Fremdsprachen

"Aussprache ist keine Kosmetik"

13. November 2019 von Sarah Nägele
"Monsieur, l‘aventure, de plus en plus": Wer fließend Französisch sprechen will, muss neben Vokabeln und Grammatik auch die Aussprache beherrschen. Welche phonologischen Fortschritte Schüler*innen in Wien machen, untersucht die Romanistin Elissa Pustka an der Uni Wien.

"Wofür lernt man denn Sprachen?" fragt Elissa Pustka ernst, um ihre Frage gleich selbst zu beantworten: "Man möchte hingehen und mit den Leuten reden! Mündlichkeit ist eigentlich das Wichtigste." An diesem praktischen Gedanken setzt die aktuelle Forschung der Romanistin an. Mit "Pro2F-Pronounciation in Progress" leitet Pustka an der Uni Wien das weltweit erste Forschungsprojekt zur Aussprache von Schüler*innen im Französischen, denn "diese stellen die größte und wichtigste Zielgruppe für die Grundlagenforschung dar."

Foto von Elisaa Pustka und ihrem Projektteam
Natürlich gebe es Gründe, warum Aussprache als schwierig empfunden wird, gibt Elissa Pustka zu. "Sie ist etwas Flüchtiges. Man spricht, und dann ist es weg." Wie soll man als Lehrkraft auf Aussprachefehler reagieren? Gemeinsam mit den Projektmitarbeiterinnen Léa Courdès-Murphy und Elisabeth Heiszenberger erforscht sie phonologische Grundlagen für eine neue Aussprachedidaktik. © Sarah Nägele

"Schwa" und "Liaison": Die Phänomene der Aussprache

Schauplatz der Untersuchung ist eine Wiener Schule, an der Schüler*innen als sogenannte "Langfranzosen" sechs Jahre lang die Sprache lernen. 145 von ihnen werden von einer Muttersprachlerin interviewt und lesen Texte und Wörter vor. Die Mitglieder des Projektteams – Studienassistentinnen und Doktorandinnen – dokumentieren das per Audio-Aufnahme. Doktorandin Elisabeth Heiszenberger und Postdoc-Mitarbeiterin Léa Courdès-Murphy analysieren im Anschluss die Daten.

"Natürlich wäre es spannend, verschiedene Schulen und soziale Schichten zu kontrastieren", sagt Pustka, "aber im aktuellen Projekt konzentrieren wir uns darauf, die Entwicklung zu analysieren, die sich unter vergleichbaren Rahmenbedingungen mit demselben Lehrwerk, in derselben Schule, ergibt." Kern der Auswertung sind die Fortschritte bei zwei besonders häufigen Aussprache-Hürden für Französisch-Lernende: der "Schwa-Laut" und die "Liaison". Warum gerade diese Phänomene so spannend sind, hat zwei Gründe. Zum einen wird in der französischen Phonologie dazu sehr viel geforscht, was die Ergebnisse gut vergleichbar macht. Zum anderen: "Das sind Phänomene, bei denen die Ergebnisse unserer Studie schnell und einfach zur Verbesserung des Unterrichts beitragen können."

Das Schwa ist ein Laut, der im Französischen oft als akzentloses e auftaucht, aber als kurzes, offenes ö ausgesprochen wird. Das "e" im Artikel "le" ist dafür genauso Beispiel wie das "e" in "semaine" (Woche). Die Liaison lässt ein stummes, finales s, n, oder t an den Anfang des mit Vokal beginnenden Folgewortes hinüberziehen wie zum Beispiel bei: "les amis" (die Freunde), was man als [lezami] ausspricht. Beginnt das Folgewort mit einem Konsonanten, verbinden sich die Wörter nicht.
 

