Rudolphina Reads

"Elefanten" von Angela Stöger

25. April 2024 von Sebastian Deiber
Sie kommunizieren mit Tönen, die Menschen nicht hören können und haben die beste Nase im Tierreich. Angela Stöger beleuchtet das erstaunliche Sozialleben der größten Landtiere. Für alle Fans der Rüsseltiere hat die Autorin weitere Buchtipps parat.
Angela Stöger mit "Elefanten", dem Wissenschaftsbuch des Jahres 2024 in der Kategorie Naturwissenschaft und Technik. Wenn die Zoologin nicht gerade in Südafrika forscht, ist der Tiergarten Schönbrunn der beste Ort, die Kommunikation der Rüsseltiere zu untersuchen. Jeden "ihrer" Elefanten kennt sie beim Namen. Im Bildhintergrund von links nach rechts: Tonga, Mongu und Iqhwa. © Barbara Mair

Rudolphina:  Frau Stöger, worum geht es in Ihrem Buch und warum haben Sie es geschrieben?

Angela Stöger: Es geht um alles, was mit Elefanten zu tun hat, um ihre Biologie, ihre Evolution, ihr Verhalten. Wie wächst ein Elefant auf, welche Erfahrungen macht er in seinem Leben und wie intelligent sind die Tiere eigentlich? Einen Schwerpunkt setze ich beim Thema Kommunikation, weil das mein hauptsächliches Forschungsgebiet ist. Da ist einerseits die akustische Komponente, aber ich behandle alle Kommunikationskanäle, die den Rüsseltieren zur Verfügung stehen: von der chemischen – Elefanten haben die beste Nase im Tierreich! – über die taktile bis hin zur seismischen Kommunikation. Und dann geht es auch um die Gefährdung ihres Lebensraums durch den Klimawandel und den Elefant-Mensch-Konflikt bis hin zu der Frage, ob wir Elefanten in Zoos brauchen. Dabei geht es mir aber nicht nur darum die Probleme zu benennen, sondern ich versuche auch mögliche Lösungen aufzuzeigen. In meinem Buch ist sicher für jede*n was Spannendes dabei!

Rudolphina:  Im Buch erklären Sie, dass Elefanten "seismisch" kommunzieren. Was bedeutet das?

Angela Stöger Sie stampfen und brummen in tiefen Frequenzen und können diese Schwingungen über den Boden wahrnehmen. Es wird derzeit erforscht, wie und wie gut diese Art der Kommunikation funktioniert und welche Informationen übertragen werden. Unklar ist auch noch, über welche Distanzen sie gelingt. Aber es scheint tatsächlich so, dass sie in der freien Wildbahn stattfindet.

Abbildung der Covers der vier Bücher, die in dem Artikel empfohlen wurden
"Elefanten" (1) von Angela Stöger und ihre Buchempfehlungen. "Silent Thunder" (2) ist ein Klassiker von Katy Payne, die Pionierarbeit in der Elefantenforschung leistete. "Are we smart enough to know how smart animals are (3)" fragt der Star-Kognitionsbiologe Frans de Waal (1948-2024) und würdigt die lange unterschätzte Intelligenz verschiedenster Tiere, von der Wespe zum Delphin. Als Bettlektüre empfiehlt Stöger die Romane von Barbara Wood, wie etwa "Rote Sonne Schwarzes Land" (4). © Barbara Veit (Grafik) und die Verlage (Buchcovers)

Rudolphina:  Was ist an dem sprichwörtlichen Elefantengedächtnis dran?

Angela Stöger Das stimmt so, das ist kein Mythos. Sie haben ein sehr starkes soziales Gedächtnis, weil sie in einem ähnlichen Sozialsystem wie wir Menschen leben, in einer sogenannten "Fission-Fusions-Gesellschaft". Das heißt, es gibt die Kernfamilie, aber diese kleineren Gruppen mischen sich manchmal untereinander. Es gibt zum Beispiel Wasserlöcher, wo viele Familien zusammentreffen und es zugeht wie am Stammtisch. Da wird interagiert, man merkt, welche Tiere kommen gut miteinander aus. Die soziale Information "Wen kenne ich, wen kenne ich nicht?" haben Elefanten sehr gut abgespeichert. Wenn man etwa Mutter und Kind trennt und nach Jahren wieder zusammenführt, dann erkennen sie sich sofort wieder. Das funktioniert aber über den Geruchssinn und nicht visuell wie bei uns Menschen.

Rudolphina:  Wer sollte Ihr Buch lesen und warum?

