Podcast An der Quelle #21: Nuno Maulide

Die Symphonie der Synthesen

16. April 2026 von Mario Wasserfaller
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Für Nuno Maulide ist Chemie mehr als ein Erklärmodell der Welt. Der ausgebildete Pianist und vielfach ausgezeichnete Chemiker denkt Kunst und Wissenschaft zusammen und sucht in neuen Molekülen nach Antworten auf Zukunftsfragen.

Die Organische Chemie erforscht Struktur, Eigenschaften und Reaktionen kohlenstoffhaltiger Verbindungen – also jener Moleküle, die unseren Körper, Pflanzen, Lebensmittel und zahlreiche Alltagsprodukte ausmachen. Gerade diese Vielfalt und die Ästhetik molekularer Strukturen führten Nuno Maulide zur Disziplin. Die Linien, Ringe und Formeln haben ihn schon sehr früh in den Bann gezogen, wie er im Podcast beschreibt: "Man muss Reaktivitätsprinzipien erkennen, vorschlagen und vorhersehen können. Und das ist für mich extrem intuitiv, künstlerisch und ästhetisch."

"Chemisch" ist nicht "künstlich"

Seit 2013 ist Maulide Professor für Organische Synthese an der Universität Wien. Den ambivalenten Ruf der Chemie in der Öffentlichkeit erklärt er vor allem mit missverständlicher Kommunikation: "chemisch" werde häufig mit "künstlich" gleichgesetzt. Dabei sei selbst Wasser eine Chemikalie, und auch Materialien wie Plastik seien wissenschaftliche Meilensteine. Ein herausragendes Beispiel ist für Maulide der deutsche Chemiker Karl Ziegler, der in den 1950er Jahren ein Verfahren zur Herstellung von Polyethylen entwickelt hat: "Plastik ist die fantastischste Entdeckung des 20. Jahrhunderts. Das Problem ist, was die Menschheit damit gemacht hat."

Dauernd werden neue Moleküle hergestellt, die nie zuvor auf diesem Planeten waren. Das ist ein bisschen eine Frankenstein-Situation.
Nuno Maulide

Auch andere Errungenschaften wie Kunstdünger seien heute unverzichtbar für das Überleben der Menschheit und sind auf Pioniere der Organischen Chemie zurückzuführen (Lesen Sie auch "Forschen für die nächste Stickstoffrevolution"). Maulides Forschung konzentriert sich auf stereoselektive Synthesen, bei denen gezielt bestimmte räumliche Varianten von Molekülen erzeugt werden, sowie auf die Totalsynthese biologisch aktiver Verbindungen. Dabei gelang ihm unter anderem eine neue Methode zur Herstellung von 1,4-Dicarbonylverbindungen, die für die Krebstherapie relevant sind.


Grundlagenforschung bleibt dabei offen und von Zufällen geprägt – oder, wie Maulide sagt, von "Serendipity": "Dauernd werden neue Moleküle hergestellt, die nie zuvor auf diesem Planeten waren. Das ist ein bisschen eine Frankenstein-Situation. Du generierst immer Sachen, die nie zuvor auf diesem Planeten waren. Das heißt, du weißt nie, wie sie sich in diesem Umfeld verhalten werden."

Programmierbare Chemie

Im Zentrum seines ERC-geförderten Projekts C-HANCE stehen Carbokationen, also positiv geladene Kohlenstoffatome. Ziel ist es, neue Methoden zu entwickeln, um Moleküle präziser zu steuern – mit Anwendungen in Materialwissenschaft, Pharmazie und Duftstoffentwicklung. "Es ist meiner Meinung nach auch die größte Richtung der Zukunft, dass man programmierbare Chemie entdecken kann. Wo es wirklich möglich ist, Moleküle nach links oder nach rechts oder geradeaus zu steuern in ihrer Reaktivität."

Podcast-Tipp: Willkommen im Moor

Der neue Podcast Moorvielfalt verbindet Forschung, Geschichte und Praxis und behandelt in vier Episoden Themen von Moorschutz über Revitalisierung bis zur Langzeitforschung. Der Podcast ist Teil des Projekts "Erhalt und Wiederherstellung der Biodiversität der Moore Österreichs" der Arbeitsgruppe Geoökologie an der Uni Wien. 

Episode 1 startet am 22. April 2026 und zeigt die vielfältigen Funktionen von Mooren auf – als Kohlenstoff-Speicher, Wasserrückhalt und Kühlinsel. Es geht um Langzeitforschung, Revitalisierung und Moorschutz.

 

Die Klaviatur der Kommunikation

Als "Wissenschafter des Jahres 2018" engagiert sich Maulide stark in der Vermittlung von Wissenschaft. Gemeinsam mit der Wissenschaftsjournalistin Tanja Traxler veröffentlichte er 2020 das Buch "Die Chemie stimmt", das zur sachlichen Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Themen beitragen soll. Fast hätte sein Weg jedoch anders ausgesehen: Ursprünglich studierte Maulide Klavier in Lissabon mit dem Ziel, Konzertpianist zu werden. Die Musik begleitet ihn bis heute – und ist auch im Podcast zu hören. Jetzt reinhören!

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© Alexander Bachmayer
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Nuno Maulide ist Professor für Organische Synthese und stv. Vorstand am Institut für Organische Chemie der Universität Wien. Er forscht u.a. zu stereoselektiver Synthese von organischen Verbindungen und zur Entwicklung von neuen synthetischen/katalytischen Methoden. Maulide war Wissenschafter des Jahres 2018.