Ein Ö wie in Österreich

Erste Auswertungen gibt es bereits zur Leseaussprache der Schüler*innen. Hier zeigt sich: Bei der Liaison machen die Lernenden rasch Fortschritte, beim Schwa-Laut stagniert die Aussprache. Dafür hat Elissa Pustka eine einfache Erklärung: "Die Lehrenden kennen die Liaison und unterrichten sie auch." Der Schwa-Laut wird im Vergleich dazu kaum besprochen und auch in Schulbüchern nicht thematisiert. "Niemand sagt also den Kindern, wie man es korrekt ausspricht", beklagt sich die Sprachforscherin, "würden sie wissen, dass der Schwa-Laut wie das Ö in Österreich ausgesprochen wird, wäre das kein Problem."

Daneben gibt es aber auch individuelle Faktoren, wie Dialekte, die im Projekt mit einbezogen werden. "Deshalb analysieren wir die Aussprache jedes einzelnen Kindes", erklärt Pustka. Denn aus anderen Voraussetzungen ergeben sich andere Probleme.

Foto eines Cafes mit Gästen in Frankreich
Zusätzlich hat Elissa Pustka jeweils 100 bayrische und österreichische LehrerInnen befragt. Trotz ähnlicher Voraussetzungen fühlen sich die bayrischen wohler mit der Aussprache und nutzen die Lautschrift als Instrument im Ausspracheunterricht. Die im Vergleich geringe Instruktion zur Aussprache im Französischunterricht in Österreich ist problematisch, denn "gibt man Lernenden kein System vor, bauen sie sich selbst eins, oft ein falsches." © Pexels/Timea Kadar

Werkzeug für Lehrer*innen

Ziel des Projekts ist es, die Grundlagenforschung zu liefern, die nötig ist, um eine neue Aussprachedidaktik zu entwickeln. Ganz praktisch will Pustka Lehrer*innen Werkzeuge für den Aussprache-Unterricht in die Hand geben. Mündlichkeit ist für Lehrende schwerer abzuprüfen als einen Aufsatz zu korrigieren. Neue Möglichkeiten eröffnen sich durch die neuen Medien: "Die SchülerInnen können sich beispielsweise mit ihren Smartphones selbst aufnehmen. Das können sich die Lehrer*innen nicht nur mehrmals in Ruhe anhören, sondern mit Computerprogrammen auch anschauen", veranschaulicht Pustka. 

Workshops für Lehrer*innen

Für den Einsatz solcher neuer Lehrmethoden braucht es eine entsprechende Ausbildung – die bieten die Professorin für Romanische Sprach- und Kommunikationswissenschaft und ihr Team jedes Semester im Rahmen von Fortbildungen an der Pädagogischen Hochschule für Französischlehrer*innen zu den Themen Mündlichkeit und Aussprache an: "Die Nachfrage ist groß." Weitere Informationen zu den Fortbildungen

Bewährte Mittel nutzen

Ein weiteres Werkzeug gibt es schon seit über 100 Jahren und ist nur in Vergessenheit geraten: Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte der französische Linguist Paul Passy das "Internationale Phonetische Alphabet". Zusammen mit Wissenschafter*innen aus ganz Europa überlegte er sich ein Zeichensystem, das die Phoneme aller Sprachen möglichst akkurat wiedergeben kann: die Lautschrift. Den Schüler*innen dient sie bis heute als visuelle Gedankenstütze: "Etwas geschrieben zu sehen ist viel anschaulicher, und das ist wichtig, um die genaue Aussprache zu verstehen und sich nachher auch daran zu erinnern", erklärt die Projektleiterin. "Paul Passy entwickelte die Lautschrift auf Bitte von Lehrer*innen hin. Es wäre schade, wenn man ein so bewährtes Mittel nicht nutzt." 

© Barbara Mair
© Barbara Mair
Elissa Pustka ist Professorin für Romanische Sprach- und Kommunikationswissenschaft am Institut für Romanistik der Universität Wien.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind Phonologie, Semantik und Pragmatik, Perzeption, Kognition und Emotion, Sprachkontakt, Variation und Wandel.