Immer so ein Stress
Rudolphina: Herr Nater, Stress bestimmt Ihren Forschungsalltag. Dazu gehört auch die Entwicklung von Methoden der Stressmessung. Wie stressen Sie Menschen und wie können Sie es dann messen?
Urs Nater: Bei Menschen gibt eine ganze Reihe von Stressoren, die wir im Labor einsetzen können. Eine der besten Methoden sie zu stressen – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen gemein – ist der sogenannte Trier Social Stress Test. Das ist eine Kombination aus einem fiktiven Jobinterview vor einem Auswahlgremium mit zwei bis drei Personen und einer sehr schwierig zu lösenden Rechenaufgabe. Dabei gibt das Gremium keine sozial verträglichen Rückmeldungen, wie zum Beispiel Lächeln, Kopfnicken, etc. Und diese soziale Situation löst wirklich zuverlässig eine Stressreaktion aus – besonders, wenn eine Rechenaufgabe dabei ist.
Im Verlauf dieses Stresstests messen wir dann eine Reihe von Faktoren, von denen wir wissen, dass sie die Stressreaktivität widerspiegeln. Das reicht von der Herzrate, der Herzratenvariabilität über die Hautleitfähigkeit bis hin zu Hormonen und Immunparametern, die wir in der Regel im Blut oder im Speichel messen.
Je mehr man sich selbst in einen Entspannungszustand bringen kann, desto mehr lernt man, dass man dazu in der Lage ist – das ist eine Ermächtigung, mit Stressoren umgehen zu können.Urs Nater
Rudolphina: Die körperliche Reaktion auf Stress ist ja ein natürlicher Vorgang, der einem oft hilft mit der Situation besser umzugehen. Können Sie kurz erklären, was da eigentlich passiert?
Urs Nater: Wir brauchen diesen Mechanismus, damit wir überhaupt in der Lage sind, mit Herausforderungen und auch Bedrohungen umzugehen. Früher war das notwendig, um zu flüchten oder zu kämpfen. Dafür muss die Stressreaktion extrem schnell aktiviert werden und dafür ist wiederum das autonome Nervensystem zuständig. Der für Ruhe zuständige Teil – der Parasympathikus – zieht sich zurück und aktiviert den Sympathikus, der den Körper auf Leistung, Kampf oder Flucht schaltet.
Das ist die ganz unmittelbare Stressreaktion. Um dann mit einer Situation nachhaltiger umzugehen, kommen Hormone ins Spiel, die die akute Stressreaktion modulieren und dafür sorgen, dass der Körper gut versorgt ist. Zum Beispiel, dass im Fall einer Verletzung die Immunzellen schnell transportiert werden können.
Rudolphina: Solch eine körperliche Stressreaktion ist ja für Ausnahmesituationen wie Gefahr oder besondere Herausforderungen gedacht. Was passiert, wenn Menschen sehr oft und regelmäßig Stress haben, beispielsweise eine Ärztin in der Notaufnahme?
Urs Nater: Wenn sich die Stressreaktion ständig wiederholt, kann es zu Abnutzungserscheinungen der Stresssysteme kommen. Das nennt sich Allostatic Load und als Konsequenz davon ist der Körper nicht mehr in der Lage, adäquat auf Stress zu reagieren. In der Regel beeinträchtigt das die körperliche, und oft auch die psychische Gesundheit. Deshalb machen wir auch unsere Stresstests, um zu sehen, ob alles im Lot ist. Menschen, bei denen die Stressreaktion nicht richtig funktioniert, die reagieren entweder viel zu heftig oder sind abgestumpft.
Forschungsplattform "Stress of Life"
Die Forschungsplattform "Stress of Life" untersucht Prozesse und Mechanismen, die dem Alltagsstress zugrunde liegen. Während es Laboruntersuchungen ermöglichen, Stress in einer kontrollierten Umgebung zu untersuchen, konzentrieren sich die Studien der Forschungsplattform auf Stress dort, wo er auftritt, d. h. im Alltag. "Stress of Life" vereint Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen, darunter Psychologie, Biologie, Sportwissenschaft und Geisteswissenschaften, um Stress im Alltag besser zu verstehen.
