Keine Sommer mehr wie damals?
Was Hitze mit Gehirn und Körper macht
Ein heißer Sommer folgt dem nächsten. Was früher die Ausnahme war, scheint heute die Regel. Die Tage in Österreich mit über 30 Grad werden von Sommer zu Sommer häufiger und damit auch die Tropennächte. Was macht das mit uns und unserer Leistungsfähigkeit?
Damit beschäftigt sich die Sozialpsychologin Julia Reiter aktuell und zwar konkret am Beispiel von Arbeitnehmer*innen, die besonders von der Hitze betroffen sind, wie Bauarbeiter oder Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Diese sind nicht nur hohen Lufttemperaturen, sondern auch der gefährlichen UV-Strahlung ausgesetzt; manchmal kommt noch Abwärme durch bestimmte Tätigkeiten dazu.
Es ist eine enorme psychische Belastung, bei gleichbleibender Verantwortung über einen längeren Zeitraum trotz stärkster Bemühungen nicht so leistungsfähig zu sein wie gewohnt.Julia Reiter
Oft empfohlene Maßnahmen zur Entlastung sind in diesen Berufen schwer umsetzbar, erklärt Reiter, Senior Scientist im Forschungsverbund Gesundheit in Gesellschaft der Uni Wien: "Es ist oft schlecht möglich, Arbeit flexibel zu gestalten oder sie etwa in die Nacht oder in kühlere Jahreszeiten zu verschieben, z.B. aufgrund von Lärmschutzregulierungen oder der Verkehrssituation." Aber auch langfristige Folgen sind zu bedenken: Beispielsweise können Bauarbeiter ohne adäquaten Schutz ein höheres Hautkrebsrisiko haben.
"Es gibt Studien von Feldarbeiter*innen, die Nierenschädigungen belegen, weil man ab einem gewissen Punkt bei schwerer körperlicher Arbeit einfach nicht so viel trinken kann, dass die Nieren ausreichend versorgt sind." Hitze wirkt jedoch nicht nur körperlich, sondern auch kognitiv: Sie erschwert die Konzentrationsfähigkeit, macht müde und gereizt. So kommt es zu Fehlern, die Wahrscheinlichkeit für Arbeitsunfälle steigt. Auch Konflikte am Arbeitsplatz werden häufiger.
Anpassung an Hitze ermöglichen
Das Empfinden, dass die Konzentrationsfähigkeit eingeschränkt ist, führt außerdem zu einer ständigen unterschwelligen Angst davor, Fehler zu machen, erläutert Reiter. Denn in manchen Berufen sind Fehler mit schweren Konsequenzen verbunden, etwa wenn im Krankenhaus Medikamente verwechselt werden: "Es ist eine enorme psychische Belastung, bei gleichbleibender Verantwortung über einen längeren Zeitraum trotz stärkster Bemühungen nicht so leistungsfähig zu sein, wie man es gewohnt ist", betont die Expertin.
Julia Reiter beschäftigt sich in ihrer Forschung deshalb auch damit, was Arbeitgeber*innen zur Verbesserung beitragen können. "Primär geht es natürlich darum, die Hitze- und Sonnenbelastung zu reduzieren, etwa durch Beschattung und das Schaffen von Kühlräumen", sagt sie. "Es geht aber auch darum – und das ist besonders herausfordernd –, Arbeitsabläufe und soziale Normen am Arbeitsplatz zu verändern, z.B. mehr Pausen und eine Anpassung an die Hitze zu ermöglichen."
Forschungsverbund Gesundheit in Gesellschaft (GiG)
Der Forschungsverbund Gesundheit in Gesellschaft wurde 2024 an der Universität Wien gegründet. Er verbindet Wissenschafter*innen unterschiedlicher Disziplinen, um gemeinsam Gesundheit, Medizin und Wohlbefinden zu erforschen. Die Mitglieder bringen den spezifischen Blickwinkel ihres jeweiligen Fachgebietes ein und berücksichtigen dabei auch lokale, regionale und globale Zusammenhänge. Der Forschungsverbund schafft Synergien und ermöglicht Wissenschaft, die gesellschaftlich wirksam wird – interdisziplinär, innovativ und kooperativ.
Fehler aufgrund von Hitzebelastung?
Lassen sich die Auswirkungen der Hitze auf die geistige Leistungsfähigkeit auch messen? "Die Forschungslage, wie Hitze Konzentration und Aufmerksamkeit beeinflussen, ist relativ heterogen", sagt der Kognitionsforscher Claus Lamm, der aktuell an einer Hitze-Studie mitforscht: "Bis zu einer Lufttemperatur von 45 Grad ist der Körper, und damit auch das Gehirn, ganz gut in der Lage sich anzupassen." Je nachdem, wie hoch die Temperatur ist und wie lang die Hitze andauert, kommt es zu einer Veränderung der Konzentrations- und Kognitionsfähigkeit im einstelligen Prozentbereich: "Eine Studie zeigte, dass es bei 47 Grad zu einer Verschlechterung um ca. sechs bis sieben Prozent kommt. Das heißt, das System funktioniert weiterhin, aber ein bisschen schlechter." Das mag nach wenig klingen, ist aber natürlich trotzdem relevant – individuell, aber auch gesamtgesellschaftlich.
