Von Wien nach Prag: Zwischen Aktenordnern und Anstoß
Archivarbeit – das ist fast ein bisschen so, als würde man ein Puzzle zusammensetzen", sage ich zu einer Freundin aus den Naturwissenschaften, als sie mich nach meinen sommerlichen Dissertationsplänen fragt. Doch bei näherer Betrachtung gibt es zwischen beiden entscheidende Unterschiede: Archivarbeit folgt keiner klaren Vorlage oder einem festen Bild, das am Ende entstehen soll. Jeder Fund kann das Problem neu stellen, die Forschungsrichtung komplett verändern oder sogar ganz neue, vielversprechendere Konzepte aufwerfen. Fragestellung und Material bedingen sich gegenseitig. Für diesen konzentrierten, kreativen und manchmal auch ein wenig wirren Prozess eignet sich die lehrfreie Zeit zwischen Juli und September am besten – und diesmal führten mich meine Schritte nach Prag.
Ich bin erst nach der demokratischen Wende in Tschechien auf die Welt gekommen – und wie viele andere Tschech*innen meiner Generation bin ich mit einer bestimmten, emotional stark gefärbten Vorstellung der sozialistischen Vergangenheit aufgewachsen. Wer hätte nicht von der Bananenschlange oder dem Stacheldraht an der Grenze gehört? Bis heute gehören diese Bilder der Isolation in die kollektive Erinnerung und prägen unser gesellschaftliches Selbstverständnis. Als ich erstmals das Archiv der Akademie der bildenden Künste in Prag aufsuchte, hat mich dann der damalige rege internationale Austausch der Hochschule zu dieser Zeit doch ein wenig überrascht. Insbesondere die hohe Zahl der Studierenden aus geografisch entlegenen Regionen, über die ich in der tschechischen Kunsthistoriografie nichts gehört hatte, weckte mein Interesse.
Prag: Die goldene Stadt an der Moldau
- Entfernung von Wien: 333 km
- Prag, die heutige Hauptstadt Tschechiens, war ein kulturelles und politisches Zentrum Böhmens: Im Laufe der Geschichte gehörte sie zum Heiligen Römischen Reich, zur Habsburger Monarchie bzw. zu Österreich-Ungarn und war ab 1918 die Hauptstadt der neu gegründeten Tschechoslowakei.
- Die Altstadt mit der berühmten Karlsbrücke, Veitskathedrale sowie dem Altstädter Ring mit der ältesten noch funktionierenden astronomischen Uhr der Welt gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.
- Mit der Karls-Universität wurde in Prag bereits 1348 die erste Universität im damaligen deutschsprachigen Kulturraum gegründet, noch vor Wien (1365) und Heidelberg (1386).
- Die tschechische Küche ist eher deftig und fleischbetont. Zu den bekanntesten Nationalgerichten zählen Svíčková, ein Rinderbraten in cremiger Gemüse-Sahnesauce mit böhmischen Knödeln, sowie Knedlo vepřo zelo, Schweinebraten mit Knödeln und Sauerkraut. Dazu trinkt man gerne Bier, das in Tschechien traditionell nach Graden (meist 10° oder 12°) bezeichnet wird – ein Hinweis auf den ursprünglichen Zuckergehalt und somit auch auf den Alkoholgehalt.
- Prag zählt zu den grünsten Städten der Welt - der Anteil von Parks, Wäldern und anderen Grünflächen ist der neuntgrößte in Europa. Man kann auch mitten in der Stadt Abkühlung finden, nicht nur in größeren Parks wie Letná, Stromovka oder auf dem Petřín-Hügel, sondern auch in kleineren Gärten, beispielsweise bei der Prager Burg.
Internationale Studierendenkarrieren hinter dem "Eisernen Vorhang"
In meinem PhD-Projekt analysiere ich die Kunstwerke und Erfahrungen von Studierenden aus Ländern des Globalen Südens – etwa aus Kuba, Vietnam oder Afghanistan –, die zwischen 1968 und 1989 dank staatlicher Stipendien in der Tschechoslowakei an der Prager Kunstakademie studierten. Zu dieser Thematik gibt es bisher kaum bis gar keine Forschung. Daher musste ich sogar die eigentliche Grundlage meiner Arbeit – die vollständige Liste der Studierenden – erst durch eine sorgfältige Archivrecherche selbst zusammenstellen.
Danach begann die eigentliche Spurensuche: Wo leben diese Menschen heute, oft mehr als 50 Jahre nach ihrem Abschluss? Sind sie noch im Kunstbereich tätig? Und wie kann ich mit ihnen Kontakt aufnehmen, wenn sie in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind? Gelingt die Kontaktaufnahme, führe ich mit den Studierenden semi-strukturierte Interviews, welche den mikroperspektivischen Kern meiner Dissertation bilden.