Rudolphina: In der Forschungsplattform "The Stress of Life" untersuchen Sie Stressreaktionen im Alltag, d.h. abseits der kontrollierten Laborsituation. Gehen Sie dafür in Krankenhäuser oder Zeitungsredaktionen?
Urs Nater: Das sind interessante Beispiele, aber wir sind dabei weniger am Setting interessiert, das potenziell Stress auslösen kann. Wir gehen davon aus, dass alle Personen, egal welchen Job sie haben, grundsätzlich in der Lage sind, Stress zu empfinden – manche mehr, manche weniger. Rein quantitativ, aber auch qualitativ ist der erlebte Stress genau der gleiche. Ausgenommen davon sind natürlich extreme Situationen, etwa eine tödliche Bedrohung.
Am Ende des Tages hängt es von der einzelnen Person ab: Was bringt sie mit? Wie schätzt sie ihre Ressourcen ein, um mit dem Stress umgehen zu können? Das bestimmt, wie hoch der Stresslevel in bestimmten Situationen ist.
Rudolphina: Wie können Sie im Alltag der Proband*innen den Stress überhaupt messen, da es ja keine Laborsituation ist?
Urs Nater: Die Versuchspersonen arbeiten mit einer eigenen App und beantworten für die gesamte Studiendauer selbstständig immer wieder Fragen – jeden Tag gibt es alle paar Stunden fixe Messzeitpunkte, abhängig von der Fragestellung. Sie werden zum Beispiel gefragt, wie sie geschlafen haben oder wie gestresst sie gerade sind. Wenn sie gerade Stress erleben, beantworten sie Fragen zum Stressor. Zudem bitten wir sie auch, immer dann eine Befragung zu starten, wenn sie gerade akut Stress erleben.
Diese Messung im unmittelbaren Alltag nennt man Ecological Momentary Assessment (EMA). Der Vorteil: Man umgeht den sogenannten Erinnerungs-Bias, d.h. eine Verfälschung der Erinnerung. Gleichzeitig nehmen die Versuchspersonen selbstständig Speichelproben zu bestimmten Zeitpunkten, wie in der App angegeben. Wir analysieren diese dann später im Labor auf z.B. Stresshormone.
Rudolphina: Was war eine besonders spannende Alltagsstress-Studie, die Sie durchgeführt haben?
Urs Nater: Eine Sache, die uns besonders interessiert, ist die Wechselwirkung von Stress und bestimmten körperlichen Beschwerden. In einer Studie haben wir den Zusammenhang von Stress und körperlicher Erschöpfung untersucht. Das Ergebnis: Je mehr Stress die Personen hatten, desto erschöpfter waren sie, andererseits hat mehr Erschöpfung in Folge zu mehr Stress geführt.
In einer aktuellen Studie untersuchen wir zum Beispiel prämenstruelle Symptome wie Reizbarkeit oder Verstimmung sowie körperliche Beschwerden, die damit einhergehen. Dabei lautet unsere Forschungsfrage: Welchen Einfluss hat Stress auf diese Beschwerden? Und umgekehrt: Haben prämenstruelle Beschwerden Einfluss auf das Stresserleben danach?
Rudolphina: Damit einhergehend forschen Sie ja auch zu Stressmanagement und gesundheitlichen Effekten. Besonders spannend ist dabei das von Ihnen geleitete "Music and Health Lab", wo Sie die positiven Auswirkungen von Musik auf Körper und Geist untersuchen – und auf Stress.
Urs Nater: In unserem Lab sind wir der Meinung, dass Musik einen positiven Effekt auf die Gesundheit haben kann, insbesondere auf die Stressreduktion. Die essentielle Frage unserer Studien im Lab dreht sich darum, wie Musik zur Stressreduktion genutzt werden kann. Dabei konnten wir feststellen, dass der Stress deutlich reduziert wird, je öfter die Menschen unmittelbar Musik gehört haben, und das schon ab einer Dauer von circa 20 Minuten. Gerade, wenn Musik ganz bewusst zur Stressreduktion eingesetzt wird, hat das einen merklichen Effekt. Natürlich hängt es von Intensität des Stressors ab, wenn der zu stark ist, dann ist Musik zu wenig mächtig.