Wie belastend wir Hitze subjektiv wahrnehmen, beeinflusst stark, wie negativ wir darauf tatsächlich reagieren.
Claus Lamm
Bestimmte Gruppen besonders stark belastet
Auch bei der Frage nach der Häufigkeit von Fehlern aufgrund von Hitzebelastung ist die Forschungslage gemischt. Zur kognitiven Belastung bei über 45 Grad gibt es wenige aussagekräftige Studien, einzelne Untersuchungen mit Feuerwehrleuten oder militärischem Personal sind nicht auf die Gesamtbevölkerung umlegbar. Was sich jedoch immer wieder zeigt: Die Reaktion auf Hitze hängt stark von der individuellen Wahrnehmung ab, sagt Lamm: "D.h. wie belastend wir Hitze subjektiv wahrnehmen, beeinflusst stark, wie negativ wir darauf tatsächlich reagieren. Unser Gehirn und unsere Wahrnehmung beeinflussen massiv, wie wir uns in steigender Hitze verhalten, und teilweise auch unsere Physiologie."
Hitzeschutz für Arbeitnehmer*innen
Hitze belastet alle Menschen, aber besonders jene, die im Freien arbeiten. Im Seminar Gesundheit und Policy von Julia Reiter und Robert Böhm, dem Co-Direktor des Forschungsverbunds Gesundheit in Gesellschaft, erforschen Masterstudierende der Psychologie derzeit, wie sich Schlafmangel durch Hitze auf Baustellen auswirkt und wie die neue Hitzeschutzverordnung in Betrieben implementiert wird. Auch die Hitzebelastung von obdachlosen Menschen und wie diese damit umgehen wird erhoben. Ergebnisse werden im kommenden Wintersemester vorliegen.
Trotzdem sind bestimmte Gruppen besonders stark belastet: Babys etwa können Wärme weniger gut abgeben als Erwachsene. Ältere Personen neigen dazu, generell wenig zu trinken, was ebenfalls die Thermoregulation beeinträchtigt. Wer sich im Beruf Hitze und direkter Sonneneinstrahlung nicht entziehen kann, ist ebenso vulnerabel wie Personen mit psychischen oder körperlichen Erkrankungen, deren Medikamente unterschiedlich wirken können, je nachdem, in welchem physiologischen Zustand sich der Körper befindet. Zudem wirken sich manche Medikamente, wie z.B. Antidepressiva, negativ auf die Temperaturregulation aus.
Alkohol ist tabu
Doch auch den Körpern von nicht-vulnerablen Menschen verlangt die Hitze viel ab, weil Herztätigkeit, Durchblutung, Atmung und Schweißproduktion zunehmen. Sportliche Tätigkeit sollte daher dosiert angepasst werden, sagt Ernährungs- und Sportmediziner Daniel König: "Bei steigenden Temperaturen muss man noch nicht ganz auf körperliche Aktivität verzichten. Über 35 Grad tagsüber bzw. 25 Grad in der Nacht ist unser Körper aber bereits weitgehend am Anschlag, und das erfordert, auf körperliche Aktivität zu verzichten." Als Daumenregel rät König, jeweils dann Sport zu betreiben, wenn die Temperaturen so sind, dass man auch die Wohnung lüften würde, für die jeweilige Aktivität unversiegeltes Gelände wie etwa Parks aufzusuchen, sowie die Trainingsintensität anzupassen.
Bei der Ernährung sollten leicht verdauliche Mahlzeiten gewählt werden. Alkohol ist tabu: "Alkoholische Getränke können zu einer Negativbilanz führen, da sie die Ausscheidung über die Niere steigern und die Hautgefäße erweitern, was die Fähigkeit zur Abkühlung beeinträchtigt."
Gerade bei extremen Temperaturen kann es durchaus sinnvoll sein, kalte Getränke zu sich zu nehmen, weil dadurch die Körperkerntemperatur sinkt.Daniel König
Immer länger dauernde Hitzeperioden
Die früher oft geäußerte Empfehlung, bei großer Hitze bevorzugt lauwarme Getränke zu sich zu nehmen, ist übrigens mittlerweile überholt, sagt König: "Gerade bei extremen Temperaturen kann es durchaus sinnvoll sein, kalte Getränke zu sich zu nehmen, weil dadurch die Körperkerntemperatur sinkt. Und: Viele Menschen trinken einfach lieber kalte Getränke." Wenn das dazu führt, dass man mehr trinkt, stimmt unter dem Strich auch die Wasserbilanz.
Durch die immer früher beginnenden, immer länger dauernden Hitzeperioden sind jedenfalls nicht nur vulnerable Personen, sondern alle Menschen gezwungen, ihr Verhalten anzupassen, um gesund und leistungsfähig zu bleiben: ausreichend trinken, nicht schwer oder zu viel essen, Aktivitäten wenn möglich in die frühen Morgenstunden verlegen, intelligent lüften und den Körper regelmäßig kühlen, indem man Unterarme oder Beine mit kaltem Wasser übergießt oder eine kalte Dusche nimmt.
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