denkfaul? Werden sie noch selbst denken und schreiben lernen?

Das Bildungssystem muss sich mit KI auseinandersetzen, stimmen die Expert*innen überein; KI sei eine "neue Realität", wie es Lüftenegger ausdrückt. Ulrike Zartler betont, dass Schüler*innen lernen müssen, kritisch mit KI-generierten Inhalten umzugehen. "Dazu gehört auch die Differenzierung, was kommt hier eigentlich von mir", denn schnell fühle es sich so an, als ob der "gemeinsam" mit der KI erstellte Text doch selbst verfasst sei. Sie verweist auf die Gefahr eines "tertiären Analphabetismus", wie es der Schriftsteller Clemens J. Setz formuliert habe: der Verlust der Fähigkeit, Texte selbst zu schreiben oder überhaupt zu differenzieren, ob ein Text von uns oder für uns geschrieben wurde.

Wie die KI sinnvoll in den Unterricht integriert werden kann, dazu wird an der Universität Wien in verschiedenen Bereichen geforscht, u.a. in der Forschungsgruppe Digitalisierung im Bildungsbereich. Dass sie eine hilfreiche Ergänzung und ein nützliches Werkzeug sein kann, darüber sind sich Martin Rothgangel, Ulrike Zartler und Marko Lüftenegger bei der Roundtable-Diskussion zum Auftakt der Semesterfrage einig. Wo sie aber menschliche Fähigkeiten ersetze, werde sie auf mittlere Sicht zum Problem.

Die Diskussion ist also angestoßen – und wird uns das Semester über begleiten. Was sollen wir also lernen, wenn sich alles ändert? Verfolgen Sie die Antworten und Ideen unserer Expert*innen laufend hier in der Rudolphina, auf Youtube und weiteren Kommunikationskanälen der Uni Wien.

Highlights im Rahmen der Semesterfrage

Sie können unsere Beiträge lesen, streamen und anhören – und sich bei Events mit Wissenschafter*innen und anderen Bildungsakteur*innen austauschen.

Gruppenbild mit Lüftenegger, Zartler und Rothgangel
Marko Lüftenegger, Ulrike Zartler und Martin Rothgangel machten den "Aufschlag" zur aktuellen Semesterfrage. Wir holen Stimmen weiterer Expert*innen ein, bleiben Sie am Ball! © Alexander Bachmayer

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"Ich möchte dafür plädieren, dass wir die Schule als Ort des sozialen Lernens sehen. Dass Schüler*innen dort Selbstwirksamkeit lernen, in allen Fächern, und dass sie mit dem Bewusstsein aus der Schule gehen, sehr viel erreichen und sehr viel schaffen zu können. Und dass sie dafür auch eine Grundhaltung gelernt haben, die es ihnen ermöglicht, auf neue Situationen reagieren zu können."
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"Wir müssen dafür sorgen, dass junge Menschen in der Lage sind, selbstreguliert zu lernen. Das heißt, ihr Lernen zu organisieren, nicht nur im Rahmen der Schule, sondern auch später im Leben. So ein Grundkompetenz ist zeitlos und wird auch in Zukunft notwendig sein, vielleicht sogar noch wichtiger als heute schon."
Marko Lüftenegger