Sommer-Citytrip

Auf Sprachreise durch Wien

8. Juli 2024 von Sebastian Deiber
In unserem ersten sommerlichen Streifzug durch Wien haben wir Schüler*innen beim Erforschen der "linguistischen Landschaft" begleitet und Tipps zusammengestellt, wie jede*r von uns als Citizen Scientist die Sprachenvielfalt vor der eigenen Haustür erleben kann.
Collage Schilder Linguistic Landscape
Wir machen uns auf die Suche nach Orten, wo die Sprachenvielfalt Wiens nicht zu übersehen ist. © Alexander Bachmayer/Linkscape

Gelato, Kebap, Sushi. Boutique, Coiffeur, Upcycling. Wer mit offenen Augen durch die Straßen Wiens schlendert, merkt schnell: Die Stadt spricht viele Sprachen. So auch die Schüler*innen eines Wiener Gymnasiums, die an diesem sommerlichen Vormittag mit gezückter Handykamera den 1. Bezirk unsicher machen. Eine Kleingruppe zieht von der Börse aus los in die Innenstadt. Die Jungforscher*innen sind auf einer Sprachreise der kulinarischen Art: Speisekarten und Menütafeln der zahlreichen Lokale und Cafés sind heute ihr Forschungsgegenstand. Wo, wie oft und in welchem Kontext ist Französisch in Wien sichtbar? Sie werden schnell fündig: "Glacerie", "Cafetière", "Chausson aux Pommes" – Straßenzug um Straßenzug wächst der Fundus der "linguistischen Fundstücke", die die Schüler*innen fotografisch dokumentieren. "Ich bin schon überrascht, wie oft Französisch in der Stadt vorkommt", meint Emilio, der die Sprache seit einem Jahr lernt. Er bleibt vor der Tür einer französischen Bäckerei stehen und macht einen weiteren Schnappschuss für die Datensammlung: "Quiches – Sandwiches – Salades."

Mehr als 100 Sprachen finden sich auf Plakaten, Ladenschildern und Speisekarten im öffentlichen Raum der Millionenstadt Wien. Für die Soziolinguistik ist die Sprachenlandschaft ein spannender Forschungsgegenstand. In ihr spiegeln sich Repräsentation und Partizipation der verschiedenen Sprachgemeinschaften im multikulturellen urbanen Raum. Im Sparkling Science Projekt "VisibLL – Schüler*innen erforschen die (un)übersehbare Mehrsprachigkeit der Wiener Linguistic Landscape" nutzen Barbara Soukup und Elissa Pustka von der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät Citizen Science als Instrument der Forschung, Partizipation und Wissenschaftskommunikation.

Im Interview erklären die beiden Sprachwissenschafterinnen, wie wertvoll die Auseinandersetzung mit der Sprachenvielfalt der unmittelbaren Umgebung ist und verraten, wo man sie diesen Sommer am besten selbst erleben kann.

Kommen Sie mit auf einen Sprachenspaziergang durch Wien!

Um die Vielfalt der Wiener Sprachenlandschaft auf eigene Faust zu erkunden, empfehlen unsere Forscherinnen Barbara Soukup und Elissa Pustka folgende Route:

1) Innere Stadt: Hier dominieren neben Englisch andere Tourismus-Sprachen wie Französisch und Italienisch, etwa auf den Menütafeln und Speisekarten in den zahlreichen Cafés und Restaurants. Welche Assoziationen und Emotionen verbinden Sie mit welchen Sprachen?

2) Josefstädter Straße: Achten Sie in dieser wichtigen Geschäftsstraße auf die Ladenschilder und Auslagen der Boutiquen, aber auch auf Sticker auf Laternenmasten und Ähnlichem.

3) Brunnenmarkt: Schlendern Sie durch die Marktgasse, entdecken Sie die Präsenz der Herkunftssprachen wie Arabisch und lauschen Sie der "Soundscape" dieser Sprachen.

Hier geht es zum GPS-Track der Route
Laden Sie untenstehende GPX-Datei auf Ihr Smartphone herunter und importieren Sie sie in die Navigations-App Ihrer Wahl, etwa in Komoot. Hier finden Sie eine Anleitung für den Import in Komoot.

