Auf Schatzsuche mit Daten statt Spaten
Ein Motorboot fährt durch die Oosterschelde, hinaus in die Bucht vor der niederländischen Ortschaft Yerseke. Hier, wo hauptsächlich Austern gezüchtet werden, sucht Immo Trinks, Leiter des Vienna Institute for Archaeological Science (VIAS) an der Uni Wien, nach mittelalterlichen Dörfern. 1530 und 1532 versanken in der Region mehr als 120 Dörfer nach Sturmfluten.
Heute erkunden Trinks und sein Team das Gebiet im Rhythmus der Gezeiten. Bei Ebbe gehen sie zu Fuß über das Watt und bei Flut fahren sie mit einem sieben Meter langen Messboot darüber. Dessen Sonargeräte kartieren den Meeresboden und blicken zugleich in das Sediment. Dort können sich Mauern, Wege, Gräben und ganze Siedlungsstrukturen erhalten haben.
Prospektion als wissenschaftliche Schatzsuche
"Das Faszinierendste an der Arbeit, an der Feldforschung und an der archäologischen Prospektion ist, Entdecker spielen zu dürfen", sagt Trinks im Podcast-Gespräch. Für ihn ist das eine wissenschaftliche Schatzsuche. Erst durch die Auswertung und Interpretation der Messdaten werden daraus archäologische Erkenntnisse.
Im WEAVE-Projekt Drowned Villages of the Scheldt haben Trinks und seine Kolleg*innen bisher unter anderem ein Schloss, zwei Kirchen und die Struktur eines Dorfes mit Wegen erfasst. Die Daten verschiedener Messverfahren werden am Computer zu einem Bild der versunkenen Landschaft zusammengeführt.
Das Faszinierendste ist, Entdecker spielen zu dürfen.Immo Trinks
Den Pfahlbau-Kulturen auf der Spur
Auch in Österreich forscht Trinks unter Wasser. Im Projekt Aqua Cultural Heritage untersuchen die Forschenden die prähistorischen Pfahlbauten in den heimischen Seen. Anders als an Land haben sich im feuchten Sediment auch organische Materialien erhalten. Holz, Textilien, Leder oder Nahrungsreste können dort Jahrtausende überdauern. Die Messungen sollen auch zeigen, wie groß die Siedlungen waren und in welcher Landschaft die Menschen damals lebten.
Doch die Zeit drängt. Extremwetter, Erosion und menschliche Eingriffe bedrohen das Kulturerbe in Böden und Gewässern. Im Salzkammergut kommt die invasive Quaggamuschel hinzu, die sich auf den bis zu 6.000 Jahre alten Holzpfählen ausbreitet. Aufwendige Unterwasseraufnahmen machen sichtbar, wie sich Fundstellen dadurch verändern. Die zerstörungsfreie geophysikalische Prospektion soll helfen, diese Veränderungen zu dokumentieren und bedrohte Strukturen rechtzeitig zu erfassen.
Vom "Sachensucher" zum Geophysiker
"Ist das was?", fragte Immo Trinks schon als Kind seinen Vater, als er beim Fossiliensuchen eine jungsteinzeitliche Pfeilspitze fand. Die Frage ist zu seinem Leitmotiv geworden. Heute sucht er mit Radar und Sonar nach Spuren der Vergangenheit. Warum aus dem "Sachensucher" schließlich kein Archäologe, sondern ein Geophysiker wurde, welcher Ausrüstungsgegenstand bei keiner Feldforschung fehlen darf und was für ihn noch ganz oben auf der Wunschliste steht, erzählt er im Podcast. Jetzt reinhören!
Seine Forschung verbindet Geophysik, Archäologie und Kulturerbeforschung und untersucht, unter welchen Bedingungen verborgene archäologische Strukturen detektierbar sind. Trinks arbeitet an bedeutenden archäologischen Fundstätten in Europa, insbesondere in Skandinavien und im Mittelmeerraum. Ziel ist es, durch innovative Prospektionstechnologien neue Erkenntnisse über Ausdehnung, Struktur, Geschichte und Umwelt archäologischer Stätten zu gewinnen und damit auch zu deren Schutz beizutragen.











