Podcast An der Quelle #22: Jana Nikitin

Die Mythen des Alterns

21. Mai 2026 von Mario Wasserfaller
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Altern gilt oft als Synonym für Verlust, Einsamkeit und Abbau. Die Psychologin Jana Nikitin erklärt, warum viele dieser Vorstellungen wissenschaftlich nicht haltbar sind und warum Menschen im Alter häufig gelassener, emotional stabiler und zufriedener werden.

"Wir fühlen uns immer jünger, als wir chronologisch tatsächlich sind",  sagt Jana Nikitin, Leiterin des Arbeitsbereichs Psychologie des Alterns an der Universität Wien, im Podcast-Gespräch. Genau hier beginnt für sie ein zentrales Missverständnis über das Älterwerden, denn Altern ist mehr als die steigende Distanz zum Geburtsdatum. Neben dem chronologischen gibt es auch ein biologisches, soziales und subjektives Alter. Diese Ebenen können stark voneinander abweichen.

"Wir fühlen uns immer jünger, als wir chronologisch tatsächlich sind."
Jana Nikitin

Überholte Stereotype

Im Podcast geht Nikitin den großen Mythen des Alterns und gesellschaftlichen Stereotypen nach. Viele Menschen verbinden Alter mit Einsamkeit, körperlichem Abbau oder dem Gefühl, "nicht mehr gebraucht zu werden". Die Forschung zeichne ein deutlich differenzierteres Bild. 

Die wichtigste Voraussetzung für ein zufriedenes Altern sei die Gesundheit. Insgesamt würden in Studien vielfach positive Aspekte in Erscheinung treten: "Das Wohlbefinden wird besser, die Lebenszufriedenheit wird besser, die Persönlichkeit wird besser", so die gebürtige Tschechin, die lange in der Schweiz lebte und arbeitete, bevor sie 2020 die Professur für Psychologie des Alterns an der Universität Wien übernahm. Negative Altersbilder könnten sogar wie eine selbsterfüllende Prophezeiung wirken: "Ich nähere mich dem Bild, das ich vom Alter habe. Wenn das ein negatives Bild ist, dann nähere ich mich dem negativen Bild." 

Umfrage unter älteren Personen

Ergänzt wird das Gespräch durch Stimmen älterer Menschen aus Wien, Kiel und Augsburg, die im Rahmen einer eigens für die Folge durchgeführten Kurzumfrage über ihre Erfahrungen sprechen. Sie erzählen von mehr Gelassenheit, neuen Prioritäten und einem bewussteren Umgang mit Zeit. "Man genießt das, was man noch hat, weil man ja sieht, dass es endlich ist", sagt Doris (64). Andere sprechen offen über gesundheitliche Einschränkungen, Einsamkeit oder die Angst vor Abhängigkeit.

Nikitin verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit gesellschaftlichen Fragen: Warum können ältere Menschen belastende Ereignisse oft besser bewältigen? Wie verändert sich die Sicht auf Beziehungen und Lebenszeit im Lauf des Lebens? Warum fehlen heute Begegnungen zwischen den Generationen?

Altern als Chance

Die Folge macht deutlich, dass Älterwerden weit über persönliche Erfahrungen hinausgeht und immer auch vom Umfeld abhängt. Deshalb untersucht die Psychologin neben der Rolle von Lebensereignissen und neuen Perspektiven auf die Zeit etwa Altersdiskriminierung und die Auswirkungen des Klimawandels auf ältere Menschen. 

Ihr Fazit: Altern sollte man "als Chance, als eine Entwicklungsmöglichkeit, als Lebensphase wie jede andere mit eigenen Herausforderungen, aber eben auch eigenen Chancen betrachten". 

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© Alexander Bachmayer
© Alexander Bachmayer
Jana Nikitin ist Leiterin des Arbeitsbereichs Psychologie des Alterns an der Universität Wien und Mitglied des Environment and Climate Hub. Nach Studium, Promotion und Habilitation an der Universität Zürich führte ihr wissenschaftlicher Weg über Stationen in Norwegen und Basel nach Wien. Ihre Arbeiten verbinden entwicklungspsychologische, sozialpsychologische und motivationspsychologische Perspektiven.