Verschiedenen Fährten folgen: Von großen Zusammenhängen zu kleinsten Details
Aber das war diesmal nicht der Gegenstand meines Prager Archivaufenthalts. Diesmal suchte ich nämlich nach Spuren zur ergänzenden Makroebene, welche mir dabei helfen wird, die staatlichen und institutionellen Rahmenbedingungen zu rekonstruieren. Meine Archivrecherche wurde also von Fragen geleitet wie: Welche Strukturen schuf die Tschechoslowakei, um Studierenden aus bestimmten Ländern ein Kunststudium in Prag zu ermöglichen? Wie lief der administrative Prozess ab? Und wie war die Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen? Um Antworten auf solche Fragen zu finden, begibt man sich am ehesten in das Tschechische Nationalarchiv sowie das Archiv des Außenministeriums.
Manchmal sind die relevanten Archivbestände noch nicht erschlossen. Zwar hat man dann eine grobe Vorstellung davon, in welche Richtung man suchen muss, und stimmt sich auch mit dem zuständigen Archivpersonal ab, aber dann sitzt man doch vor einem Aktenordner und weiß nicht, ob sich darin ein wichtiger Hinweis versteckt. Oft ist es nur ein kleines Detail, das die Richtung der weiteren Recherche schnell ändern kann. So entdeckte ich beispielsweise im Archiv des Tschechoslowakischen Fernsehens eine Dokuserie aus dem Jahr 2002, in der ein afghanischer Absolvent vorkam, den ich davor nirgends ausfindig machen konnte – ein kleiner Durchbruch für die spätere Kontaktaufnahme.
Auch die Kunstwerke sind Teil meiner Spurensuche. Da nicht alle Studierenden ihre Studienarbeiten aufbewahrt haben, sind historische Ausstellungskataloge mit Abbildungen der ausgestellten Werke in der Bibliothek der Kunstakademie eine wichtige Quelle. Einige sind noch nicht katalogisiert – hier hilft dann bei der Identifikation und Lokalisierung die klassische Karteikartenmethode. Wiederum im Archiv der Tschechischen Nationalgalerie befinden sich die akribisch geführten Tagebücher des Professors Jan Smetana, welche Einblicke in das alltägliche Leben in den Ateliers der Kunstakademie geben – und mir dadurch gleichzeitig bei der Strukturierung der Interviews helfen.
Da ich selbst aus Prag stamme (aber seit mehr als 15 Jahren nicht mehr dort wohne), kann ich bei der Recherche auf einige Vorteile zurückgreifen: Man findet sich wegen des Sprachverständnisses schnell zurecht und kennt bald den Aufbau und die Bestände der Nachlässe. Die für mich relevanten Archive liegen zudem an traumhaft schönen Orten: Das Außenministerium und die Nationalgalerie sind nur wenige Schritte von der Veitskathedrale und dem Petřín-Park entfernt, während sich die Kunstakademie mitten in der Stromovka, einem großen Park im englischen Stil, befindet. Ein Spaziergang mit einem tollen Blick auf die ganze Stadt ist nach einer stundenlangen, oft monotonen Arbeit zwischen staubigen Akten perfekt, um den Kopf freizubekommen – oder mit Freund*innen bei einem tschechischen Pilsner die Funde des Tages zu reflektieren.
Was Kunst und Fußball gemeinsam haben
Neben den Parkbesuchen habe ich aber noch ein anderes Prag-Ritual: den Besuch eines Fußballspiels. Schon seit meiner Jugend bin ich leidenschaftlicher Slavia Prag-Fan und war damals mit meinem Jahresticket bei jedem Heimspiel in der Fankurve anzutreffen. Heute hat sich mein "Fußball-Fanatismus” oft in die Internet-Foren verlagert. Ab und zu sind Menschen über mein Hobby ein bisschen verwundert: Kunst und Fußball? Wie geht das bitte zusammen? Für mich persönlich sind sie aber eigentlich gar nicht so verschieden: In beiden geht es letztendlich um Emotionen. Kunst berührt eher langsam und stetig, während man bei einem Fußballspiel sehr schnell in Ekstase geraten kann. Einem solchen Freude-Gefühl kommt auch ein wertvoller Fund in einem Archiv nahe – nur darf man im Lesesaal leider nicht so laut jubeln…
Mehr über Anna-Marie Kroupovás Projekt
Anna-Marie Kroupovás Dissertationsprojekt untersucht die Aktivitäten, künstlerischen Produktionen und Erfahrungen von Kunststudierenden aus dem Globalen Süden, die zwischen 1968 und 1989 an der Akademie der Bildenden Künste in Prag Malerei, Bildhauerei und Grafik studierten. Durch die kritische Anwendung eines transkulturellen Ansatzes und die Konzeptualisierung einerseits als "Kontaktzone" und andererseits als wichtiger Akteur der globalen Kulturdiplomatie, zielt das Projekt darauf ab, das binäre Paradigma der tschechischen Kunstgeschichtsschreibung zwischen Ost-West und offiziell-inoffiziell zu dekonstruieren und durch eine Vielzahl bislang marginalisierter Stimmen zu diversifizieren.
In ihrer Dissertation an der Uni Wien, welche von Noémie Étienne betreut wird, untersucht sie die Aktivitäten, künstlerische Werke und Erfahrungen von Kunststudierenden aus dem Globalen Süden, die zwischen 1968 bis 1989 in Prag studierten.











