Bildungsübergänge

Was kommt nach der Pflichtschule?

23. November 2021 von Hanna Möller
Was kommt nach der Pflichtschule: weitere schulische Bildung oder doch Berufseinstieg? Beeinträchtigte Jugendliche brauchen in dieser entscheidenden Übergangsphase besondere Unterstützung – "und zwar auf Augenhöhe", wissen die Bildungswissenschafterinnen Helga Fasching und Katharina Felbermayr.
Mit der Lebenssituation von beeinträchtigen Jugendlichen beschäftigen sich Bildungswissenschafterinnen Helga Fasching und Katharina Felbermayr. Sie fordern mehr Unterstützung für Schüler*innen in Bildungsübergängen. © vgnk/pixabay

Von den beeinträchtigen Erwachsenen in Österreich erreichen 30 Prozent maximal einen Pflichtschulabschluss, nur wenige von ihnen haben einen Matura- oder Universitätsabschluss in der Tasche (Sozialministerium und Statistik Austria, 2016). Das AMS attestiert Menschen mit Pflichtschulabschluss das höchste Arbeitslosigkeitsrisiko (AMS, 2020); die ohnehin vulnerable Personengruppe der Menschen mit Beeinträchtigungen ist damit zusätzlich gefährdet.

Das darf und muss nicht sein: Die Bildungswissenschafterinnen Helga Fasching und Katharina Felbermayr plädieren für frühe Unterstützungsangebote mit Fokus auf Inklusion und Diversität. Über fünf Jahre hinweg hat das Forscherinnenteam von der Universität Wien Jugendliche mit Behinderung und ihre Familien begleitet, um den entscheidenden Lebensabschnitt des Bildungsüberganges – von der Pflichtschule in weitere schulische Bildung und Ausbildung sowie ins Berufsleben – in den Blick zu nehmen.

Professionelle Unterstützung im Bildungsübergang

Jugendliche stehen in dieser Zeit vor wichtigen Entscheidungen: die schulische Laufbahn fortsetzen, eine Ausbildung beginnen oder sich der Erwerbstätigkeit zuwenden? Gerade in der Übergangsphase ist gezielte Unterstützung wichtig, erklärt Projektleiterin Helga Fasching. Ein frühzeitiger und sorgfältig geplanter Übergangsprozess beginnt bereits ein oder zwei Jahre vor Ende der Pflichtschule. Insbesondere bei Familien, die sozio-kulturell und sozio-ökonomisch benachteiligt sind, reicht der informelle Support oft nicht aus und professionelle Angebote werden benötigt.

Inklusive Bildungsübergänge: Kooperation auf Augenhöhe

Partizipative Kooperation ist für Fasching und Felbermayr der Schlüssel, damit professionelle Angebote Erfolg haben und sich positiv auf die Entwicklung der Jugendlichen auswirken: "Partizipative Kooperation ist ein normativer Begriff und meint gleichberechtigte Kommunikation unabhängig von Geschlecht, Alter und sozialem Status. Wir müssen inklusive, partizipative Räume bewusst zulassen, in denen die jungen Menschen selbst zu Akteur*innen werden und ihre Wünsche und Bedürfnisse erforschen können", so Fasching.

Partizipative Kooperation meint gleichberechtigte Kommunikation unabhängig von Geschlecht, Alter und sozialem Status.

Jugendliche als Ko-Forschende

Auch im Forschungsprozess wurde die partizipative Kooperation großgeschrieben: Jugendliche und ihre Angehörigen waren nicht die "Beforschten", sondern brachten als Ko-Forschende eigene Ideen in die explorative Längsschnittstudie ein. Narrative Interviews und Gespräche in sogenannten "Reflecting Teams" gaben Aufschluss darüber, wie die einzelnen am Bildungsübergang beteiligten Akteur*innen miteinander kooperieren.

Die Motivation der Jugendlichen, über Monate hinweg an der wissenschaftlichen Studie teilzunehmen, war vielfach ihr Wunsch, die eigene Lebenssituation verbessern zu wollen. Denn: "Leider wird aktives Einbeziehen von Jugendlichen in den aktuellen Unterstützungsangeboten zu selten gelebt, das Projekt ist in dieser Hinsicht also zukunftsweisend", so die Bildungswissenschafterin Helga Fasching, die selbst in der Übergangsberatung und -unterstützung tätig war und die Herausforderung also auch aus der Praxis kennt.

Drei Tipps für Praktiker*innen:

1) Umdenken erwünscht: Es braucht den Mut der Akteur*innen, reflexive Räume mit Jugendlichen aufzumachen und über Grenzen hinauszudenken.
2) Barrierefreies Sprechen, das der Diversität der Zielgruppen gerecht wird: Partizipieren können nur jene, denen es auch möglich gemacht wird.
3) Ressourcen einfordern: Es braucht Zeit, Raum und eine gewisse Teamstärke, um partizipative Kooperation anzustoßen.

Forschung für die Gesellschaft

Mit ihren Ergebnissen wollen Fasching und Felbermayr das in Österreich bisher wenig erforschte Thema der Übergangsplanung in den Fokus rücken und die Situation für beeinträchtige Jugendliche verbessern. Einige professionelle Akteur*innen aus der schulischen Berufsorientierung und außerschulischer Unterstützungsmaßnahmen im Übergang waren in den Forschungsprozess eingebunden, darüber hinaus adressiert das Team Praktiker*innen gezielt mit Artikeln und Beiträgen, z.B. mit dem Beitrag "Inklusive Übergänge von der Schule in Ausbildung oder Beruf kooperativ gestalten und kooperativ erforschen" im Sammelband "Konnektivität. Über die Bedeutung von Zusammenarbeit in der virtuellen Welt". "Unsere Forschung soll der Bevölkerung dienlich werden, Universitäten haben auch einen gesellschaftlichen Auftrag", sind die Forscherinnen überzeugt.

Übergangsplanung in der Pandemie

Die Bildungswissenschafterinnen konnten ihre Datenerhebung vor COVID-19 abschließen, als Gruppenaustausch vor Ort noch unbeschwert möglich war. Wie es beeinträchtigten Jugendlichen in der Pandemie ging bzw. geht, können sie nicht mit Daten belegen, wissen es aber aus anderen Kontexten: Die Situation ist prekär. "Jugendlichen fehlt der Zugang zu Betrieben und die Möglichkeiten für Schnuppertage, Berufsorientierung oder Praktika. Zudem sorgt die gesamtwirtschaftliche Situation für Unsicherheit, das zeigt sich nicht zuletzt an dem erhöhten Bedarf nach psychosozialer Beratung und Psychotherapie. Das Thema der inklusiven Bildungsübergänge hat nicht an Brisanz verloren – für uns geht die Forschung in diesem Bereich weiter", so die Wissenschafterinnen. (hm)

Das FWF-Projekt "Kooperation für Inklusion in Bildungsübergängen" unter der Leitung von Assoz. Prof. Mag. Dr. Helga Fasching und der Mitarbeit von Katharina Felbermayr, BA BA MA MA ist am Institut für Bildungswissenschaft der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft angesiedelt und lief von Oktober 2016 bis September 2021.

Helga Fasching ist seit 2014 assoziierte Professorin am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Inklusive Pädagogik, Berufliche Partizipation sowie Bildungs- und berufsbezogene Ungleichheitsforschung.