Podcast An der Quelle #26: Eva Vetter

Große Räume für kleine Sprachen

10. September 2026 von Mario Wasserfaller
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Rund 7.000 Sprachen gibt es weltweit, viele davon sind vom Verschwinden bedroht. Doch ab wann gilt eine Sprache als gefährdet und was braucht es, damit sie lebendig bleibt? Die Sprachwissenschafterin Eva Vetter spricht im Podcast über die Kraft der Kultur, die Grenzen künstlicher Intelligenz und Räume, in denen minorisierte Sprachen weiterleben können.

Sprache ist eng mit der eigenen Wahrnehmung und Zugehörigkeit verbunden. "Sprachen eröffnen uns Perspektiven. Wenn wir Sprachen verlieren, gehen auch diese Perspektiven verloren", sagt Vetter, Professorin für Fachdidaktik sowie Sprachlehr- und lernforschung an der Universität Wien. Gefährdet sind Sprachen, deren Sprecher*innengemeinschaft über längere Zeit kleiner wird. Besonders kritisch wird es, wenn sie nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben werden. 

Wenn wir Sprachen verlieren, gehen Perspektiven verloren.
Eva Vetter

Von Aranesisch bis Seto

Vetter leitete die Wiener Gruppe des EU-Projekts Rise up, das bis Jänner 2026 Strategien zur Revitalisierung minorisierter Sprachen entwickelte. Untersucht wurden dabei Aranesisch, Aromunisch, Burgenlandkroatisch, Kornisch und Seto. Statt einzelne Sprachen für sich zu betrachten, nahm das Team auch ihr sprachliches Umfeld in den Blick. 

Eine Sprache braucht Gelegenheiten, um gesprochen zu werden. Im Burgenland etwa zeigte sich, dass es an solchen Möglichkeiten für Burgendlandkroatisch fehlt. Kommt jemand hinzu, der die Sprache nicht spricht, wechseln die anderen oft ins Deutsche, um niemanden auszuschließen. "Wie kann man es schaffen, dass man Breathing Spaces, also Räume zum Atmen, sichere Räume für die Verwender*innen von minorisierten Sprachen bildet?", bringt Vetter die Kernfrage auf den Punkt. 

Rise up setzte dafür auch auf Kunst und Kultur. Künstler*innen schufen Gedichte, Musik und Beiträge für die Projektwebseite und eine Wanderausstellung, um Sichtbarkeit für ihre jeweilige Sprache zu schaffen und die Zugehörigkeit zu stärken. 

Reichtum und Vielfalt durch Mehrsprachigkeit

Auch Schule und Bildung können neue Räume eröffnen, wenn die Weitergabe einer Sprache in der Familie abnimmt. Die ehemalige Lehrerin plädiert dafür, Mehrsprachigkeit nicht als Problem zu behandeln, sondern als Reichtum, Vielfalt und als Grundlage für Demokratie. 

Bei künstlicher Intelligenz ist Vetter vorsichtiger. Die Hoffnung, dass KI kleine Sprachen einfach retten werde, hält sie für überzogen. Große Sprachmodelle sind vor allem mit den riesigen Textmengen großer Sprachen trainiert. Für minorisierte Sprachen brauche es deshalb eigene, kleinere Modelle, die mit ihren jeweiligen sprachlichen Besonderheiten umgehen können. 

Europäischer Tag der Sprachen

Anlässlich des alljährlichen Europäischen Tags der Sprachen (26. September) veranstaltet das Sprachenzentrum der Universität Wien am 25.9. um 16 Uhr unter dem Thema "Abenteuer Sprache – eine Entdeckungsreise" kostenlose Schnupperstunden inklusive einer großen Verlosung. 

Anmeldungen sind bis 22.9. möglich, nähere Informationen gibt es unter diesem Link. 

Lebendiges Üben im "Sprachendorf"

Das Projekt Rise Up ist zwar offiziell beendet, einige Ideen werden aber weiterverfolgt. Eine davon ist das "Sprachendorf". An bestimmten Orten soll Burgenlandkroatisch bewusst gesprochen werden können, auch von Menschen, die die Sprache erst lernen. Denn Vetter sieht die Verantwortung nicht nur bei den betroffenen Gemeinschaften. "Minorisierte Sprachen können sich nicht selber retten", sagt sie. Auch die Mehrheit muss ihren Teil dazu beitragen, dass sprachliche Vielfalt erhalten bleibt. Jetzt reinhören!

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© Alexander Bachmayer
© Alexander Bachmayer
Eva Vetter ist angewandte Sprachwissenschafterin und seit 2011 Professorin für Fachdidaktik sowie Sprachlehr- und -lernforschung am Zentrum für Lehrer*innenbildung der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Mehrsprachigkeit, Sprachkontakt und Sprachkonflikte, Unterrichtsforschung, Diskursanalyse und Francophonie.

Nach ihrem Lehramtsstudium in Französisch und Geografie und ihrer Dissertation zum Sprachkonflikt in der ländlichen Bretagne war sie sowohl als Lehrerin als auch in Forschung und Lehre tätig. Zuletzt leitete sie die Wiener Gruppe des Horizon-Europe-Projekts „Rise Up“, das Strategien und Methoden zur Revitalisierung minorisierter Sprachen erforschte.