Wissenschafter des Jahres

Franz Essl: Biodiversitätsforschung erlebbar machen

9. Jänner 2023 von Siegrun Herzog
Der Biodiversitätsforscher Franz Essl von der Universität Wien ist Österreichs Wissenschafter des Jahres 2022. Die Auszeichnung würdigt vor allem die Fähigkeit von Forscher*innen, wissenschaftliche Inhalte verständlich zu vermitteln. Wie das bei den akuten Themen Klimakrise und Artensterben funktionieren kann, erzählt der Biologe im Interview.
Nicht nur eine Frage der Information, sondern auch der Emotion und letztlich der Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse so zu übersetzen, dass sie nachvollziehbar werden, beschreibt der Biologe Franz Essl "sein Rezept" für gelungene Wissenschaftskommunikation. © Petra Schiefer

Rudolphina: Herzliche Gratulation zum "Wissenschafter des Jahres"! Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung, waren Sie überrascht?

Franz Essl: Ja, aber angenehm überrascht! Ich sehe diese Auszeichnung als doppelte Wertschätzung – zum einen für das Thema Biodiversität, für das ich stehe, und ihre Bedeutung für unsere Gesellschaft. Zum anderen für mich persönlich – ich freue mich, dass wahrgenommen und geschätzt wird, wenn sich Forschende zu gesellschaftlich wichtigen Themen positionieren, wie ich das tue. 

Rudolphina: Als "Wissenschafter*in des Jahres" wird nicht nur dessen exzellente Forschung ausgezeichnet, sondern vor allem die Vermittlungsrolle gewürdigt, wie das eigene Forschungsthema allgemein verständlich kommuniziert wird. Was sind Ihre Erfahrungen mit Wissenschaftskommunikation und was motiviert Sie, sich damit zu befassen?

Franz Essl: Als Forscher, der zu Themen arbeitet, die eminente gesellschaftliche Bedeutung haben, nämlich wie wir unsere Umwelt verändern und welche Folgen das für unsere Gesellschaft hat, bin ich überzeugt, dass die Kommunikation unserer wissenschaftlichen Ergebnisse über die Fach-Community hinaus enorm wichtig ist. Ich sehe das als einen wesentlichen Teil meiner Arbeit. Es ist natürlich nicht immer leicht und erfordert einen anderen Kommunikationsstil, den man sich erst aneignen muss. Ich finde das spannend – oft befriedigend, manchmal aber auch frustrierend, wenn zwischen den wissenschaftlichen Einsichten und dem, was konkret in der Umwelt- und Klimapolitik umgesetzt wird, große Lücken klaffen. Aber das Gefühl, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, motiviert mich.

Mehr über die Auszeichnung "Wissenschafter*in des Jahres"

Die Auszeichnung "Wissenschafter*in des Jahres" wird seit 1994 vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist*innen verliehen. Honoriert wird u.a. die Fähigkeit, die eigene wissenschaftliche Arbeit einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln zu können. Zuletzt ging der Preis an den Komplexitätsforscher Peter Klimek (2021) und an die Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl (2020). 2018 wurde der Chemiker Nuno Maulide von der Uni Wien "Wissenschafter des Jahres".

Liste der Preisträger*innen

Rudolphina: Sehen Sie die Auszeichnung auch als Ausdruck dafür, dass die Umwelt- und Klimaforschung jetzt – nach den doch stark durch die Corona-Pandemie dominierten Jahren – in der öffentlichen Wahrnehmung wieder zum Thema Nummer 1 wird?

Franz Essl: Dass chronische Krisen wie die Klima- und Biodiversitätskrise bei akuten Krisen, wie eben der Corona-Pandemie, in der allgemeinen Wahrnehmung weniger präsent sind, ist für mich nachvollziehbar. Was Corona betrifft, scheint die akute Phase nun hinter uns zu liegen, hoffentlich. Dadurch können die langfristig wirkenden Krisen wie der Biodiversitätsverlust wieder stärker in den Vordergrund rücken und hoffentlich auch stärker im politischen Handeln ankommen.