Wir wünschen viel Spaß auf Ihrem linguistischen Sommer-Citytrip!

Routenvorschlag für Ihren Sprachenspaziergang durch Wien

Rudolphina: Was ist überhaupt eine "Linguistic Landscape" und welche Dinge, die man überall in der Stadt finden kann, gehören dazu?

Barbara Soukup: Da gibt es verschiedene Definitionen. Im Projekt "VisibLL" arbeiten wir mit der geschriebenen Sprache im öffentlichen Raum. Das können sein: Offizielle Beschilderungen, Werbeplakate, Sticker, Schaufenster, Menütafeln, Graffiti, Schrift auf Kanaldeckeln und so weiter.

Man kann die Definition der Sprachenlandschaft aber viel weiter fassen. Es gibt zum Beispiel auch die Soundscape, die Sprachen, die man in der Umgebung hört, die nicht unbedingt dieselben sind, die man auch geschrieben findet. Im privaten und halböffentlichen Raum gibt es die Foodscapes, zum Beispiel in Form der Sprache auf Lebensmittelpackungen. Sogar die Skinscapes kann man erforschen, die Sprachenvielfalt auf Tattoos, und noch vieles mehr. Für dieses Projekt haben wir uns jedoch auf die geschriebene Sprache vor allem auf Schildern und Wänden konzentriert, damit der Forschungsgegenstand für die Schüler*innen gut fassbar und definierbar ist.

Scienceseeing im Sommer
Sommer-Citytrip

Im Sommer heißt es für die Rudolphina: Rucksack packen! Heuer machen wir gemeinsam mit unseren Wissenschafter*innen einen Citytrip durch Wien, dabei gilt: Augen und Ohren auf, kräftig einatmen und ins Spüren kommen. Hier geht es zu den Beiträgen.

Rudolphina: Worum geht es im Projekt VisibLL und warum haben Sie sich für den Citizen Science-Ansatz entschieden?

Barbara Soukup: Sprachwissenschaftlich geht es um die Dokumentation von Herkunfts- und Fremdsprachen in der Sprachenlandschaft der Stadt. Vor allem interessiert uns, wie die Sprachverwendung von ihren Bewohner*innen wahrgenommen wird. Wie orientieren sich die Citizens, in diesem Fall Schüler*innen, in der Linguistic Landscape, wie ordnen sie die anzutreffende Mehrsprachigkeit ein, wie grenzen sie verschiedene Sprachen voneinander ab? In anderen Worten: Wenn wir ihnen sagen "Fotografiert alles, das nicht Deutsch ist", was fotografieren sie dann? Diese Fragen können wir ohne die Zusammenarbeit mit Citizens nicht beantworten.

Daneben hat das Projekt VisibLL einen wichtigen didaktischen Aspekt: Wir wollen ein Bewusstsein und eine Wertschätzung für die Mehrsprachigkeit vermitteln. Davon profitieren einerseits die Schüler*innen mit nur einer Erstsprache: Es soll dazu beitragen, Mehrsprachigkeit als etwas Positives zu erleben, vor dem man sich nicht "fürchten" muss. Und sie lernen, kritisch zu reflektieren: Warum findet man bestimmte Sprachen in bestimmten Kontexten im öffentlichen Raum und andere aber nicht? Was hat das mit Stereotypen und Teilhabe bestimmter gesellschaftlicher Gruppen zu tun?

Für die mehrsprachigen Schüler*innen hat die Auseinandersetzung mit der Sprachenvielfalt in der Stadt eine ganz wesentliche Bedeutung für die eigene Identität. Eine Schülerin hat uns einmal geschrieben: "Nachdem ich meine eigene Sprache in der Stadt gefunden habe, fühlt sich die Stadt mehr wie zu Hause an." Genau das ist, in a nutshell, worum es uns eigentlich geht. Darüber hinaus lernen die Schüler*innen, empirische Forschungsfragen zu formulieren und in ihrer unmittelbar erlebbaren Umgebung zu beantworten.

Was ist Citizen Science?

