Forschungskompetenzen für die Lehrkräfte von Morgen
Anna unterrichtet Englisch als Fremdsprache in Österreich. Wissend, dass einige ihrer Schüler*innen aufgrund von Legasthenie und ADHS zusätzliche Herausforderungen bewältigen müssen, will sie erfahren, wie sie besondere Bedürfnisse im Lernprozess besser unterstützen kann. Eine schnelle Online-Recherche bringt jedoch einen Schwall an fragwürdigen KI-Zusammenfassungen und widersprüchlichen wissenschaftlichen Publikationen. Anna ist keine Forscherin und hat keine Zeit Detektivin zu spielen. Wie kann sie beurteilen, welchen Quellen sie trauen und welche Lehrstrategien sie anwenden kann?
Für viele Lehrkräfte liegen Welten zwischen der universitären Forschung und der Unterrichtspraxis. "Anna ist ein fiktives Beispiel, aber sie steht für die Schwierigkeiten, denen viele Lehrkräfte begegnen", sagt Julia Hüttner, Professorin für Didaktik der Englischen Sprache an der Universität Wien. Sie und die Doktorandin Julia Pittenauer, beide am Institut für Anglistik und Amerikanistik tätig, sind Teil des europaweiten Projekts ReaLiTea (Research Literacy for Teachers), das zum Ziel hat, die Kluft zwischen Theorie und Praxis im Fremd- und Zweitsprachenunterricht zu überwinden.
"Eine forschungskompetente Anna hätte das nötige Rüstzeug, eine vertrauenswürdige Quelle zu finden, die ihr dabei hilft, ihren Unterricht an neurodivergente Lernende anzupassen, und diese Quelle kritisch zu beurteilen." Hüttner und Pittenauer entwickeln Materialien, die Lehrkräfte nicht nur mit der Fähigkeit ausstatten sollen, Forschungsarbeiten zu lesen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse zu nutzen, sondern sie auch darin unterstützen, irgendwann auch selbst Forschung zu betreiben.
Essentielle Fähigkeiten der Sprachvermittlung empowern
ReaLiTea ist ein Erasmus+ Projekt, an dem sechs europäische Länder und sieben Institutionen beteiligt sind. Ziel ist es, die Forschungskompetenzen von Lehrer*innen zu entwickeln, um die Verbindung zwischen den Theorien des Fremdsprachenerwerbs und der Unterrichtspraxis zu stärken.
Alle Infos zum Projekt: https://www.realitea.info/
Hürden für evidenzbasierten Unterricht abbauen
Der Grund für die Kluft zwischen dem Elfenbeinturm der Wissenschaft und dem Schulunterricht ist nicht mangelndes Interesse, es sind strukturelle Hürden: "Lehrkräfte haben oft nicht die Zeit, wissenschaftliche Papers zu lesen oder haben keinen Zugriff darauf", erklärt Pittenauer. Selbst wenn dieser vorhanden ist, sind Forschungsarbeiten nicht für die Praxis, sondern für Forschungskolleg*innen gedacht und in einer Sprache geschrieben, die wissenschaftlichen Konventionen unterliegt.
Forschende sind auch oft im Schulunterricht dabei, um Daten zu erheben und die daraus erworbenen Erkenntnisse zu präsentieren, aber die daraus abgeleiteten praktischen Implikationen erreichen die Lehrkräfte, die davon am meisten profitieren würden, nur selten. Das sei insofern schade, als dass Empfehlungen in Bezug auf den Spracherwerb oft in Fachzeitschriften isoliert blieben, statt auch in der Praxis Anwendung zu finden, bemerkt Pittenauer.
Auf Praxis-Seite hält sich ein weit verbreitetes Stereotyp: "Ich arbeite in der Praxis – ich brauche keine Theorie." Hüttner betont allerdings, dass Lehrkräfte eigene "interne" Theorien zum Lernverhalten von Schüler*innen und der Funktionsweise von Sprachen haben und nach diesen handeln. "Das Problem ist, wenn wir sagen, dass wir über keine Theorie verfügen, dann können wir auch keine diskutieren oder entwickeln", merkt sie an. Wenn Lehrkräfte sich nicht mit der Forschung auseinandersetzen, riskieren sie, sich nur auf ihre Intuition oder auf "was eben funktioniert" zu verlassen.
Forschungskompetenz in kleinen Happen
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, entwickeln die Forscherinnen so-genannte "Teaching Pills" – kurze, häppchenweise zusammengestellte Lerneinheiten fürs Selbststudium, die für die Lehrer*innen in Ausbildung und Praxis konzipiert wurden. "Was unser Projekt so spannend macht, ist, dass es sich dabei um Lehrmaterialien für Lehrkräfte statt für Schüler*innen handelt", so Hüttner.