Rudolphina: Aktuell wird häufig die Wissenschaftsskepsis bzw. das Desinteresse der Österreicher*innen an der Wissenschaft beklagt. Sehen Sie das auch als Auftrag, klarer zu vermitteln, wie Forschung in unser aller Leben hineinwirkt?

Franz Essl: Indem wir über unsere Forschung mit einem breiteren Publikum sprechen – ob in Form eines Vortrags oder eines Zeitungsartikels – schaffen wir immer auch Verständnis für Forschungsthemen. Ich bin davon überzeugt, dass gute und verständliche Kommunikation dazu beitragen kann, Vorbehalte oder Unverständnis gegenüber der Wissenschaft in der Bevölkerung abzubauen. Aber Forschung ist ja manchmal tatsächlich ein Stück weit entfernt von der Alltagssituation oder den Problemen, mit denen man sich im alltäglichen Leben herumschlagen muss. Die große Herausforderung ist, den Zusammenhang zwischen unserem heutigen Handeln und den Folgen, die zeitlich verzögert eintreten, dann aber bis zu einem gewissen Grad unumkehrbar sind, herzustellen. Das versuche ich auf verschiedenen Ebenen: Es geht um Information, aber auch um Emotionen und letztlich darum, wissenschaftliche Erkenntnisse so zu übersetzen, dass sie nachvollziehbar werden.

"Ich bin davon überzeugt, dass gute und verständliche Kommunikation dazu beitragen kann, Vorbehalte oder Unverständnis gegenüber der Wissenschaft in der Bevölkerung abzubauen."
Franz Essl

Franz Essl im Video-Interview

Sehen Sie hier ein Video mit Franz Essl anlässlich der Semesterfrage "Wie schützen wir die Artenvielfalt" im WS 2019/20. "Wir Menschen haben die Evolution abgelöst. Unsere Aktivitäten entscheiden darüber, welche Arten an welchen Orten das 21. Jahrhundert überleben werden", so der Biodiversitätsforscher im Video. © Universität Wien

Rudolphina: Der Verlust der Biodiversität, mit dem Sie sich beschäftigen, ist doch etwas, das unsere Landschaft stark beeinflusst. Wie gelingt es, diese Dringlichkeit zu vermitteln?

Franz Essl: Das Thema ist groß und abstrakt, aber jeder und jede bemerkt beim genauen Hinsehen, wie sich die Umwelt verändert. Wir sehen, wie sich etwa die Umgebung, in der wir aufgewachsen sind, verändert hat. Dass manche Arten, die man aus der Kindheit kennt, nicht mehr da sind. Dass die Wiesen eintönig grün statt bunt und abwechslungsreich sind und dass die Anzahl der Insekten abgenommen hat. Diese persönliche Betroffenheit und auch dieses persönliche Wissen, dass es sich hier um Veränderungen handelt, die tatsächlich rasant und für jeden erlebbar ablaufen, halte ich für ganz wesentlich. Damit kann man die Biodiversitätskrise veranschaulichen und erlebbar machen.
Wesentlich ist, diese Einsicht auch in politisches Tun umzusetzen. Ich sehe hier ein großes Potenzial, Veränderungsprozesse einzuleiten, weil es eine große Mehrheit von Menschen gibt, die diese Probleme erkennen und bereit sind, für eine nachhaltige Umweltpolitik ihren Beitrag zu leisten.

Rudolphina: Wie erleben Sie als Lehrender die junge Generation der Studierenden – haben Sie Verständnis für Klimaaktivismus?

