Wenn Stress krank macht
"Ich will verstehen, wie die Biologie und die Psychologie von Stress zusammenspielen, um die Frage zu beantworten, warum und wie Stress krank macht."Nida Ali
"Stress hat einen schlechten Ruf", sagt Nida Ali, Postdoc am Institut für Klinische und Gesundheitspsychologie der Universität Wien, "aber in Wahrheit ist er eine Anpassungsreaktion, die uns hilft zu überleben." Für den Großteil der Menschheitsgeschichte war die Fähigkeit, auf eine Bedrohung angemessen zu reagieren, überlebenswichtig‒ man denke an die berühmte Fight-or-Flight-Reaktion, also Kampf oder Flucht.
Bei Stress produziert der Körper Hormone wie Adrenalin und Cortisol. Dadurch werden Blutdruck, Blutzuckerspiegel und Sauerstoffaufnahme angekurbelt, während nicht lebenswichtige Prozesse verlangsamt werden. Schließlich: Wer einem hungrigen Leoparden gegenübersteht, kann das eigene Mittagessen ruhig etwas später verdauen.
Stress hilft uns, Energie zu mobilisieren, um eine schwierige Situation zu bewältigen. Ist diese vorbei, lässt die Stressreaktion nach und unser Körper kehrt in den Normalzustand zurück.
Stressforschung an der Uni Wien
Die Stressforschung untersucht die psychologischen und biologischen Mechanismen, die Stressreaktionen zugrunde liegen. Während Laboruntersuchungen es ermöglichen, Stress in einer kontrollierten Umgebung zu untersuchen, konzentrieren sich die Studien der Forschungsplattform auf Stress dort, wo er auftritt, d. h. im Alltag. Die Forschungsplattform The Stress of Life vereint Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen zusammen, darunter Psychologie, Biologie, Sportwissenschaft und Geisteswissenschaften, um Stress im Alltag besser zu verstehen.
"Die Stressreaktion ist zwar unverzichtbar, belastet den Körper aber auch", sagt die Psychologin. "Hält der Alarmzustand über einen längeren Zeitraum an, kann das krank machen. So gibt es zum Beispiel eine enge Verbindung zwischen Stress und dem Immunsystem. Chronische Stressfaktoren schwächen die Immunabwehr und erhöhen damit die Anfälligkeit für Krankheiten." Beispiele für solche Stressfaktoren sind familiäre Probleme, Schwierigkeiten bei der Jobsuche oder der Publikationsdruck in der Wissenschaft, der oft mit dem Begriff "Publish or Perish" umschrieben wird.
Die Biologie ist jedoch nur eine Seite der Medaille, betont Ali. "Ob eine Situation als stressig empfunden wird, entscheiden letzten Endes psychologische Faktoren." Stress ist tatsächlich relativ: "Ich hätte zum Beispiel kein Problem damit, eine öffentliche Spontanrede über meine Forschung zu halten. Ginge es aber um ein ganz anderes Thema, zum Beispiel Raketenwissenschaft, wäre ich komplett verloren. Für Raketenwissenschafter*innen hingegen wäre diese Aufgabe weniger stressig."
Auch chronischer Stress wirkt sich auf die Menschen unterschiedlich aus: Manche werden krank, andere nicht. In ihrer Forschung geht Ali der Frage nach, wie Körper und Geist miteinander "reden" – und in welcher Weise diese Beziehung gestört ist, wenn der Stress krank macht.
In Laborexperimenten analysieren Ali und ihre Kolleg*innen biologische und psychologische Parameter wie etwa Stressmarker im Speichel der Studienteilnehmer*innen und werten Fragebögen aus. Untersucht werden aber auch Stress und Resilienz im täglichen Leben anhand von Selbstberichten der Teilnehmer*innen und Speichelproben. Dadurch können viele verschiedene Fragen beantwortet werden, etwa: Wie wirkt sich Stress auf das Fortpflanzungssystem aus und umgekehrt? Wie beeinflusst chronischer Stress in der Kindheit die Resilienz im Erwachsenenalter?
Ihre Forschung, sagt Ali, sei "wie ein Puzzle zusammenzusetzen. Es ist faszinierend, Stress und seine weitreichenden Folgen aus so vielen verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten." Aufbauend auf ihren Erkenntnissen will die Forscherin neuartige Interventionen und Bewältigungsstrategien entwickeln. "Jede*r ist manchmal gestresst. Wenn wir jedoch die mit pathologischem Stress verbundenen Faktoren ermitteln, können wir gezielte Maßnahmen für Menschen entwickeln, die aufgrund ihrer biologischen oder psychologischen Veranlagung ein höheres Risiko haben.""
Forschung von Nida Ali: Dissoziation zwischen physiologischem und emotionalem Stress
Die emotionalen und physiologischen Stressreaktionen scheinen nicht immer zusammenzupassen. "Wir können uns psychisch gut fühlen, während die biologischen Stressmarker im Körper extrem erhöht sind", erklärt Nida Ali. Es kann aber auch andersherum sein. In einer Studie aus dem Jahr 2017 konnten Ali und ihre Kolleg*innen von der McGill University, Kanada, zeigen, dass die psychologische Stressreaktion bestehen bleibt, auch wenn die physiologische unterdrückt wird. Dies wirft Fragen zur Rolle der physiologischen Reaktionen bei emotionalem Stress auf. "Es war faszinierend, diese Entkoppelung zum ersten Mal empirisch zu sehen", so Ali.
Ali promovierte in klinischer Psychologie an der McGill University in Montreal, Kanada. Im Jahr 2025 erhielt Nida Ali einen L'Oreal-UNESCO-Förderpreis "For Women in Science" Österreich für ihre Postdoc-Forschung an der Universität Wien.