Sozialethik

Wenn die letzte Bastion von Privatheit fällt…

30. November 2021 von Hanna Möller
Sozialethiker Alexander Filipović von der Uni Wien hat sich den Medien und dem gesellschaftlichen Wandel verschrieben. Zu seinem Job gehört es (auch), die "mahnende Stimme" zu sein – vor allem, wenn Konzerne in unsere innersten Gedanken vordringen möchten.
Medienethik, Technikethik (Digitale Ethik), Politische Ethik und Philosophischer Pragmatismus sind die Spezialgebiete von Alexander Filipović. Wir haben mit ihm über Wertewandel in Zeiten von Digitalisierung, verantwortungsvolles Handeln und die Zukunft der KI gesprochen. © privat

Sozialethik ist in erster Linie philosophische Arbeit. Alexander Filipović von der Uni Wien hat sich früh auf die Digitalisierung spezialisiert und beschäftigt sich mit Fragestellungen rund um Privatheit, digital responsibility und Künstliche Intelligenz. Wir haben mit ihm ein Interview im Rahmen der aktuellen Semesterfrage "Worauf legen wir noch Wert?" geführt.

Rudolphina: Alexander Filipović, Sie sind Sozialethiker an der Universität Wien – was macht ein Sozialethiker?

Alexander Filipović: Sozialethik ist eine philosophische Arbeit. Ich reflektiere moralische Perspektiven und Einstellungen durch die "soziale Linse", z.B. untersuche ich soziale Strukturen in gesellschaftlichen Einrichtungen und überlege, ob diese Strukturen den Menschen entgegenkommen.

Rudolphina: Was beschäftigt Sie aktuell?

Alexander Filipović: Ich befasse mich – schon seit den 1990er Jahren, damals haben wir noch von der "Blogosphäre" gesprochen – mit der Digitalisierung und der hochspannenden Frage, wie sich unsere Gesellschaft dadurch verändert. In dieser Debatte gibt es zwei Pole an Meinungen: Einige Wissenschafter*innen postulieren, dass die grundlegende Funktion der Medien gleichgeblieben sei. Schließlich haben Medien schon immer neue Dinge ins Rollen gebracht, denken wir an den Buchdruck und dessen Bedeutung für Religionen. Andere gehen davon aus, dass die Computertechnik die (öffentliche) Kommunikation kategorisch verändert hat. Sie ist partizipativer geworden: Menschen können Themen ins Spiel bringen, liken, sharen, Kultur nehmen und diese verändern. Dieser partizipative Aspekt, den uns das Internet beschert hat, ist wahnsinnig interessant, wichtig für unsere Demokratie, und gerade zu Beginn waren natürlich viele Hoffnungen damit verbunden.

Rudolphina: Wie verorten Sie Ihre Forschung zwischen diesen Polen: Hat das Internet nichts verändert oder alles verändert?

Alexander Filipović: Die guten Hoffnungen, die in den jungen Jahren des Internets mitschwangen, sind in den Hintergrund getreten. Zu Beginn der arabischen Revolution dachten wir, dass repressive Regimes plötzlich dem Untergang geweiht seien – bis sich Staaten abgeschottet und das Internet reglementiert haben. Wir wissen mittlerweile auch, dass Social Media-Plattformen selbst eine Agenda haben – und nicht etwa das bessere Argument befördert wird, sondern polarisierende Debatten, mit dem Ziel, Klicks einzubringen. Es hat sich einiges verändert, aber die hoffnungsvollen Erwartungen sind nicht eingetreten. Das Internet ist kaputt gegangen, wie Sascha Lobo (Anm. d. Red.: deutscher Blogger, Journalist und Autor) einmal gesagt hat. Ich suche nach Wegen, wie wir die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten dennoch als Werkzeug nutzen können, um unsere gesellschaftlichen Probleme miteinander zu lösen – das ist ja noch immer das Ziel von Medien.

Rudolphina: Klingt ambitioniert. Gibt es da schon erste Ideen?

Alexander Filipović: Wir brauchen in erster Linie eine gute Medienpolitik: Konzerne, die Social Media-Plattformen betreiben, müssen reguliert werden, aber auch die "klassischen" Medien müssen ihren Zweck erfüllen – in Österreich ist das derzeit ein akutes Problem. Alle, die mit Medien ein Geschäftsmodell verbinden, sollten Verantwortung übernehmen – eine digital responsibility also. Ohne das Bekenntnis der Unternehmen wird es nicht gehen, es entstehen laufend neue Technologien, so schnell kann man keine Gesetze machen. Auf Ebene der Nutzer*innen braucht es Medienkompetenz – nicht nur bei Schüler*innen, sondern auch bei älteren Menschen, Stichwort privacy bzw. Recht am eigenen Bild.

Rudolphina: Am 4. Oktober fielen Facebook & Co. für mehrere Stunden aus, was vielerorts für Verzweiflung sorgte. Wie haben Sie den Tag erlebt, und was hat uns dieser Shutdown über den Stellenwert sozialer Medien gezeigt?