Angela Stöger: Ich habe einerseits versucht, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und Publikationen einzuarbeiten, aber auch meine persönlichen Erfahrungen, meine Emotionen und meine Begeisterung für die Tiere rüberzubringen. Das Buch ist reichlich bebildert, und auch QR-Codes mit Links zu Audio- und Videoaufnahmen lockern es auf. Es ist für jede*n Tierlieberhaber*in gedacht, aber auch wissenschaftlich so fundiert, dass hoffentlich auch für jene Leser*innen etwas dabei ist, die häufig mit Elefanten zu tun haben, etwa die Pfleger*innen im Zoo.

Rudolphina:  Im Rahmen der Semesterfrage beschäftigt uns derzeit das Thema Künstliche Intelligenz. Wie unterstützt KI Ihre Forschung über die akustische Kommunikation der Elefanten?

Angela Stöger: Immer mehr. Wir stehen da allerdings noch in den Startlöchern. KI wird uns hoffentlich helfen, die Elefantensprache zu "entschlüsseln". Wir wissen schon sehr viel: So können wir anhand der Laute, die ein Elefant von sich gibt, individuelle Merkmale feststellen, z.B. Körpergröße, Alter, emotionaler Zustand. Wo wir uns aber noch schwertun, ist beispielsweise die Frage: Was unterscheidet einen Kontaktruf von einem Begrüßungslaut akustisch?

Wir erhoffen uns von KI, dass sie Muster in unseren Aufnahmen finden wird, die uns bisher verborgen geblieben sind. Aber selbst 10.000 annotierte Elefantenlaute sind zu wenig, um die KI zu trainieren. Deswegen werden wir zum Training auch synthetische Elefantenlaute einsetzen. Und alles, was die KI meint herausgefunden zu haben, müssen wir natürlich im Feld an den Elefanten testen und schauen, ob die entdeckten Kommunikationsmuster real sind. Das nur als kleiner Ausblick, es ist noch viel Vorarbeit zu leisten.

Rudolphina:  Haben Sie eine Buchempfehlung zum Weiterlesen für alle, denen Ihr Buch gefällt?

Angela Stöger: Ja, und zwar Silent Thunder von Katy Payne. Das war das erste Elefantenbuch, das ich gelesen habe. Katy Payne war die Forscherin, die herausgefunden hat, dass Elefanten Infraschall produzieren. Payne hat eigentlich mit Walen gearbeitet, teils zusammen mit ihrem damaligen Mann Roger. Die beiden haben auch ein Stück weit die Buckelwalgesänge populär gemacht, nachdem sie Roger Payne auf Schallplatte herausgebracht hat. Katy Payne war also bereits eine erfolgreiche Forscherin auf dem Gebiet der Tierkommunikation, als sie eines Tages im Zoo in der Nähe eines Elefanten stand und eine Vibration spürte, die sie an das Gefühl erinnerte, neben einer großen Orgelpfeife zu stehen. Daraufhin dachte sie, dass das sehr tieffrequente Töne sein müssen und nahm Infraschallequipment mit in den Zoo. So stellte sie fest, dass Elefanten tatsächlich diese für uns Menschen unhörbar tiefen Töne erzeugen. Das Buch ist zwar schon älter, ist aber ein Klassiker, den auch meine Studierenden immer wieder gerne lesen. Und es zeigt wirklich schön die Arbeit einer Pionierin der Elefantenforschung.

Photo of Katy Payne in the savannah, sitting with a binocular in her hands and smiling
Angela Stöger über Katy Payne (im Bild): "Mit ihrer Forschung brachte sie es zu einiger Berühmtheit, was in den 1970ern für eine weibliche Forscherin ungewöhnlich war, ähnlich wie bei Jane Goodall. Später reiste sie oft nach Afrika, um Elefanten zu erforschen. Im Buch beschreibt sie eindrückliche Erlebnisse. Zum Beispiel, wie sie ein oder zwei Nächte lang in ihrem Zelt festsaß, weil ein Löwe beschlossen hat, davor Wurzeln zu schlagen. Oder die Forschung an den Waldelefanten im Kongo unter schwierigen Bedingungen." © Thelephantproject.org, mit freundlicher Genehmigung von Katy Payne

Rudolphina:  Welches Buch können Sie noch empfehlen, um sich weiter ins Thema zu vertiefen?

