Was macht uns sozial?
"Dogs are man's best friend", lautet ein bekanntes Sprichwort. Sie sind loyal, im Familienurlaub dabei und schaffen es, dass Halter*in sogar bei Regen vor die Türe geht. Verhaltensforscher*innen vergleichen die Bindung zwischen Menschen und ihren vierbeinigen Begleitern sogar mit der Mutter-Kind-Beziehung. Als Beleg dienen Verhaltensbeobachtungen, etwa wenn Hund von Halter*in getrennt wird und daraufhin Stress empfindet oder der Hund die menschliche Bezugsperson ansteuert, sobald sich unangenehme Situationen anbahnen.
Diese Szenarien sind Teil eines klassischen Testparadigmas in der Psychologie, der sogenannten "Strange Situation Procedure (SSP)". Hunde und Halter*in verhalten sich in diesen Settings tatsächlich vergleichbar zu Mutter und Kind (vgl. Topál et al., Journal of Comparative Psychology, 1998). Und dieser enge Bezug zeigt sich nicht nur im Verhalten, sondern auch im Gehirn: Selbst ein unfreundlicher Blick der vertrauten Bezugsperson aktiviert im Hundegehirn Areale, die ansonsten auf Belohnung reagieren (vgl. Karl, Boch et al., Scientific Reports, 2020).
Wie ähnlich sind sich Mensch und Hund?
"Hunde und Menschen teilen viele soziale Fähigkeiten", erklärt Uni Wien-Kognitionsforscherin Magdalena Boch. So können Hunde zum Beispiel auch positive und negative Gesichtsausdrücke sowohl bei Artgenossen als auch bei Menschen unterscheiden. Außerdem zeigen Verhaltensstudien, dass Hunde die Aufmerksamkeit, das Wissen oder sogar die Absichten ihres Gegenübers in sozialen Interaktionen berücksichtigen.
"Uns Menschen fällt es oft leicht, das Verhalten anderer einzuschätzen, weil wir ständig Vorhersagen über deren Handlungen oder Intentionen treffen. Für diese sozialen Prognosen gibt es sogar spezialisierte Bereiche im Gehirn – die besonders dann aktiv werden, wenn etwas Unerwartetes geschieht", erklärt Boch. Sie und ihr Team untersuchen aktuell, ob Hunde ebenfalls über solche spezialisierten Strukturen verfügen.
Dazu dürfen die Tiere "fernschauen": "Wir zeigen ihnen Videos, in denen Hunde miteinander spielen. In einer Variante verlaufen die Interaktionen erwartungsgemäß, in einer anderen kommt es zu unerwarteten Wendungen – etwa wenn ein dritter Hund plötzlich ins Spiel eingreift oder einer der Spielpartner plötzlich das Interesse verliert und das Spiel abbricht", so Boch. Keine unmöglichen Wendungen also, aber solche, die zum Nachdenken über mögliche Gründe anregen. "Wenn Hunde nun ähnliche Gehirnregionen zur sozialen Vorhersage besitzen, erwarten wir, dass diese bei unerwarteten Wendungen ebenfalls stärker aktiviert werden als bei kontinuierlich verlaufendem Spiel", erklärt die Wissenschafterin.
Durchgeführt werden die diese sogenannten Neuroimaging- und Verhaltensmessungen an der Fakultät für Psychologie und dem 2010 gegründeten Messerli-Institut (siehe Infobox). Die Experimente werden gemeinsam mit Tiertrainer*innen entwickelt und so maßgeschneidert, dass sie für Hunde und Menschen gleichermaßen funktionieren. Die Hunde sind übrigens mit ebenso viel Begeisterung dabei wie die Forscher*innen und Hundetrainer*innen, die Forschung ist vollkommen nicht-invasiv.
Das Messerli Forschungsinstitut widmet sich der Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung und ihrer Grundlagen in den Bereichen Kognition und Verhalten von Tieren, Komparative Medizin und Ethik der Mensch-Tier-Beziehung. Das Forschungsinstitut ist ein Kooperationsprojekt der Veterinärmedizinischen Universität Wien, der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien und wurde im Jahr 2010 aus Mitteln der Messerli-Stiftung gegründet.
"Wir können sehr viel über die Funktionsweisen des menschlichen Gehirns lernen, wenn wir sie mit jenen von Hunden vergleichen", betont Boch. Entscheidend für unser Sozialverhalten scheinen die Temporallappen im seitlichen Großhirn zu sein, wo viele sensible und sensorische Neuronen sitzen. "Was mich jeden Tag aufs Neue fasziniert: wieviel wir eigentlich noch nicht wissen."
Laboralltag eines Vierbeiners
Mensch-Tier-Interaktionen
Aktuell ist Magdalena Boch mit ihren Forschungsfragen im Gepäck an der University of Oxford tätig. Als Erwin-Schrödinger-Postdoktorandin beschäftigt sie sich dort mit den wilden Verwandten unserer Haushunde, etwa dem afrikanischen Wildhund. Ein weiterer Aspekt, der sie umtreibt, ist wie Wildtiere von Menschen wahrgenommen werden. Der in Österreich heimische Wolf beispielsweise teilt sich mit Hunden über 98 Prozent der DNA, ist jedoch weit davon entfernt, "man's best friend" zu werden. Mit ihrer Forschung möchte Boch, die 2024 den renommierten "For Women in Science Award" erhalten hat, mehr Licht in Mensch-Tier-Interaktionen bringen und damit auch zu einer friedlichen Koexistenz von Mensch und Tier beitragen. (red)
Magdalena Boch promovierte in Psychologie an der Universität Wien. Ihre Doktorarbeit schrieb sie im Rahmen des interdisziplinären Doktoratskollegs "Kognition und Kommunikation", das vom FWF gefördert wurde. 2024 erhielt sie den renommierten L’Oréal-UNESCO Award for Women in Science.