Alexander Filipović: Persönlich habe ich es gar nicht so sehr gemerkt, da ich versuche, mich von den Kommunikationsangeboten des Facebook-Konzerns fernzuhalten. Doch viele Leute waren plötzlich hilflos und wussten nicht, wie sie abseits von WhatsApp und Facebook-Messenger miteinander kommunizieren können. Es sind natürlich tolle Tools, um sich mit anderen Menschen zu verbinden, man hat diesen Zustand der ständigen Verbindung Mal als "ambient intimacy" beschrieben. Es sollte aber nicht alles in der Hand eines Konzerns liegen, da sehe ich das große Problem.

Rudolphina: Bleiben wir beim (ehemals) Facebook-Konzern, der ja mittlerweile auch ein großer Player in der Forschung ist. Auf Ihrem Blog beschreiben Sie eine Technologie, die es in Zukunft möglich machen soll, unsere Gedanken zu transkribieren. Was hat es damit auf sich?

Alexander Filipović: Gehirnwellen werden analysiert und in Sprache übersetzt. Für jene, die sich aus medizinischen Gründen nicht ausdrücken können, eine wunderbare Technologie. Auf der anderen Seite wird damit der Weg geebnet, Gedanken auszuspionieren – die letzte Bastion von Privatheit. Das ist natürlich noch Zukunftsmusik, aber die Konzerne haben ein Interesse daran, in immer weitere Bereiche der Menschen vorzudringen, um Werbung zu schalten und uns Dinge zu verkaufen. Man befürchtet, dass TikTok aus Tanzvideos bereits biometrische Daten sammelt, um uns ganz genau kennenzulernen …

Rudolphina: … hört sich gar nicht mehr so nach Zukunftsmusik an …

Alexander Filipović: Sagen wir so: In diesem Bereich erleben wir sehr viel Dynamik. Frühzeitiges Mahnen ist auch manchmal Teil des Jobprofils eines Sozialethikers (lacht). So ist dieser Blogbeitrag entstanden, die öffentliche Rolle des Sozialethikers kann aber manchmal auch von der wissenschaftlichen Arbeit abweichen.

Rudolphina: In einem wissenschaftlichen Projekt von Ihnen geht es aber auch um Künstliche Intelligenz. Sie schauen sich die Potenziale von KI im Zusammenhang mit Kindeswohlgefährdung an. Können Sie darüber mehr erzählen?

Alexander Filipović: Dieses Projekt habe ich an meiner letzten Wirkungsstätte, der Hochschule für Philosophie in München, begonnen. Wir haben uns angesehen, ob Technologie Sozialarbeiter*innen dabei helfen kann, zu entscheiden, ob Kindeswohlgefährdung vorliegt oder nicht – eine Entscheidung, die tiefe Eingriffe in das Selbstbestimmungsrecht von Eltern und Kindern zur Konsequenz hat. Eine KI, mit vielen Daten gespeist, kann in solchen schwierigen Situationen Anhaltspunkte liefern. In einigen Bereichen wird bereits mit Big Data gearbeitet, beispielsweise in der Justiz bei der Entscheidung, wer aus der Haft entlassen wird, oder in Bereichen der Arbeitsvermittlung bei der Entscheidung, ob Arbeitslose Maßnahmen zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt finanziert bekommen. Die KI ist aus meiner Sicht hilfreich, so lange immer noch ein Mensch oder eine Gruppe an Expert*innen die letztgültige Entscheidung trifft. Eine KI kann nicht verantwortlich handeln.

Rudolphina: Apropos verantwortungsvolles Handeln: Meinungspluralismus abzubilden ist wichtig für unsere Demokratie. Müssen Medien allen Meinungen eine Bühne bauen und – aktuell von Bedeutung – z.B. Corona-Leugner*innen zu Wort kommen lassen?

Alexander Filipović: Meinungsfreiheit ist natürlich ein wichtiges Prinzip, aber Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass jede*r die Unwahrheit sagen darf. Es gibt Menschen, die absichtsvoll die Unwahrheit ins Spiel bringen, falsche Informationen zuspielen, ihre Meinung überziehen oder ihren Standpunkt radikalisieren – das deckt die Meinungsfreiheit nicht ab. Wenn sich Wissenschafter*innen weltweit einig sind, wie COVID-19 übertragen wird und eine klare Meinung zur Bekämpfung haben, können wir annehmen, dass sie richtig liegen. Manchmal beobachten wir dann sogenannte "false balance"-Effekte: Einige Journalist*innen denken, sie müssten den abweichenden Meinungen den gleichen Platz einräumen, dadurch entsteht in der Wahrnehmung ein falsches Gleichgewicht. In der Pandemie hat sich gezeigt, dass Vernunft eine prekäre Kategorie ist und die Debatte von Emotionalität und Ängsten geprägt ist. Worum es jetzt aber geht, ist verantwortungsvolle Kommunikation – die Gesundheit vieler steht auf dem Spiel.

Alexander Filipović ist seit 2021 Professor für Sozialethik am Institut für Systematische Theologie und Ethik der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Medienethik, Technikethik (Digitale Ethik), Politische Ethik und Philosophischer Pragmatismus.

Er ist Fellow am zem::dg – Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft, betreibt einen Blog und gibt die medienethische Zeitschrift Communicatio Socialis mit heraus. Er arbeitete von 2018 bis 2020 als sachverständiges Mitglied in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Künstlichen Intelligenz und ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).