Iran-Proteste

Geschlechtsspezifische Gewalt: Zwischen Struktur und Widerstand

20. Dezember 2022 Gastbeitrag von Ayşe Dursun
In ihrem Gastbeitrag anlässlich der seit September andauernden Proteste im Iran – Auslöser war der gewaltsame Tod der jungen Iranerin Mahsa Amini – analysiert die Politikwissenschafterin Ayşe Dursun, welche Rolle direkte und indirekte Formen geschlechtsspezifischer Gewalt bis heute in der Gesellschaft spielen.
Zunehmende Gewalt gegen Frauen und LGBTQI+ Personen kann auch als Ausdruck eines Versuches, die patriarchale Geschlechterordnung zu re-normalisieren, verstanden werden, sagt Politikwissenschafterin Ayşe Dursun. Das Bild Demonstrant*innen beim feministischen Nachtmarsch am 8. März 2022 in Istanbul (Türkei), auf dem Banner ist zu lesen: "Bevor wir eine feministische Welt errichten, wird dieser Aufstand kein Ende nehmen." ©  Güliz Sağlam 2022

Gewalt gegen Frauen und LGBTQI+ Personen ist strukturell bedingt. Das bedeutet, dass sie als Folge ungleicher Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern in heteropatriarchal strukturierten Gesellschaften zu verstehen ist. Gewalt gegen Frauen kann direkte Formen annehmen, wie z.B. häusliche Gewalt, oder auch subtilere, dafür allgegenwärtige, wie z.B. ungleiche Verteilung von Ressourcen und Anerkennung. 

Diese unterschiedlichen Formen von Gewalt hängen strukturell zusammen und untergraben systematisch die (Über-)Lebenschancen von Frauen und LGBTQI+ Personen. Zum Beispiel fällt es vielen Frauen, die von ihrem Partner finanziell abhängig sind, schwer, aus Gewaltbeziehungen auszusteigen. Diese Abhängigkeit ist wiederum u.a. auf die Auslagerung von unbezahlter häuslicher Arbeit auf Frauen, die Unterbezahlung in feminisierten Sektoren (z.B. Pflege) sowie auf den allgemeinen Gender Pay Gap zurückzuführen. Gewalt kann also gleichzeitig von Personen, Institutionen als auch von den allgemeinen Unterdrückungsstrukturen einer Gesellschaft (z.B. Patriarchat, Rassismus, Klassismus) ausgehen, die stets in einer Wechselwirkung zueinander stehen. 

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327 berichtete Fälle über transfeindlich motivierte Morde in nur einem Jahr 

Das "Trans Murder Monitoring Update", das jährlich von der Menschenrechtsorganisation Transgender Europe (TGEU) veröffentlicht wird, macht dies deutlich. Demnach wurde zwischen Oktober 2021 und September 2022 weltweit über 327 aus transfeindlichen Motiven begangene Morde berichtet, wobei die Dunkelziffer vermutlich viel höher liegt. 48 Prozent der Ermordeten waren Sexarbeiter*innen und 95 Prozent der Ermordeten waren trans* Frauen, während 65 Prozent der Personen, über deren Race-Zugehörigkeit berichtet wurde, People of Color waren.

Es wird deutlich, dass feminisierte trans* Personen mit prekären Klassenpositionen einer größeren Gefahr der Ermordung ausgesetzt sind, und dass das Ausmaß von Gewalt sich an der Schnittstelle von frauen- und transfeindlicher sowie rassistischer und klassistischer Unterdrückung verdichtet.

Die "Trans Murder Statistiken" werden jährlich von der Menschenrechtsorganisation Transgender Europe (TGEU) veröffentlicht. Die Statistiken werden von TGEU aus drei Quellen zusammengetragen: Internetrecherche, Kooperation mit Partnerorganisationen in verschiedenen Ländern und Beiträge von Aktivist*innen und Forscher*innen. © TGEU Trans Murder Monitoring (TMM)

Beziehungsdrama und Co.: Wenn geschlechtsspezifische Gewalt banalisiert wird

Diesen geschlechter- und gesellschaftskritischen Konzeptionen von Gewalt stehen Deutungsmuster gegenüber, die geschlechtsspezifische Gewalt als isolierte Einzelfälle banalisieren und somit entpolitisieren – so etwa in gängigen Umschreibungen von Femiziden als "Beziehungsdrama" oder "Familientragödie". Das lässt sich länderübergreifend beobachten, wenn beispielsweise die deutsche Tageszeitung "Bild" "Eifersucht oder Verlustangst" als Hauptgründe für Gewaltausbrüche zitiert oder der regierungsnahe einflussreiche Verein für Frau und Demokratie (KADEM) in der Türkei Vergewaltiger als "Perverslinge" bezeichnet. Hierbei werden patriarchale Strukturen, die überhaupt erst zu diesen Übergriffen führen, als kurzzeitiger emotionaler Ausbruch oder individuelle Perversion verharmlost, was einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Gewalt im Wege steht. 