Angela Stöger:  Are we smart enough to know how smart animals are? des kürzlich verstorbenen Frans de Waal ist so ein Buch. De Waal war ja für seine Primatenforschung bekannt. Was viele nicht wissen, ist, dass er zusammen mit Josh Plotnik auch ein Vorreiter auf dem Gebiet der Elefantenkognition war. Diese ist in der Forschung bis heute unterrepräsentiert, etwa im Vergleich zur Kognition von Primaten und Rabenvögeln. De Waal und Plotnik haben gezeigt, auch hier wieder im Zoo, dass Elefanten den Spiegeltest bestehen können und daher wahrscheinlich ein Ich-Bewusstsein haben. Es stellte sich heraus, dass frühere Spiegelexperimente anderer Forscher*innen nur deswegen scheiterten, weil sie schlecht designt waren. Mit einem zu kleinen Spiegel, der einfach vorgehalten wird, können Elefanten nichts anfangen. De Waal und Plotnik haben das Experiment ordentlich konzipiert und siehe da: Die Elefanten zeigten die typischen Verhaltensmuster der "self recognition".

Die Moral von der Geschichte ist also, dass es schwierig sein kann, die Intelligenz mancher Tiere zu testen, weil sie einfach anders denken. Ein weiteres Beispiel: Forscher*innen glaubten einst fälschlicherweise, Elefanten könnten nicht zählen, weil die Experimente visuell waren. Elefanten orientieren sich aber viel stärker geruchlich in der Welt als über den Sehsinn. Wir müssen uns hüten, von der Art, wie wir die Welt wahrnehmen, auf andere Tiere zu schließen. Daher auch der Titel des Buches.

Rudolphina:  Welche Lektüre liegt gerade auf Ihrem Nachtkästchen?

Angela Stöger: Ich lese gerne Romane als Bettlektüre, allerdings keine Krimis mit Mord und Totschlag. Wenn sie mir sehr gut gefallen, lese ich manche Bücher sogar mehrmals. So ist es zum Beispiel bei Rote Sonne, Schwarzes Land von Barbara Wood, das lese ich bereits zum dritten Mal. Bei Wood stehen oft starke Frauen im Mittelpunk, die sich in ihrer Umgebung, in ihrer Kultur durchzusetzen versuchen. In dem Fall geht es um eine junge Ärztin in Kenia in der Zeit der Kolonialherrschaft. Sie kommt aus einer weißen Siedlerfamilie, die mit einem lokalen Stamm um Land konkurriert. Der Roman ist in der Zeit angesiedelt, wo der Kolonialismus im Niedergang begriffen ist und die afrikanische Bevölkerung sich zu emanzipieren beginnt – und natürlich gibt's da auch Liebesgeschichten und Drama. Ich lese sehr gerne Romane, die mich an andere Orte auf der Welt entführen. Wood bettet ihre Geschichte toll in die Landschaft und Natur in Kenia ein, und so fühle ich mich nach Afrika versetzt, wo ich so gerne bin.

Alle Infos zu "Elefanten" von Angela Stöger

Die international renommierte Elefantenforscherin  Angela Stöger nimmt uns mit auf ihre Entdeckungsreise in die erstaunliche Welt der Afrikanischen und Asiatischen Elefanten und der kaum bekannten Waldelefanten. Wir lernen Abu und Sabi, Bubbles, Valimosa, den Babyelefanten Mongu und viele andere Tiere kennen – und mit ihnen die Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen: von zärtlichen Momenten untereinander bis hin zu ihren Kämpfen, ihrem Leben und ihrem Schicksal. Wir erfahren, wie sie kommunizieren, wie sie denken, wie sie fühlen. Dieses Buch hilft uns dank der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse auch zu verstehen, wie sie mit ihren Sinnen die Welt wahrnehmen. Und wie wir hoffentlich ihre und unsere Intelligenz nutzen können, um ihr Überleben zu sichern (Pressetext des Verlags).

Brandstätter Verlag, 208 S.

Das Buch ist in der Universitätsbibliothek verfügbar.

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© Barbara Mair
© Barbara Mair
Angela Stöger ist Zoologin an der Universität Wien, wo sie das Mammal Communication Lab leitet, sowie am Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Wildtierbiologie, Verhalten und Kognitionsbiologie, Bioakustik und Lautkommunikation, Tiergartenbiologie und Artenschutz.

2021 war die Elefantenforscherin für die Auszeichnung "Österreicher:innen des Jahres" in der Kategorie Forschung nominiert. Außerdem ist sie Autorin erfolgreicher populärwissenschaftlicher Bücher. Wie ihr neuestes Buch "Elefanten" gewann bereits das Vorgängerwerk "Von singenden Mäusen und quietschenden Elefanten" die Wahl zum Wissenschaftsbuch des Jahres.