Wittgenstein-Preis für Christa Schleper

"Das Neue reizt mich immer wieder"

22. Juni 2022 von Benjamin Furtlehner
Der mit 1,5 Mio. Euro dotierte Wittgenstein-Preis 2022 geht an die Mikrobiologin Christa Schleper von der Uni Wien. Im Video erzählt die Archaea-Expertin von ihrer Forschung über winzige Mikroorganismen mit riesiger Bedeutung für Evolution und Umwelt.
Im Video erzählt Österreichs neue Wittgenstein-Preisträgerin Christa Schleper u.a., was sie persönlich antreibt und warum Forschen für sie "wie eine Reise ist". Mit ihrem Wittgenstein-Preis will sie die Rolle von Mikroorganismen im Boden besser verstehen.

"Der Wittgenstein-Preis gibt mir und meinem ganzen Team viel Freiraum, uns an einige der unbeantworteten Fragen der Biologie zu wagen", freut sich die Mikrobiologin Christa Schleper von der Universität Wien über die Auszeichnung durch die internationale Jury des Wissenschaftsfonds FWF. Der Wittgenstein-Preis ist der höchstdotierte Wissenschaftspreis in Österreich und wird auch als "Austro-Nobelpreis" bezeichnet.

Gemeinsam mit ihrem Team erforscht Christa  Schleper am Department für Funktionelle und Evolutionäre Ökologie, warum Mikroorganismen, also die allerkleinsten und allerältesten Lebewesen der Erde, eine derart große Rolle im Ökosystem spielen. "Es ist mir ein Anliegen, mich mit unseren Erkenntnissen nicht nur an die Fersen der Evolution zu heften, sondern auch einen Beitrag für die Biodiversität und den Klimaschutz von morgen zu leisten", erklärt die engagierte Biologin, die zu den meistzitierten Wissenschafter*innen Österreichs zählt.

Die Rolle der Archaea für das Ökosystem

Mit Archaea – diese Mikroorganismen gehören zusammen mit Bakterien zu den ersten Lebewesen auf der Erde – beschäftigt sich Christa Schleper schon seit Beginn ihrer wissenschaftlichen Laufbahn. Den mit 1,5 Millionen Euro dotierten Wittgenstein-Preis des FWF will sie nun nutzen, um die Grundlagenforschung zu neu entdeckten Archaea weiter auszubauen und neben der evolutionären Bedeutung der Einzeller auch ihre Rolle im Ökosystem untersuchen. "Unsere Erkenntnisse helfen, die Rolle von Mikroorganismen im Boden besser verstehen und künftig beispielsweise für eine nachhaltigere Landwirtschaft nutzen zu können", so die neue Wittgenstein-Preisträgerin. 

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Wittgenstein-Preis: der "Austro-Nobelpreis"

Der Wittgenstein-Preis richtet sich an exzellente Forscher*innen aller Fachdisziplinen. Die mit 1,5 Millionen Euro dotierte Auszeichnung unterstützt die Forschung der Preisträger*innen und garantiert Freiheit und Flexibilität bei der Durchführung. Forschende können so ihre Forschungstätigkeit auf international höchstem Niveau vertiefen. Den Wittgenstein-Preis 2022 erhält Christa Schleper von der Universität Wien für ihren "außergewöhnlichen Beitrag auf dem Gebiet der mikrobiellen Ökologie", so die START/Wittgenstein-Jury in ihrer Begründung: "Ihre Studien über Archaea haben zu bahnbrechenden Entdeckungen geführt und unser Verständnis des Stickstoffkreislaufs verbessert." (zum Videobeitrag über das Wittgenstein-Projekt von Christa Schleper)

Damit geht der größte Wissenschaftspreis Österreichs im vierten Jahr in Folge an die Universität Wien (2021: Informatikerin Monika Henzinger; 2020: Mathematiker Adrian Constantin; 2019: Osteuropa-Historiker Philipp Ther und Mikrobiologe Michael Wagner).

Österreichische Wissenschaft im Weltformat

"Ich gratuliere der Wittgenstein-Preisträgerin Christa Schleper von der Universität Wien sowie den sechs mit den START-Preisen prämierten Forschenden ganz herzlich zu ihren Auszeichnungen", so Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungsminister Martin Polaschek anlässlich der Preisverleihung am Mittwoch, 22. Juni 2022. "Der Wittgenstein-Preis ist das österreichische Pendant zum Nobelpreis und ermöglicht, hier in Österreich Wissenschaft von Weltformat voranzubringen und exzellente Teams an den Universitäten und Forschungsstätten aufzubauen."

Neben dem Wittgenstein-Preis vergab der FWF auch die diesjährigen START-Exzellenzförderungen – unterer anderem an die Verhaltensforscherin Petra Sumasgutner von der Konrad Lorenz Forschungsstelle der Universität Wien (zum ausführlichen Interview mit Petra Sumasgutner). (FWF/red)

Christa Schleper ist seit 2007 Professorin an der Universität Wien und Leiterin des Instituts für funktionelle und evolutionäre Biologie. Sie zählt zu den meistzitierten Forschenden Österreichs. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Ökologie, Molekularbiologie und Evolution von Archaeen, Virus-Wirt-Interaktionen sowie die Erforschung nicht kultivierbarer Mikroorganismen mithilfe der Metagenomik.

Christa Schleper hat in Aachen und Konstanz Biologie studiert, in München am Max-Planck-Institut für Biochemie promoviert und in den USA, Norwegen und Deutschland geforscht und gelehrt. Sie ist gewähltes Mitglied der Amerikanischen Akademie für Mikrobiologie und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 2016 erhielt sie den ERC Advanced Grant des Europäischen Forschungsrates.