Social Media-Verbot: Was sagt die Forschung?
Wie kann man Kinder und Jugendliche effektiv schützen?
"Jugendliche sind in einer Phase der Identitätsfindung. Für sie ist Social Media die ideale Plattform, um sich auszutauschen und zu vergleichen", sagt Kathrin Karsay, Assistenzprofessorin für Unterhaltungsforschung am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Gleichzeitig sei die Impulskontrolle in dieser Altersgruppe noch nicht voll ausgebildet. Die Forschung zeigt, dass die exzessive Nutzung sozialer Medien sich negativ auf die Psyche auswirkt. Gleichzeitig sind die Effekte nicht für jeden Menschen gleich – Unterschiede zeigen sich zwischen den Altersgruppen und zwischen kurz- und langfristiger Nutzung.
Welche Wege, Kinder und Jugendliche vor den negativen Effekten zu schützen, sieht die Forschung? "Man kann zwar den Zugang zu den Inhalten einschränken", sagt Karsay. "Andererseits könnte man auch bei der Nutzung ansetzen, beispielsweise, indem man Zeitlimits einführt." Die Kommunikationsforscherin nimmt aber auch die Digitalplattformen selbst in die Pflicht: "Algorithmen müssen transparent sein und süchtig machende Designelemente wie 'endless scrolling' sollten hinterfragt werden."
Trifft ein Verbot alle gleich?
Ein Social Media-Verbot ist nicht neutral, weil es nicht jeden gleich trifft, betont Suzana Jovicic vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie: "Marginalisierte Gruppen sind oft auf Social Media angewiesen, zum Beispiel mobilitätseingeschränkte, chronisch kranke oder von Armut betroffene Personen, die wenig alternative Freizeitangebote haben." Das eingeschränkte Informations- und Kommunikationsfreiheit treffe besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund, die international kommunizieren. "Deshalb sollte man bei Verboten darauf achten, ob es für diese Gruppen realistischerweise Alternativen gibt."
Wie haben frühere Generationen auf neue Medien reagiert?
Generell spiegele die Debatte um die Gefahren sozialer Medien die gesellschaftliche Rezeption neuer Medien im Allgemeinen wider, ordnet Jovicic ein: "Neue Medien kommen oft mit gesellschaftlichem Wandel und gelten daher schnell als gefährlich. Im 18. Jahrhundert sprach von einer 'Lesesucht' und davon, Bücher würden die Jugend zu Faulheit und Frauen zu 'falschen Gedanken' verführen."
Soziale Medien gibt es seit 20 Jahren. Warum spricht jetzt jeder über Verbote?
Obwohl Soziale Medien nichts Neues mehr sind, ist es nachvollziehbar, warum die Debatte um Verbote jetzt aufgeflammt ist, sagt Kathrin Karsay: "Wenn wir uns im Vergleich Facebook vor 10 Jahren anschauen, haben wir es heute mit einer ganz andere Art Social Media zu tun: Nicht mehr der Community-Gedanken steht im Vordergrund, sondern Monetarisierung durch Klicks. Hinzu kommt heute personalisierte Werbung und Influencer-Marketing."
Auf welcher rechtlichen Grundlage stützt sich das Verbot und ist es mit den Grundrechten vereinbar?
Die rechtliche Grundlage dafür, Minderjährige im digitalen Raum zu schützen, ist durch den Digital Services Act (DSA) und entsprechende EU-Leitlinien jedenfalls gegeben, sagt Nikolaus Forgó, Professor für Professor für Technologie- und Immaterialgüterrecht am Institut für Innovation und Digitalisierung im Recht. "Es stellt sich eher die Frage der Durchsetzung." Formal ist es in Österreich die Kommunikationsbehörde Austria, die für die medienrechtliche Durchsetzung zuständig ist, auf europäischer Ebene die EU-Kommission.
Tatsächlich steht das Verbot in einem Spannungsfeld zwischen dem Recht auf Schutz und dem Recht auf freie Meinungsäußerung und Information. "Letztere wären durch das Verbot natürlich eingeschränkt", gibt Forgó zu Bedenken. "Zwischen diesen beiden Ansprüchen gibt es einen Graubereich, in dem wir die Vor- und Nachteile abwägen müssen."
Zwischenfazit Australien – was können wir vom australischen Modell lernen?
Mit Blick auf Australien, das in puncto Verbot vorgeprescht ist, sehe man, dass Kinder und Jugendliche die Sperre zu umgehen wissen. Auf der Suche nach verlässlichen Verifikationsmethoden drängt sich die Frage des Datenschutzes auf, betont Nikolaus Forgó: "In Australien führen die Plattformen die Altersverifikation durch, was dazu führt, dass sie noch mehr zum Teil sensible personenbezogene Daten sammeln als zuvor." Zwar will die österreichische Bundesregierung einen alternativen Weg zum australischen Modell gehen, die technischen Details der Altersprüfung sind aber noch unklar.
He studied law, philosophy and linguistics in Vienna and Paris. In 1997, he completed his doctorate with a dissertation on legal theory and has been head of the university programme for information law and legal information at the University of Vienna since 1998. From 2000 to 2017, he worked at the Faculty of Law at Leibniz Universität Hannover. He has been Professor of Technology and Intellectual Property Law at the University of Vienna since October 2017.
Sie leitet das ESPRIT (FWF) Projekt "Smartphone Addiction" und gehört zum Leitungsteam des Projekts We:Design (AK DigiFonds).
Aktuell forscht sie zur Rolle von Gesundheitsinfluencern auf Social Media im Rahmen des FWF-Projekts HISM, Darstellung von psychischen Erkrankungen auf TikTok und Instagram, und den Umgang mit permanenter digitaler Konnektivität (z.B. die Nutzung von sogenannten Detox-Apps).