Das Einstufen von Gewalttaten auf der Ebene von Individuen unterschätzt zudem die Bedeutung der Politik und des Staates in der Bekämpfung (z.B. Gewaltprävention), aber auch in der Aufrechterhaltung von Gewaltverhältnissen und -strukturen.

Aktuelle Beispiele geschlechtsspezifischer Gewalt

Manche geschlechtsspezifischen Ungleichheiten konnten in den letzten 30 Jahren sukzessive abgebaut werden, wie etwa die Abschaffung des Ehemannes als Familienoberhaupt im österreichischen Familienrecht (1976) und die Kriminalisierung von Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland (1997). Doch weitere direkte und indirekte Formen geschlechtsspezifischer Gewalt blieben bis heute bestehen, wie beispielsweise die Polizeigewalt gegen Frauen und LGBTQI+ Personen in der Türkei und in den USA – dort vor allem gegen Schwarze Frauen (siehe Guardian-Artikel 2016 zur Kampagne #SayHerName). In Österreich wurden laut Medienberichten allein in diesem Jahr (Stand: Oktober 2022) 28 Frauen ermordet (siehe Liste der AÖF 2022).

Auch der Todesfall von Mahsa Amini, einer kurdischen Frau, die im September 2022 an Folgen von Gewalt in den Händen der iranischen Sittenpolizei starb, zeigt dies deutlich. Während im Iran und zunehmend in der Türkei bestimmte Auslegungen "des Islams" als Legitimationsgrundlage für Angriffe auf Frauen und LGBTQI+ Personen seitens der politischen Elite dienen, kann in Polen der Einfluss der katholischen Kirche in der neuerlichen Verschärfung des Abtreibungsrechts und der Einführung von "LGBT-freien Zonen" beobachtet werden. 

Auch manche säkulare Diskurse über Frauenrechte und Gleichstellung gekoppelt mit kulturrassistischen Ansichten können sich auf bestimmte, vor allem geflüchtete muslimische Frauen gewaltsam auswirken, etwa wenn diese als zu emanzipierende Opfer patriarchaler Gewalt in Händen muslimischer Männer konstruiert werden und aufgrund ihrer Bekleidung von öffentlichen Räumen und Posten ausgeschlossen oder repressiven und assimilationistischen Migrations- und Integrationspolitiken unterzogen werden.

Buchtipp zum Thema

In ihrem kürzlich veröffentlichten Buch "Organized Muslim in Turkey: An Intersectional Approach to Building Women's Coalitions" (Palgrave Macmillan) liefert Politikwissenschafterin Ayşe Dursun von der Universität Wien neue Daten für das wachsende Feld der sozialen Protest- und Bewegungsforschung.

Versuch, die patriarchale Geschlechterordnung zu re-normalisieren

Doch Frauen sind nicht passive Opfer männlicher Gewalt. Feministin Deniz Kandiyoti beobachtet, dass Gewalttaten sich häufig gegen "weiblichen Ungehorsam" richten, beispielsweise gegen Frauen, die sich scheiden lassen wollen oder einen männlichen Verehrer ablehnen (siehe Beitrag von Kandiyoti auf der Plattform "openDemocracy"). Kandiyoti beobachtet einen Zusammenhang zwischen diesen Gewalttaten und der Tatsache, dass Frauen mehr denn je Bildungsabschlüsse, Lohnarbeit und gesellschaftliche Teilhabe anstreben.

Zunehmende Gewalt gegen Frauen und LGBTQI+ Personen kann daher auch als Ausdruck eines Versuches, die patriarchale Geschlechterordnung zu "re-normalisieren", verstanden werden. Es sind die vielfältigen und alltäglichen Widerstände von Frauen und LGBTQI+ Personen auf den Straßen, am Arbeitsplatz und in den Schlafzimmern gegen solche Versuche, die uns letztendlich in Richtung einer gewaltfreien Gesellschaft der Zukunft ausblicken lassen.

© Privat
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Ayşe Dursun Ayşe Dursun ist Universitätsassistentin Postdoc am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und forscht und lehrt im Bereich Geschlecht und Politik.

Sie ist Teil der Forschungsgruppe Gender, Affect, Politics, State (GAPS) am Institut für Politikwissenschaft und Mitglied des Steering Committee der Standing Group on Gender and Politics des European Consortium for Political Research (ECPR). Kürzlich veröffentlichte Sie das Buch "Organized Muslim in Turkey: An Intersectional Approach to Building Women's Coalitions" (Palgrave Macmillan 2022).