Podcast An der Quelle #23: Martin Polz

Podcast: Die Macht der Mikroben

18. Juni 2026 von Mario Wasserfaller
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Sie besiedeln unseren Darm, treiben die Stoffkreisläufe der Erde an und breiten sich überraschend schnell über den ganzen Globus aus. Der Mikrobiologe Martin Polz erforscht die unsichtbare Welt der Mikroorganismen und entdeckt dabei, was sie über unsere Gesundheit verraten können.

Die meisten Menschen begegnen Bakterien mit Skepsis. Dabei wären ohne Mikroorganismen weder funktionierende Ökosysteme noch das Leben, wie wir es kennen, möglich. Sie treiben die Stoffkreisläufe der Erde an, beeinflussen das Klima und besiedeln nahezu jeden Lebensraum sowie Pflanzen, Tiere und Menschen. Martin Polz, Professor am Zentrum für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft (CeMESS) der Universität Wien, bringt ihre Rolle im Podcast-Gespräch auf den Punkt: "Die Erde ist eigentlich mehr oder weniger ein mikrobielles System, weil die ganze Biochemie (…) eigentlich von den Mikroben ausgeführt wird."

Die Erde ist ein mikrobielles System, weil die ganze Biochemie von den Mikroben ausgeführt wird.
Martin Polz

Arten und Populationen

Seit Jahrzehnten erforscht Polz, wie sich mikrobielle Gemeinschaften organisieren und entwickeln, im Meer ebenso wie im menschlichen Darm. Dort hat sein Team eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Ergebnisse wurden kürzlich im Fachmagazin "Nature" veröffentlicht. 

Lange wurden Darmbakterien vor allem nach Arten eingeteilt. Doch Forschende um Polz haben entdeckt, dass sich hinter einer einzigen Bakterienart oft mehrere evolutionär angepasste Populationen verbergen. Manche davon treten besonders häufig bei Menschen mit Darmkrebs, entzündlichen Darmerkrankungen oder Typ-2-Diabetes auf. Andere stehen mit dem Alterungsprozess in Zusammenhang. Künftig könnten solche Populationen helfen, Krankheiten früher zu erkennen.

Die Welt der Mikroben

Die Forschung über Mikroorganismen ist ein Spitzenforschungsfeld in Österreich, an dem Wissenschafter*innen der Uni Wien federführend beteiligt sind. In Zusammenarbeit mit dem FWF Exzellenzcluster "Microbiomes Drive Planetary Health" wurden Formate entwickelt, die das komplexe Thema an Interessierte vermitteln. Internationales Highlight der Community ist der World Microbiome Day. 

Podcast
Der Podcast "Die Welt der Mikroben – The World of Microbes" des FWF-Exzellenzclusters "Microbiomes Drive Planetary Health" entführt abwechselnd auf Deutsch und Englisch auf eine Reise in die verborgenen Lebensräume der Mikroorganismen. 

Kinderuni
Bei der diesjährigen Kinderuni gibt es einen Mikrobiom-Schwerpunkt mit insgesamt elf Veranstaltungen. Die Eröffnungsvorlesung halten Michael Wagner und Angela Sessitsch vom FWF-Exzellenzcluster am Montag, 13. Juli, von 10 bis 11 Uhr am Campus der Universität Wien. Infos und Anmeldung 

Austrian und World Microbiome Day
Am 22. Juni 2026 feiert der Forschungscluster den Österreichischen Mikrobiom-Tag. Der alljährliche World Microbiome Day findet heuer am 27. Juni statt: Der internationale Aktionstag macht auf die faszinierende Welt der Mikrobiome und ihre Bedeutung für Mensch, Tier und Umwelt aufmerksam.

Reverse Ökologie

"Die Anpassungen sind ins Erbgut der Organismen hineingeschrieben. Und man muss eigentlich nur lernen, das zu lesen", sagt Polz. Genau das versucht sein Team mit einem Ansatz namens "Reverse Ecology". Statt Bakterien nur nach genetischer Ähnlichkeit zu gruppieren, suchen die Forschenden nach evolutionären Spuren der Anpassung. So werden jene Populationen sichtbar, die für Gesundheit und Krankheit tatsächlich relevant sind.

Ebenso überraschend ist, wie dynamisch das Mikrobiom tatsächlich ist. Erfolgreiche Bakterienpopulationen können sich offenbar innerhalb weniger Jahrzehnte weltweit ausbreiten. Das zeigt, dass sich das Mikrobiom ständig verändert – und dass Mikroben weit mobiler sind, als lange angenommen wurde.
 

USA und Umweltaktivismus

Im Podcast spricht Martin Polz über diese verborgene Dynamik des Lebens, über seine Forschung an Mikroben und Viren, über seine Jahre an der Harvard University und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie über die Rückkehr an die Universität Wien. Und er verrät, warum er als junger Umweltaktivist sogar einmal in der damaligen Tschechoslowakei verhaftet wurde.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Mikroorganismen keine Randerscheinung des Lebens sind. Sie leben um uns herum, aber auch in uns. "Wir sind eigentlich ein gehendes Ökosystem für Bakterien", sagt Polz. Jetzt reinhören!

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Martin Polz ist seit 2020 Professor für Mikrobielle Populationsbiologie und -genetik am Department für Mikrobiologie und Ökosystemforschung der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind
mikrobielle Populationsgenomik, evolutionäre Ökologie, mikrobielle Viren und Symbiose.

Von 1998 bis 2019 war Polz am Massachusetts Institute of Technology (MIT) tätig – zunächst als Assistant Professor, dann Associate Professor und zehn Jahre als Full Professor.