Menschliches Verhalten

Was uns Tiere über unser Aggressionsverhalten zeigen

28. März 2022 von Thomas Bugnyar
Wie erklärt man Aggression, ob in aufgeheizten Demos oder im Krieg? In seiner Forschung zum Sozialverhalten von Tieren hat es Thomas Bugnyar von der Uni Wien oft mit ganz ähnlichen Fragen zu tun. Im Gastbeitrag versucht er einen Lösungsansatz.
Laut dem Verhaltensforscher Thomas Bugnyar sind Studien an Tieren durchaus geeignet, um bestimmte Aspekte von aggressivem menschlichen Verhalten besser zu verstehen. © Sides Imagery/Pexels

Wie viele andere verfolge ich mit Staunen die Ereignisse in den letzten Monaten. Sie eröffnen eine Fülle von Fragen über unser Verhalten in Konfliktsituationen. Wie erklärt man etwa Aggression, ob in aufgeheizten Demos oder im Krieg? In meiner Forschung zum Sozialverhalten und den damit einhergehenden kognitiven Leistungen von Tieren habe ich mit ähnlichen Fragen zu tun. Daher versuche ich hier einen Lösungsansatz.

Menschliches Aggressionsverhalten aus der Sicht des Verhaltensbiologen

Im Prinzip lässt sich menschliches Aggressionsverhalten genauso wie das von Tieren entlang von vier Betrachtungsebenen verstehen, eine Erkenntnis, die wir übrigens den Nobelpreisträgern Niko Tinbergen und Konrad Lorenz verdanken. Mechanistisch gesehen (Ebene 1) basiert jegliche Aggression auf einer Grundemotion, nämlich Wut oder Zorn. Die Funktion von aggressivem Verhalten (Ebene 2) besteht darin, sich bzw. Ressourcen zu schützen. Allerdings gibt es große Unterschiede in der individuellen Ausprägung von aggressivem Verhalten (Ebene 3), die sich Großteils mit Unterschieden in sozialer Erfahrung sowie dem Zusammenspiel von genetischen Neigungen und Umweltfaktoren erklären lassen. Vergleichend betrachtet (Ebene 4) ist Aggression ein evolutionär altes System, wobei sich allerdings nah verwandte Arten beträchtlich unterscheiden können.

Aufgrund persönlicher Erfahrungen sind die Erklärungen der ersten drei Ebenen für jeden einzelnen gut nachvollziehbar. Die vierte Ebene ist intuitiv weniger leicht zu verstehen, da Evolution über lange Zeiträume wirkt und wir auf Vergleiche angewiesen sind. Hier zeigt uns die Forschung, dass auch bei Menschen eine selektive Entwicklung von Aggression über die Zeit zu erkennen ist – nämlich in Richtung zu mehr Kontrolle: aus biologischer Sicht wurden wir im Zusammenleben über Generationen friedvoller; aus kultureller Sicht wurde Aggression durch die Entwicklung von Normen und Gesetzen zunehmend verhindert bzw. verurteilt. Die derzeitige politische Situation weist allerdings darauf hin, dass dieses System noch fragil ist.

Wann man wie agiert, hängt stark vom sozialen Kontext ab.

Aggression aus Sicht des Kognitionsbiologen

Ein Grund hierfür mag sein, dass sich Aggression hervorragend taktisch einsetzen lässt. Einerseits kann man die Intensitätsstufen vom Drohen bis zur Eskalation variieren, andererseits kann man sie durch gezielte Information gegen bestimmte Individuen oder Gruppen richten, das heißt Propaganda betreiben. Hierbei kommt Kognition ins Spiel. Wann man wie agiert, hängt stark vom sozialen Kontext ab, das heißt, mit wem man es zu tun hat. Dies erfordert nicht nur ein Wissen über die beteiligten Individuen, sondern auch eine gute Selbstbeherrschung. Man könnte meinen, das sei die Domäne von uns Menschen; einen flexiblen und taktischen Einsatz von Aggression kann man aber auch bei Tieren finden. Zum Beispiel fordern Kolkraben Konflikte gezielt heraus, indem sie auf bestimmte Artgenossen losgehen; die Opfer der Aggression reagieren typischerweise mit Hilferufen, speziell wenn Freunde in der Nähe sind.

Das Beispiel der hilferufenden Raben zeigt uns einen weiteren entscheidenden Aspekt beim taktischen Einsatz von Aggression: die Möglichkeit zur Kooperation – wenn man einander hilft, kann man Konflikte gewinnen, die für den Einzelnen nicht zu gewinnen sind. Hierbei ist entscheidend, dass sich Partner aufeinander verlassen können. Es gilt daher, Strategien zu finden, um sich der Kooperationsbereitschaft des Partners zu versichern. Spieltheorische Modelle erweisen sich in der Wissenschaft als äußerst hilfreich, um verschiedene Strategien zu testen. Das Erkennen und die Bestrafung von Betrügern folgen nämlich nicht immer rationalen Argumenten. Tatsächlich zeigen gerade wir Menschen hierbei überraschend oft nichtrationale Entscheidungen und handeln impulsiver als gedacht. Umgekehrt erstaunt es, wie taktisch manche Tiere vorgehen können. Von Schimpansen etwa weiß man, dass sie versuchen, selbst Allianzen zu schmieden und die Allianzen von anderen gezielt zu stören. Kolkraben stehen dabei Schimpansen in nichts nach – und betreiben so auf ihre Weise "Politik".

Was zeichnet den Menschen aus?

Studien an Tieren sind also durchaus geeignet, um bestimmte Aspekte von aggressivem Verhalten besser zu verstehen. Als Grundlagenforschung können sie zwar kein unmittelbares Rezept bieten, wie wir die Anforderungen unserer Zeit zu meistern haben. Allerdings können sie Muster aufzeigen, die auch für uns Menschen zutreffen. Was uns Menschen auszeichnet, ist dieses Generieren von allgemeinem Wissen. Auf der Basis dieses Wissens kann dann jeder für sich entscheiden, wie sehr man Neigungen nachgibt bzw. mit Konflikten umgeht. Die individuellen Unterschiede hierbei sind oft enorm. Versuchen Sie es selbst – welche Verhaltensmuster lassen sich in ihrem sozialen Umfeld erkennen, um mit Aggression umzugehen?

Thomas Bugnyar ist Professor und aktueller Leiter des Departments für Verhaltens- und Kognitionsbiologie der Universität Wien. Sein wissenschaftliches Interesse gilt dem Sozialverhalten und der Evolution von Intelligenz. Er forscht vorwiegend an Rabenvögeln und Primaten. Seine Forschungstätigkeiten umfassen Langzeitstudien unter Freilandbedingungen genauso wie experimentelle Studien zum Verständnis und strategischen Einsatz von Kommunikation, Kooperation, Konkurrenz und der sozialen Weitergabe von Information.

Semesterfrage: Was bestimmt menschliches Verhalten?

Der Gastbeitrag von Thomas Bugnyar erschien am 29. März 2022 auf "DerStandard" im Rahmen der Semesterfrage, einer Medienkooperation zwischen "DerStandard" und der Universität Wien. Lesen Sie hier weitere Beiträge zur Semesterfrage.