Franz Essl: Ich hege große Sympathie für ihre Anliegen und verstehe auch die Problematik, nämlich, wie man diese Anliegen auch wirksam machen kann. Das ist die Triebkraft hinter den verschiedene Protestformen, die manchmal Irritation erregen können. Als Biologe bin ich in einer Studienrichtung aktiv, wo es ein breites Verständnis für diese Themen gibt und auch eine große Bereitschaft existiert, sich gesellschaftlich zu engagieren. Die Universitäten – im Besonderen die Universität Wien als größte Uni Österreichs – sollten eine Speerspitze für ein Forschungsverständnis sein, das auch diese gesellschaftliche Dimension noch stärker als bisher ernst nimmt und tatsächlich umsetzt. Hier sehe ich Handlungsbedarf.

Rudolphina: Woran arbeiten Sie gerade, können Sie uns abschließend einen kurzen Einblick in Ihre aktuelle Forschung geben?

Franz Essl: Ich möchte die Folgen des globalen Umweltwandels, den wir Menschen verursacht haben, besser verstehen. Dabei interessiert mich das Überleben der Arten in den nächsten Jahrzehnten sowie die Frage, wie wir Biodiversität langfristig bewahren können. Der globale Artenaustausch, die Verschleppung von Arten, ist eine wesentliche Facette des Anthropozäns geworden. Durch den globalen Handel sind Ausbreitungsbarrieren aufgehoben, jeder Ort ist für viele Arten erreichbar geworden. Gemeinsam mit Klimawandel und Landnutzung sind das die wesentlichen Ursachen des Biodiversitätsverlusts. Mir geht es darum zu verstehen, was das für die Zukunft der Biodiversität und auch für uns Menschen bedeutet. Und welche Möglichkeiten wir haben, innerhalb der planetaren Grenzen zu bleiben. Damit wir auch in 30, 50 oder 70 Jahren noch einen lebenswerten Planeten Erde für die Millionen Arten, aber auch für die eine Art Homo sapiens vorfinden.

Rudolphina: Wo sehen Sie wichtigsten "Tipping points", die wir keinesfalls überschreiten dürfen? Und wie viel Zeit bleibt uns noch?

Franz Essl: Um es drastisch auszudrücken: Als Gesellschaft befinden wir uns in einem sich beschleunigenden Zug, der mit zunehmender Geschwindigkeit auf das Ende einer Bahnstrecke zurast. Um den Zug nicht durch einen abrupten Stopp zum Entgleisen zu bringen, sondern rechtzeitig vor dem Abgrund stehenzubleiben, müssen wir das tun, wofür wir uns politisch seit Jahren verpflichten, es aber nicht ausreichend umsetzen: Im Klimaschutz ist es das Pariser Übereinkommen, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. Im Biodiversitätsschutz ist es der neue globale Biodiversitätsrahmen, die Übereinkunft von Montreal vom Dezember 2022 bis zum Jahr 2030 den Artenverlust zu stoppen. In den damit zusammenhängenden Bereichen, wie etwa Energie oder Verkehr liegen die Lösungen grundsätzlich auf dem Tisch und sind nicht nur technisch möglich, sondern meist sogar effizienter und längerfristig auf jeden Fall günstiger. Es braucht eigentlich "nur" die Rahmenbedingungen, diese Maßnahmen umzusetzen. Dafür ist das entsprechende politische Leadership nötig, das geht nicht ohne Widerstände. Auch in anderen Zusammenhängen werden Maßnahmen gesetzt, die zunächst auf Widerstände stoßen, aber später überwunden werden. Politik sollte von der Einsicht getragen sein, das Sinnvolle zu tun und das Notwendige möglich zu machen. Ich sage nicht, dass das leicht ist, aber es ist möglich und vor allem ist es notwendig.

Rudolphina: Danke für das Gespräch!

© Walter Skokanitsch
© Walter Skokanitsch
Franz Essl ist assoziierter Professor und Biodiversitätsforscher am Department für Botanik und Biodiversitätsforschung. Er gilt als führender Experte in der Neobiota-Forschung.

Essl gehört zu den Forscher*innen, deren Arbeiten besonders häufig zitiert werden ("Highly Cited Scientists"), und ist auch im Leitungsteam des kürzlich neu gegründeten österreichischen Biodiversitätsrats tätig.