Die erstellten Lehreinheiten decken ein breites Spektrum an Forschungskompetenzen ab, von der kritischen Beurteilung von Online-Quellen bis hin zur Planung kleinerer "Aktionsforschungsprojekte". "Unser Projekt ist sehr ambitioniert", sagt Pittenauer. "Wir hoffen, dass Lehrkräfte anhand der Probleme, denen sie in ihrem beruflichen Alltag begegnen, ihre eigenen Forschungsfragen entwickeln können. Wir hoffen auch, dass sie ihre Vorgehensweisen analysieren, basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen Verbesserungsvorschläge entwickeln können und sich dabei auch mit anderen Lehrkräften austauschen, die ebenfalls Forschung betreiben."
Das Projekt basiert auf einem Forschungskompetenzrahmen, der vom Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen inspiriert wurde, um klare Ziele und Deskriptoren für die verschiedenen Entwicklungsphasen festzuschreiben. Lehrkräfte können so sehen, wo sie gerade stehen: Zum Beispiel, dass sie im kritischen Lesen von Forschungsergebnissen bereits sehr kompetent sind ‒ oder, woran sie als Nächstes arbeiten müssen, um "forschende Lehrer*innen" zu werden.
Online vernetzt – eine Community für Fremdsprachenlehrer*innen
Einer der innovativsten Aspekte dieses Projekts ist die Entwicklung einer Online-Community für Lehrkräfte. Obwohl man als Lehrperson immer unter Menschen ist, fühlen sich Lehrkräfte oft isoliert. Sie sind häufig die einzigen Erwachsenen im Klassenzimmer und haben in ihren Pausen nur wenig Zeit um sich mit Kolleg*innen über die Praxis auszutauschen.
"Eine Online-Community ist nachhaltiger", bekräftigt Hüttner, besonders für länderübergreifende Projekte. Diese Plattform soll Lehrkräften ermöglichen, sich über Ideen und Herausforderungen auszutauschen, und Forschungsergebnisse aus dem eigenen Klassenzimmer mit Kolleg*innen aus ganz Europa zu teilen. Sie bietet einen Raum für den Dialog, der im hektischen Schulalltag so oft fehlt.
Warum Forschung für Lehrpersonen wichtig ist
Das Projektteam argumentiert, dass die laufende Beschäftigung mit Forschungsergebnissen ein Grundstein der Professionalität von Lehrer*innen ist. Pittenauer vergleicht das Bildungswesen mit anderen Bereichen wie der Medizin oder dem Recht: "Man möchte ja auch nicht von einer Chirurgin operiert werden, die operiert wie vor 20 Jahren. Aber wenn es um Lehrpersonen geht, die ihre Kenntnisse in den letzten 20 Jahren nicht erweitert haben, sind wir wesentlich gelassener."
Die Notwendigkeit ständiger Fort- und Weiterbildung zeigt sich besonders beim Aufstieg von KI. Vielen Lehrkräften sind die Möglichkeiten und Grenzen der KI nicht bewusst, da sie bislang keine zeitlichen Ressourcen oder Fortbildung hatten, um sich mit der aktuellen Forschung zu diesem Themenkomplex zu beschäftigen.
Ausgestattet mit Forschungskompetenzen verfügt Anna über eine Basis fürs lebenslange Lernen. Sie kann damit nicht nur so unterrichten, wie es ihr beigebracht wurde, sondern sich gemeinsam mit ihren Schüler*innen und der Gesellschaft weiterentwickeln.
Was können interessierte Lehrkräfte als nächstes tun? Am Multiplier Event am 27. Februar teilnehmen!
ReaLiTea entwickelt im Rahmen eines Pilotprojekts Lehrmaterialien und holt Feedback von Lehrenden in der Lehrer*innenbildung und von Lehrer*innen an Schulen zu den Materialien und dem Forschungskompetenzrahmen ein. Beim Erasmus+ Multiplier Event am 27. Februar 2026 an der Universität Wien können Sie Teil der Feedbackgruppe werden.
- Hier finden Sie alle Infos, um sich bis 20. Februar für das Multiplier Event anzumelden. Die Veranstaltung richtet sich an Lehrende in der Lehrer*innenbildung und an Lehrkräfte an Schulen im Bereich Fremdsprachen.
- Die finalisierten Lehrmaterialien werden im Spätsommer auf der Projektwebseite zugänglich gemacht. Abonnieren Sie unseren Newsletter auf www.realitea.info und gehören Sie zu den Ersten, die benachrichtigt werden, sobald diese verfügbar sind.
- Die "Community of Practice" Online-Plattform auf HumHub ist bereits online – interessierte Lehrpersonen können sich hier dafür anmelden.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind bilinguale Bildungsprogramme, Content and Language Integrated Learning (CLIL) und Lehrer*innenfortbildung. Sie hat zahlreiche Beiträge in führenden Fachzeitschriften und bei renommierten Verlagen veröffentlicht.
Sie hat ein Lehramtsstudium in den Fächern Englisch und Italienisch als Fremdsprache abgeschlossen (MEd, 2021). In ihrem Dissertationsvorhaben beschäftigt sie sich mit der Kognition von Lehrer*innen und der Entwicklung von Kenntnissen von EFL-Lehrenden in verschiedenen Phasen des Lehrberufs.