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"Der Klang der Monarchie" von Philipp Ther

1. Oktober 2025 von Sebastian Deiber
Musik begeistert die Massen – und bereits die Habsburger wussten sie politisch zu nutzen. Wie der "Habsburg-Pop" von Mozart, Smetana und Strauss dazu beitrug, das Reich trotz Napoleon, Revolution und Königgrätz zusammenzuhalten, zeigt der Historiker Philipp Ther in seinem neuesten Buch.
"Der Klang der Monarchie", sein Autor Philipp Ther, sowie zwei der Protagonisten des Buches, Johann Strauss Sohn (Statue) und Eduard Strauss (Portrait rechts), im neuen "House of Strauss" in Wien-Döbling. © Barbara Mair

Rudolphina: Herr Ther, worum geht es in Ihrem Buch und warum haben Sie es geschrieben?

Philipp Ther: "Der Klang der Monarchie" ist eine neue Gesamtdarstellung der Geschichte des Habsburgerreiches und zugleich eine Einführung in die dort entstandene Musik. Das Originelle daran: Während Standardwerke die Musikgeschichte seit dem 19. Jahrhundert immer national unterteilten – deutsche, italienische, französische Musik etc. – gab es den Begriff der "habsburgischen Musik" bisher nicht. Mein Buch schließt diese Lücke und verbindet dabei Lesen mit Hören. 67 über QR-Codes zugängliche Musikbeispiele begleiten die Lektüre, dienen als historische Quelle und erzählen uns viel über die soziale und politische Geschichte des Habsburgerreichs.

Rudolphina: Ab dem späten 18. Jahrhundert droht die Habsburgermonarchie im Konzert der Großmächte nur noch zweite Geige zu spielen. Wie half Musik dabei, das Reich zusammenzuhalten?

Philipp Ther: Die Regierung setzte Musik gezielt ein, um Patriotismus und sozialen Zusammenhalt zu fördern. Musik begeisterte sowohl die Massen als auch die Elite. Darin kann man eine soziale Utopie sehen, denn im Konzertsaal war das Publikum im Musikgenuss vereint und für ein paar Stunden spielten Standesunterschiede keine große Rolle. Zwar saßen die einen in der Loge, die anderen im Parterre. Aber dennoch ist da etwas dran. Wenn die Menschen sich auf den Konzerten und beim Tanzen vergnügten, schien die Welt in Ordnung ‒ kurz gesagt: Brot und Spiele. Die Macht der Musik lag in ihrer integrativen Wirkung bei inneren Zerreißproben und äußeren Bedrohungen. 

Rudolphina: Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Philipp Ther: In den Revolutionskriegen kamen 1848/49 im Habsburgerreich mindestens 100.000 Menschen ums Leben, viele Familien hatten Opfer zu beklagen, übrgens auch meine. Entsprechend unbeliebt waren die Regierung und erst recht das Militär. Musik half dabei, das öffentliche Bild der Armee reinzuwaschen, beispielsweise durch Platzkonzerte. Einige Komponisten und auch Komponistinnen betrieben diese Aussöhnung aktiv. Beispielsweise Franz Liszt. Ursprünglich pro-revolutionär eingestellt, wurde er ein regierungsnaher Vertreter des österreichisch-ungarischen Ausgleichs.

Rudolphina: "Musik ist ein Motor der Geschichte", so eine These Ihres Buches. Woran machen Sie das fest?

Philipp Ther: Revolutionäre Musik begleitete viele politische Emanzipationsprozesse: In den Revolutionen von 1848, in der Arbeiterbewegung und in den Nationalbewegungen. Umgekehrt setzten die Staaten Musik zur militärischen und gesellschaftlichen Mobilisierung ein. Napoleons Armee etwa marschierte zum blutrünstigen Text der Marseillaise durch Europa. Das "Kaiserlied" von Haydn war die habsburgische Antwort darauf, um Volk und Militär auf den Gegner einzuschwören.

Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass es damals weder Radio noch Fernsehen gab und viele Menschen nicht lesen konnten. Daher hatte Musik eine viel wichtigere Rolle, als wir es uns heute vorstellen können. Mit meinem Buch und der dazugehörigen Playlist möchte ich diese Zeit für die Leser*innen lebendig machen. 

Graphik mit den Covers der Buchempfehlungen von Philipp Ther
"Der Klang der Monarchie" (1) und Empfehlungen des Autors zum Weiterlesen, darunter die Mahler-Biographie von Jens Malte Fischer (2). Außerdem empfiehlt Philipp Ther allen Musikliebhabern die dreibändige Edition der Briefkorrespondenzen von Bedřich Smetana (3) inklusive biographischer Einführung. Der Roman "Perspektiven" von Laurent Binet entführt für einen spannenden Kriminalfall ins Florenz der Renaissance. © Barbara Veit (Grafik) und die Verlage (Buchcovers)

Rudolphina: Wir stehen hier im neu eröffneten Museum "House im Strauss" in Wien-Döbling, dort, wo die vier Vertreter der Strauss-Dynastie Konzerte gespielt haben. Sie gelten als die ersten Popstars. Wie kann man sich den zeitgenössischen Hype um den "Habsburg-Pop" vorstellen?

Philipp Ther: Schon das Auftreten von Johann Strauss Vater erinnert an moderne Popstars. Er dirigierte auf seinem Podest vor dem Orchester, spielte gleichzeitig Geige und bewegte sich und sein Instrument im Rhythmus der Musik. So inszenierte er sich, außerdem sah er sehr gut aus und elektrisierte das Publikum. Doch bereits Mozart schrieb dezidiert populäre Stücke, zum Beispiel für die Prager Ballsaison von 1786.

Die Habsburger selbst trugen dazu bei, die alte Unterteilung zwischen Unterhaltungs- und "ernster Musik" aufzuweichen: Ursprünglich bürgerliche Tänze wie Walzer und Polka erfuhren eine Aufwertung, nachdem sie am Hof zugelassen wurden. Daraufhin widmeten berühmte Komponisten und Komponistinnen – wir dürfen die Frauen nicht vergessen – etliche Tanzstücke Monarchen. So wurde Tanzmusik geadelt und dann auch bei Konzerten eingesetzt. In meinem Buch finden sich zahlreiche Hörbeispiele für diesen "Habsburg-Pop", darunter einige sehr frühe „Urwalzer“, sogar mit einer ganz neuen Einspielung für die Playlist.
 

Rudolphina: Auch beinahe in Vergessenheit gerieten die weiblichen Komponistinnen dieser Zeit, denen Sie ein eigenes Kapitel widmen.

Philipp Ther: Ende es 18. Jahrhunderts gab es einige, die sehr prominent und produktiv waren und sogar vor den Habsburgern auftraten, zum Beispiel Marianna Martines. Das Kapitel endet gut 100 Jahre später mit Dora Pejačević, die Dichtungen von Kraus und Rilke vertonte. Dazwischen liegt ein langer Zeitraum, in dem Komponisten zu Genies verklärt wurden und ihr Beruf immer mehr an Prestige gewann. Frauen wurden dabei marginalisiert. Die "Vermännlichung" der Musik war nachhaltig – bis weit ins 20. Jahrhundert spielten in den großen symphonischen Orchestern fast nur Männer. Wie Sie sehen, geht es mir nicht darum, das Habsburgerreich zu idealisieren, sondern eine kritische Sozialgeschichte anhand der Musik zu erzählen.

Später wurden viele Komponistinnen wiederentdeckt, besonders in den letzten Jahrzehnten hat sich viel getan. Heuer kam beim Neujahrskonzert erstmals das Werk einer Frau zum Zug, nämlich der "Ferdinandus-Walzer" von Constanze Geiger.
 

