Podcast An der Quelle #20: Oliver Jens Schmitt

Lektionen aus der Nachbarschaft mit Russland

12. März 2026 von Mario Wasserfaller
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Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat den Osteuropa-Historiker Oliver Jens Schmitt veranlasst, Russlands Verhältnis zu seinen unmittelbaren westlichen Nachbarn neu und in historischer Tiefe zu betrachten. Im Podcast erklärt er, warum ein Perspektivwechsel nötig ist, und warum die entscheidenden Unterschiede in der politischen Kultur liegen.

In seinem im Herbst 2025 erschienenen Buch "Moskaus westliche Rivalen" richtet Schmitt, Professor für die Geschichte Südosteuropas am Institut für Osteuropäische Geschichte, den Blick bewusst auf Russlands Nachbarn vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer. Zu lange habe auch in der Forschung Moskau im Zentrum der Betrachtung gestanden, sagt er im Podcast-Gespräch: "Ist diese Überkonzentration auf Russland, die viele andere Gesellschaften unsichtbar gemacht hat, nicht auch ein Grund für das Desinteresse gegenüber der Ukraine und anderen Staaten in der Region – also den unmittelbaren Anrainern Moskaus?"

Das Entscheidende wird sein, dass wir uns bewusst werden, wie wir leben wollen, wofür wir auch bereit sind einzutreten. Und das ist eben die Demokratie.
Oliver Jens Schmitt

Tief greifende Unterschiede

Schmitt erläutert, warum der Angriff auf die Ukraine einem historischen Muster russischer Aggression gegenüber seinen Nachbarn folgt. Um die unterschiedlichen politischen Entwicklungen, aber auch gewisse Kontinuitäten im Osten Europas zu verstehen, braucht es oft einen Rückblick bis ins frühe Mittelalter. Seine zentrale These trifft nicht nur auf die Ukraine zu: "Die Unterschiede sind tief und liegen nicht in der Sprache oder in der Religion, sondern tatsächlich im politischen Selbstverständnis." Während sich in Polen-Litauen, im Baltikum oder in Finnland früh parlamentarische Traditionen, Stadtrechte und Mitbestimmung entwickelten, blieb der Moskauer Staat über Jahrhunderte autokratisch organisiert. 

Angriff und Verteidigung

Diese Gegensätze prägen bis heute das Verhältnis zu Russland. Viele Staaten in Nord- und Osteuropa reagieren besonders sensibel auf Bedrohungen aus Moskau – auch wegen ihrer Erfahrungen mit russischem Expansionsstreben. Schmitt erinnert daran, dass russische Herrscher ihre Kriege häufig als Verteidigung darstellen: "Man argumentierte immer, dass es sich nie um einen Angriffskrieg handle, sondern dass man nur Verlorenes zurückhole."

Für die Gesellschaften zwischen Nordkap und Schwarzem Meer ist die Verteidigung der Demokratie deshalb auch eine Frage historischer Erinnerung. Finnland zeigt, wie stark diese Haltung verankert sein kann. Verteidigung sei dort nicht nur Aufgabe des Militärs, sondern der gesamten Gesellschaft. 

 

Kernbotschaften für Demokratien

Im Kurzüberblick historische Lehren aus der Nachbarschaft mit Russland für die Demokratien von heute, inspiriert vom Buch "Moskaus westliche Rivalen" und dem Interview mit Oliver Jens Schmitt:  

  • Politische Kultur
    Entscheidend ist nicht Religion oder Sprache, sondern ob Macht begrenzt und rechtlich kontrolliert wird.
  • Lehrmeisterin Geschichte
    Staaten mit Erfahrung russischer Expansion nehmen Bedrohungen früher ernst.
  • Schützende Einigkeit 
    Moskau profitierte historisch von zerstrittenen Nachbarn – Bündnisse wie EU und NATO sind daher besonders bedeutsam.
  • Gesellschaftliche Resilienz
    Verteidigung ist nicht nur Aufgabe des Militärs, sondern der gesamten Gesellschaft.
  • Demokratische Werte 
    Freiheit und Selbstbestimmung müssen politisch und gesellschaftlich aktiv geschützt werden. 
Buchtipp

4. Druckaufl., 2026, Erscheinungstermin: 13.09.2025, 480 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit Karten und fbg. Tafelteil

ISBN: 978-3-608-96618-3

Für die Demokratie eintreten

Gerade dieser Konsens könnte auch für andere Demokratien eine wichtige Lehre sein. Denn militärische Stärke allein reicht nicht aus. Maßgeblich ist die Bereitschaft der Gesellschaft, ihre politische Ordnung zu verteidigen. Oder wie es der Osteuropa-Experte formuliert, der für seine Recherchen ständig neue Sprachen dazulernt – von Rumänisch bis Schwedisch und Norwegisch: "Das Entscheidende wird sein, dass wir uns bewusst werden, wie wir leben wollen, wofür wir auch bereit sind einzutreten. Und das ist eben die Demokratie." Jetzt reinhören!

Oliver Jens Schmitt wurde 1973 in Basel geboren. Nach dem Studium der Byzantinistik und Osteuropäischen Geschichte promovierte er 2000 in München und wurde 2003 in Regensburg habilitiert. Er lehrte in München und Bern und ist seit 2005 Professor für Geschichte Südosteuropa an der Universität Wien.

2017-2022 war er Mitglied des Präsidiums der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und leitet seit 2017 die Balkanforschung am Institut für die Geschichte der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes. Derzeit ist er Mitglied des „board of directors“ der Exzellenzinitiative Eurasian Transformations.