Stefan Dullinger über Pflanzen in der Klimakrise

Gebirgspflanzen auf Wanderschaft

3. November 2021 von Magdalena Reichinger, Almud Krejza
Der Biologe Stefan Dullinger untersucht, wie Pflanzen im Gebirge dem Klimawandel trotzen – oder eben nicht. Indem er mit seiner Forschung aufzeigt, wie es um die Artenvielfalt in den heimischen Alpen steht, hofft er, auch ein Stück weit zu ihrem Schutz beizutragen.
© Magdalena Reichinger

Mikrodynamik von Gebirgspflanzen im Klimawandel

Pflanzen und Tiere versuchen dem Klimawandel durch Rückzug in kühlere Lebensräume auszuweichen, dieses Vorgehen wird als Mikrodynamik bezeichnet. Eine Strategie, die dort an Grenzen stößt, wo kühlere Lebensräume in erreichbarer Umgebung kaum oder gar nicht vorhanden sind. Das gilt besonders für Gebirgspflanzen, die schon heute in den höchsten alpinen und nivalen Lagen wachsen.

Dieser sogenannten Mikrodynamik von Gebirgspflanzen ist Stefan Dullinger, Professor für Vegetation Science an der Fakultät für Lebenswissenschaften der Uni Wien, mit einer Kombination aus Dauerbeobachtungsdaten, Fernerkundungsmethoden, Experimenten und Computersimulationen auf der Spur.

Demografie der Alpenflora

Als "Lobbyisten der nichtmenschlichen Organismen", wie man ihn und sein Team bezeichnen könnte, untersucht Stefan Dullinger am Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Uni Wien und an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in seinem ERC-Projekt MICROCLIM die möglichen Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität von Gebirgslebensräumen. Einerseits durch die Dokumentation des Vorkommens an bestimmten Standorten. Und andererseits durch das Sammeln von Daten darüber, wie schnell die Pflanzen wachsen, wie viele Samen sie bringen, wie hoch ihre Sterblichkeitsrate ist. Diese Daten ergeben in Summe ein Archiv, eine "Demografie der Pflanzen" also.

Die Welt ein Stück weit besser machen

Dass Stefan Dullinger einmal Biologe wird, war zwar schon als Kind für ihn vorstellbar, den direkten Weg dorthin hat er trotzdem nicht genommen. Heute ist er vor allem deshalb gerne als Forscher tätig, weil es ihn freut, dass das, womit er sich beschäftigt, eine sinnstiftende Aufgabe ist. Und ihm das Gefühl gibt, mit seinen Ergebnissen zumindest ein ganz kleines Stück dazu beitragen zu können, dass die Welt ein besserer Ort wird. (ak)

Stefan Dullinger ist seit 2012 Professor für Vegetation Science an der Universität Wien, wo er 2003 auch promoviert und sich 2006 habilitiert hat. Er forscht zu räumlichen Biodiversitätsmustern und ihrer zeitlichen Veränderung.

Zwischen 2004 und 2012 war er Gründungsmitglied und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Vienna Institute for Nature Conservation & Analysis, von 2008 bis 2012 außerdem Universitätsassistent an der Universität Wien. Seit seiner Promotion stehen mögliche Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität von Gebirgslebensräumen im Fokus seiner Forschungsarbeit, dieses Thema behandelt er aktuell in einem ERC-Projekt.