Ukraine: Frauen im Krieg

"Empathie statt Aufrüstung"

8. März 2022 von Sarah Nägele und Petra Schiefer
Angesichte der aktuellen und dramatischen Entwicklungen in der Ukraine machen Elisabeth Holzleithner, Claudia Kraft und Birgit Sauer von der Uni Wien auf die Situation ukrainischer Frauen aufmerksam.
"Empathie statt Aufrüstung mag zwar angesichts der Panzer und Granaten naiv klingen, doch es scheint die einzig nachhaltige Strategie gegen eine maskulinistisch-kriegerische Ordnung", so Politologin Birgit Sauer. © Pexels / Ahmed
Die russische Führung befestigt seit langem die patriarchalen Strukturen und intendiert mit der militärischen Expansion nun deren Export.
Elisabeth Holzleithner

Militärische Aggression gegen LGBTIQ

"Auf Twitter kursiert Ende Februar 2022 eine Fotomontage als Karikatur der Geschlechterverhältnisse im 'Westen': Sie zeigt rosafarbene Panzer, auf denen Menschen mit Regenbogenflaggen sitzen. Der begleitende Kommentar: 'First NATO tanks arrive in Kiev to fight Russia'. Dieser Tweet macht deutlich, wogegen die militärische Aggression der russischen Führung gegen die Ukraine auch gerichtet ist: gegen eine Welt, in der Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-, Intergender und Queers (LGBTIQ) offen leben können, ohne von Missachtung und Gewalt bedroht zu werden; in der LGBTIQs und Frauen das Recht in Anspruch nehmen können, um sich gegen (sexuelle) Übergriffe im Öffentlichen wie im Privaten zu wehren. Geschlechterforscher*innen wissen nur zu gut, dass auch liberale Demokratien dieses grundrechtliche Versprechen nicht immer einlösen. Doch die russische Führung bezweckt deren Zerstörung. Sie befestigt seit langem die patriarchalen Strukturen der konventionellen Geschlechterordnung im eigenen Land und intendiert mit der militärischen Expansion nun deren Export." (Elisabeth Holzleithner)

Elisabeth Holzleithner ist seit 2014 Univ.-Prof. für Rechtsphilosophie und Legal Gender Studies an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät sowie Sprecherin der Forschungsplattform GAIN - Gender: Ambivalent In_Visibilities. Holzleithner leitet das Institut für Rechtsphilosophie und forscht und lehrt unter anderem zu den Themen Sichtbarkeit und Ambivalenz von Geschlecht im Recht.
Der Zusammenbruch des sozialistischen Wohlfahrtsstaates betraf und mobilisierte gerade die Frauen in der Ukraine.
Claudia Kraft
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"Während der Majdan-Revolution waren Frauen sehr sichtbar"

"In der seit 1991 unabhängigen Ukraine hatten frauenpolitische bzw. feministische Bewegungen zunächst einen schweren Stand. Wie in allen postsozialistischen Ländern spielte das Thema der Gleichberechtigung der Geschlechter zunächst eine untergeordnete Rolle. Staatliche Maßnahmen zur Gleichstellung wurden mit dem ehemaligen sozialistischen Staatspaternalismus in Verbindung gebracht und daher abgelehnt. Doch der Zusammenbruch des sozialistischen Wohlfahrtsstaates betraf und mobilisierte gerade die Frauen in der Ukraine. Und auch die junge ukrainische Demokratie nahm sich des Themas zunehmend an, wie die Verabschiedung von Gesetzen zur Bekämpfung von Diskriminierung und geschlechterbasierter Gewalt (2001) oder zur Schaffung gleicher Rechte und Möglichkeiten für Männer und Frauen (2005) zeigt. Während der Majdan-Revolution 2013/14 waren Frauen sehr sichtbar. Der Kampf um eine liberale Demokratie, in der rechtliche und politische Gleichheit eine mobilisierende Zielvorstellung ist, war und ist vor allem auch Frauen wichtig. Heute wird er in der Ukraine gegen einen Aggressor geführt, dessen Weltsicht neoimperial und patriarchal gleichermaßen ist." (Claudia Kraft)

Claudia Kraft ist seit 2018 Professorin für Zeitgeschichte: Kulturgeschichte – Wissens- und Geschlechtergeschichte an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen u.a.: Vergleichende europäische Zeitgeschichte, Geschlechtergeschichte, Geschichte des Staatssozialismus in Mittel- und Osteuropa, Transnationale Rechtsgeschichte im 20. Jahrhundert, Geschichte der Zwangsmigrationen im 20. Jahrhundert sowie Geschichtskultur(en) und Geschichtspolitik(en) in Europa;
Wladimir Putin vereint Autoritarismus, Herrschaftsgelüste und Maskulinismus – symbolisiert in seiner Pose mit nacktem Oberkörper.
Birgit Sauer

"Der kriegerische Maskulinismus bedroht Frauen"

"Es ist Krieg in Europa. Menschen werden wegen Großmachtphantasien vertrieben, geschunden, getötet. Der Krieg war in der politischen Moderne schon immer maskulinistisch – lange galten nur Männer als waffenfähig, Staatschefs und militärische Strategen waren Männer. Wladimir Putin vereint Autoritarismus, Herrschaftsgelüste und Maskulinismus – symbolisiert in seiner Pose mit nacktem Oberkörper. Den Überfall auf die Ukraine rechtfertigt er u.a. mit einem typisch autoritär-populistischen Argument, das anschlussfähig an anti-feministische Diskurse ist: Russland sei ein Opfer fremder Mächte, die die russische Kultur zerstören wollten. Der kriegerische Maskulinismus ist systemisch, er ist Teil der patriarchalen politischen Moderne, die die Sorge um andere Menschen, die Verbundenheit und Abhängigkeit von Menschen ignoriert und in die vermeintliche Privatsphäre verbannt.

Dieser strukturelle kriegerische Maskulinismus bedroht Frauen – nicht nur, doch vor allem in Kriegszeiten – mit Gewalt. Männliche Phantasien der Verfügung über Frauen schlagen in Zeiten kriegerischen Mordens leicht in sexualisierte und physische Gewalt gegen Frauen um. Nationalistische Phantasmen sehen in der Vergewaltigung von Frauen eine Erniedrigung der gegnerischen Nation. Schon vor dem Überfall auf die Ukraine ist es in Europa roher geworden: Rechtspopulistische Politiker, nicht nur in Russland, lieben die autoritär-maskulinistische Geste und die Aggressivität gegen als 'Andere' identifizierte Menschen – Geflüchtete, Obdachlose oder Sinti und Roma. Das Leben und Sorge verneinende System des Maskulinismus muss zerschlagen werden. Empathie statt Aufrüstung mag zwar angesichts der Panzer und Granaten naiv klingen, doch es scheint die einzig nachhaltige Strategie gegen eine maskulinistisch-kriegerische Ordnung." (Birgit Sauer)

Birgit Sauer ist Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Governance und Geschlecht. Sauer ist Vize-Doktoratssstudienprogrammleiterin der Fakultät für Sozialwissenschaften und Vize-Sprecherin der Forschungsplattform GAIN - Gender: Ambivalent In_Visibilities.