Music and Health Lab
Im "Music and Health Lab" unter der Leitung von Urs Nater zielen die Forschungen darauf ab, die biopsychosozialen Grundlagen der positiven Auswirkungen von Musik auf Körper und Geist zu untersuchen. Aktuell laufen eine Reihe von Forschungsprojekten, die unterschiedliche Ansätze wie experimentelle Designs, ambulante Untersuchungen und biologische Messverfahren kombinieren. Zur Verfügung stehen modernste Geräte zur Messung psychophysiologischer, endokriner, immunologischer und genetischer Parameter, um die Auswirkungen von Musik auf die Gesundheit aus einer multidisziplinären Perspektive zu untersuchen. Zum Lab
Rudolphina: Hilft Ihnen bei Stress auch Musik? Was macht ein Stressforscher, um sich zu entspannen?
Urs Nater: Dazu muss ich zunächst sagen, dass ich als Professor sehr privilegiert bin; der Rektor interessiert sich schon dafür, was ich tue, ruft mich jetzt aber nicht an, um mir Aufträge zu geben. Das heißt, ich bin in meiner Arbeit sehr selbstbestimmt. Und das muss man bei der Antwort auch berücksichtigen. Ich kann dadurch auch zu Dingen Nein sagen, wenn ich weiß, sie bringen mich in eine Situation, in der ich überfordert werde. So arbeite ich zum Beispiel nicht am Wochenende, beantworte keine E-Mails nach 20 Uhr und wenn ich im Urlaub bin, dann schalte ich das Internet oder zumindest Outlook aus. Damit habe ich meine potentiellen Stressoren schon mal ein Stück weit unter Kontrolle.
Gleichzeitig weiß ich aber, dass zum Beispiel die Person an der Kassa in einem Supermarkt diese Möglichkeiten nicht hat. Die muss morgens um 7:40 Uhr dasitzen und kann nicht sagen, nein, das mache ich jetzt nicht. Das ist mir voll bewusst. Generell ist es wichtig, eine Basis dafür zu schaffen, dass man sich grundsätzlich runterregulieren kann. Das kann alles sein. In meinem Fall ist es zum Beispiel Kampfsport. Viele sagen, dass ihnen Yoga gut tut - das untersuchen wir übrigens gerade in einem aktuellen Projekt - oder eben bewusst Musik hören. Denn je mehr man sich selbst in einen Entspannungszustand bringen kann, desto mehr lernt man, dass man dazu in der Lage ist – das ist eine Ermächtigung, mit Stressoren umgehen zu können.
Rudolphina: Sie haben alltägliche Stressoren und den Umgang im Alltag beschrieben, doch was ist mit außergewöhnlichen Situationen wie z.B. Prüfungen, Jobinterviews oder Sprechen vor Publikum?
Urs Nater: Das besprechen wir auch mit den Menschen in unseren Stress-Interventionen. Wir versuchen mit ihnen gemeinsam das zu identifizieren, was sie in Stressmomenten tun können, um runterzukommen. Wichtig dabei ist, sich zu hinterfragen. Ich frage mich, zum Beispiel wenn ich vor einem Vortrag aufgeregt bin, was ist denn eigentlich das Schlimmste, was in dieser Situation passieren kann? Ich bekomme sehr wahrscheinlich keinen Herzinfarkt, wenn ich jetzt da vorne stehe und es ist auch unwahrscheinlich, dass mich alle auslachen; sie haben mich eingeladen, um etwas über meine Forschung zu hören. Und genau solche Dinge versuchen wir in unseren Interventionsstudien den Leuten als Fähigkeiten zu vermitteln, die sie lernen können.
Rudolphina: Vielen Dank für das Interview!
Forschungsverbund Gesundheit in Gesellschaft
Der Psyschologe Urs Nater ist auch Mitglied im Forschungsverbund Gesundheit in Gesellschaft (GiG) an der Universität Wien, der Wissenschafter*innen unterschiedlicher Disziplinen verbindet, um gemeinsam Gesundheit, Medizin und Wohlbefinden zu erforschen.