Video: Wie die Habsburger ein Imperium durch Musik schufen

Philipp Ther über die Rolle der Musik für den Machterhalt der Habsburger und das Nation Building Österreichs bei der Weltausstellung 2025 in Osaka. Andere Vorträge international renommierter Expert*innen, die die Universität Wien in Osaka vertraten, finden Sie auf dem Youtube-Kanal "Uni Wien Live" © Universität Wien DLE Kommunikation

Rudolphina: Haben Sie eine Empfehlung zum Weiterlesen für alle, denen Ihr Buch gefällt?

Philipp Ther: Besonders gut finde ich die Mahler-Biographie des Germanisten Jens Malte Fischer. Obwohl kein Musikwissenschafter, versteht er es hervorragend, Musik in Worte zu fassen. Das ist eine besonders schwierige Übung. Allen, die mehr über Frauen in der Musikgeschichte lernen möchten, seien die Werke von Melanie Unseld ans Herz gelegt.

Rudolphina: Welches Buch können Sie noch empfehlen, um sich weiter ins Thema zu vertiefen?

Philipp Ther: Anlässlich des 200. Geburtstags von Bedřich Smetana ist im vergangenen Jahr der letzte Band einer neuen dreiteiligen Edition seiner Briefkorrespondenzen erschienen. Im Einführungsteil findet sich eine ausgezeichnete  Biographie über ihn in englischer und deutscher Sprache. Diese Edition ist in jeder Hinsicht vorbildlich, in der Sorgfalt, Kommentierung und Kontextualisierung.

Rudolphina: Welche Lektüre liegt gerade auf Ihrem Nachtkästchen?

Philipp Ther: Wirklich begeistert hat mich "Perspektiven" von Laurent Binet. Es ist ein historischer Roman, der im Florenz der Renaissance spielt und eine Krimi-Note hat, denn es geht um den vermeintlichen Mord am Hauptmaler der Florentiner Domkuppel. Das Buch ist im Stil eines Briefromans geschrieben, in einer scheinbar antiquierten Sprache, die einen tief in diese Zeit hineinzieht. Der Roman erklärt die subversive Wirkung der Renaissance-Malerei so gut wie jedes kunsthistorische Fachbuch ‒ und ist obendrein brillant geschrieben!

Alle Infos zu "Der Klang der Monarchie"

Die k.u.k. Monarchie stieg seit dem späten 18. Jahrhundert unaufhaltsam ab und stand vor tiefen Zerreißproben. Doch die Habsburger überstanden Napoleon, einen Staatsbankrott, die Revolution von 1848 sowie die Niederlagen gegen Italien und Preußen. Haydn, Mozart und Beethoven hielten das weite Reich ebenso zusammen wie seine Walzerkönige, Operettenfürsten und Militärkapellmeister. Der "Habsburg-Pop" erreichte die Massen und wurde zu einem globalen Exportartikel. Das Habsburgerreich hummte und summte, sang und tanzte, wirbelte und trommelte und ging erst unter, als seine musikalischen Mittel im Großen Krieg versagten. Kooperation mit der Musik-Streaming-Plattform Idagio: Per QR-Code drei Monate kostenloser Zugriff auf die behandelten Musikbeispiele ‒ inklusive erstmals eingespielter Stücke! (Pressetext des Verlags)

"Der Klang der Monarchie" erscheint am 13. Oktober 2025.

Suhrkamp Verlag, 564 S.

© Barbara Mair
© Barbara Mair
Philipp Ther ist seit 2010 Professor für Geschichte Ostmitteleuropas an der Universität Wien und leitet hier das Research Center for the History of Transformation (RECET). Er forscht zur Geschichte der Transformation seit den 1980er Jahren, sowie zur Sozial- und Kulturgeschichte Ostmitteleuropas im 19. und 20. Jahrhundert insgesamt.

2019 erhielt Ther die höchstdotierte wissenschaftliche Auszeichnung Österreichs, den Wittgenstein-Preis, für sein Projekt "Die Große Transformation. Eine vergleichende Sozialgeschichte globaler Umbrüche".