Bürger*innen können die Forschung mit Datenspenden unterstützen und gemeinsam mit Forscher*innen an wissenschaftlichen Projekten arbeiten. In Projekten mit einem höheren partizipativen Charakter konzipieren Teilnehmer*innen auch selbst Forschungsfragen. So auch beim Projekt VisibLL, einem der wenigen Citizen Science Projekte in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Hier geht’s zu allen Citizen Science Projekten an der Uni Wien.

Elissa Pustka: Mit Citizen Science erreichen wir außerdem etwas ganz Wichtiges, nämlich den Dialog. Wir wollen Wissenschaft und die Institution Universität Leuten näherbringen, die dort noch nicht zuhause sind, beispielsweise weil sie von der Familie diesen Background nicht mitgekriegt haben. Wir hoffen, damit Barrieren abbauen und Wissenschaftsskepsis vorbeugen zu können. Wir sehen Citizen Science als sehr viel mehr als Datenerhebung mit Freiwilligen.

Barbara Soukup: Ich denke, das ist eine Stärke der Geisteswissenschaften: Wir können nie forschen, ohne zu reflektieren, dass wir selbst ein Teil dessen sind, was wir erforschen. Sprich, wir erforschen Menschen. Insofern wäre es gar nicht disziplinengerecht, die Sprachenlandschaft zu untersuchen, ohne zu berücksichtigen: Wie verhält sich Sprache zur Gesellschaft und zu jedem und jeder Einzelnen von uns? Auch deswegen ist Citizen Science so essentiell für uns.

Rudolphina: Warum ist es wichtig, die Linguistic Landscape zu erforschen?

Barbara Soukup: Es gibt verschiedene Dimensionen der Linguistic Landscape, die wichtig und relevant für die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen sind, die auf gesellschaftlichen Zusammenhalt abzielen. Zum Beispiel: "Weniger Ungleichheit", "Geschlechtergerechtigkeit" sowie "Nachhaltige Städte und Gemeinden". Wir können die Linguistic Landscape als Barometer dafür nutzen, wie gut all das funktioniert. Wenn wir uns anschauen, wie viele der Straßen in Wien nach Männern und wie viele nach Frauen benannt sind, stellen wir ein großes Ungleichgewicht fest. Der Anteil der nach Frauen benannten Straßen nimmt erst seit Kurzem mit den vielen Neubauvierteln zu. Auch die Nutzung von Orten des öffentlichen Raums, also wer dort verkehrt und wer nicht, spiegelt sich sehr gut in der Linguistic Landscape wider.

Außerdem kann man sehen, welche Diskurse es im öffentlichen Raum gibt und mit welchen Botschaften versucht wird, diese zu gestalten. Denken Sie nur an die vielen Hinweis- und Gebotsschilder, Bodenmarkierungen, Sticker, Graffiti, Banner usw. während der Covid19-Pandemie. Reste davon sind heute noch da. In der Linguistic Landscape kann man viel über die Verfasstheit einer Gesellschaft ablesen.

Elissa Pustka: Und von der didaktischen Perspektive her: Für das Erlernen einer Fremdsprache ist es super wichtig, authentische Sprachkontakte zu haben. Leider gibt es immer weniger Klassenfahrten und weniger Austauschprogramme. Zumindest in den Städten kann man das ein bisschen kompensieren, indem man rausgeht und erkundet, wie schaut die Sprachenvielfalt in meiner Umgebung aus? "Fremdsprachen lernen vor der Haustür", das ist die Devise, die wir vermitteln wollen.

Sommer-Buchtipp unserer Forscherinnen
Cover Buch Wienerisch von Lisa Krammer
Lesetipp zum Thema

von Lisa Krammer, Institut für Germanistik der Uni Wien

Rudolphina: Was können Sie bereits zu den Ergebnissen Ihrer Untersuchungen sagen?

Elissa Pustka: Die Erwartungshaltung der Schüler*innen war, sehr stark die sogenannten Herkunftssprachen anzutreffen, also Türkisch, Bosnisch-Kroatisch-Serbisch, Arabisch. Zu ihrer Überraschung hat sich in der Feldforschung herausgestellt, dass in den Wiener Geschäftsstraßen das Englische dominiert. Von den nicht-deutschen Elementen der Sprachenlandschaft waren fast drei Viertel Englisch. Und zwar egal, wo man hingeht. Auf Platz zwei und drei kamen dann Italienisch und Französisch. Das ist natürlich den Bereichen Gastronomie und Mode geschuldet. Alle anderen Sprachen kamen vergleichsweise seltener vor.

Rudolphina: Sehr spannend! Wenn ich selbst Lust habe, die Linguistic Landscape von Wien diesen Sommer für mich zu entdecken, wo kann ich sie am besten erleben? Haben Sie Tipps für einen Stadtspaziergang?

Elissa Pustka: Sicherlich! Ich denke, viele Wiener*innen kennen viele Ecken im 1. Bezirk gar nicht so gut, die Innenstadt ist linguistisch aber sehr ergiebig. Warum nicht eine Kaffeehaus-Tour durch den Ersten machen und die eigene Stadt als Tourist*in erkunden? Aber genauso spannend kann es sein, am Brunnenmarkt unterwegs zu sein. Wer Little Paris erforschen will, muss nur um das Lycée Français im 9. Bezirk unterwegs sein. Es ist eine kleine französische Insel in Wien, mit einer école de danse, einer boulangerie,… Aber heben Sie sich das für den Herbst auf, wenn die Schüler*innen wiederkommen. Für diesen Sommer schlage ich vor: Starten Sie am Stephansplatz und spazieren Sie durch die Innenstadt, dann via Josefstädter Straße durch den 8. Bezirk…

Barbara Soukup: … da gibt es eine sehr hohe Stickerdichte, was auch sehr interessant ist! Der 8. Bezirk ist generell sehr ergiebig.

Elissa Pustka: Und dann zum Brunnenmarkt im 16. Bezirk. Auf dieser Tour sehen Sie die für die Touristengegenden typischen Sprachen, und an Orten wie dem Brunnenmarkt erleben Sie die Diskrepanz zwischen der sichtbaren Sprache und der gehörten Sprache.

Rudolphina: Großartig! Vielen Dank für das Gespräch!

Jetzt sind Sie dran: Werden Sie Citizen Scientist in der Wiener Linguistic Landscape

Haben Sie ein interessantes Beispiel für die nicht-deutschen Sprachenvielfalt in der Linguistic Landscape von Wien gefunden? Zum Beispiel ein arabisches Ladenschild, eine französische Menütafel, ein sprachenübergreifendes Wortspiel? Machen Sie doch einen Schnappschuss und laden Sie das Foto in die App Lingscape. So werden Sie selbst zum Citizen Scientist und unterstützen die Forschung von Barbara Soukup und Elissa Pustka.

Das geht so: Laden Sie die App im Appstore Ihrer Wahl auf Ihr Smartphone, gehen Sie zu den Einstellungen geben Sie dort das folgende Passwort ein: Rudolph1365
Ihre Beiträge werden dann dem Projekt VisibLL zugeordnet.

Die kostenlose Smartphone-App Lingscape der Universität Luxemburg wurde speziell für Citizen Science-Projekte entwickelt, die sich mit der Linguistic Landscape befassen und kann in Appstores für iOS und Android heruntergeladen werden.

Die Ergebnisse Ihrer linguistischen Streifzüge können nach einer Sichtung durch die Forscherinnen in der öffentlichen Datenbank eingesehen werden. Wählen Sie hierzu den Filter "VisibLLRudolphina" aus. Viel Spaß beim Forschen!

© Barbara Mair
© Barbara Mair
Elissa Pustka ist Professorin für Romanische Sprach- und Kommunikationswissenschaft am Institut für Romanistik der Universität Wien.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind Phonologie, Semantik und Pragmatik, Perzeption, Kognition und Emotion, Sprachkontakt, Variation und Wandel.

© Mario Lang
© Mario Lang
Barbara Soukup ist Assistenzprofessorin für Soziolinguistik des Deutschen in Österreich am Institut für Germanistik der Universität Wien.

Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem Spracheinstellungen, Sprachlandschaften, soziolinguistische Variation und Perzeption sowie interaktionale Diskursanalyse.