Podcast An der Quelle #18: Ingeborg Zerbes

Warum Strafe allein keine Sicherheit schafft

18. Dezember 2025 von Mario Wasserfaller
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Strafrecht gilt oft als Inbegriff von Recht und Gerechtigkeit, doch für die Strafrechtsexpertin Ingeborg Zerbes ist es nur das letzte Mittel der Rechtsordnung. Härtere Strafen schaffen keine höhere Sicherheit, entscheidend ist ein Vertrauen in die Justiz als Fundament der Demokratie.

"Strafrecht ist in Wahrheit ein winziger Teil unserer Rechtsordnung", sagt Zerbes, Professorin am Institut für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Wien im Podcast-Gespräch. Der Alltag werde vor allem durch Zivil- und Verwaltungsrecht geregelt, vom Baurecht bis zur Straßenverkehrsordnung. Erst bei besonders schweren Verstößen greift der Staat zum schärfsten Instrument: "Strafrecht ist ein Notfallprogramm."

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Strafrecht ist ein Notfallprogramm.
Ingeborg Zerbes

Gerechtigkeit mit Augenmaß

Doch letztlich müsse der Staat konsequent auf schwere Übergriffe reagieren, sonst würde sich die Gesellschaft unter dem Schlagwort Lynchjustiz selbst helfen. Dabei komme es immer auf das rechte Augenmaß an, denn im öffentlichen Diskurs werde allzu oft der Ruf nach immer härteren Strafen laut. "Wir werden unsere Gesellschaft durch Verschärfen von Strafrecht typischerweise nicht sicherer machen", sagt Zerbes. Entscheidend sei daher nicht die Höhe der Strafe, sondern faire, verlässliche Verfahren und ein grundsätzliches Vertrauen der Bevölkerung in die Justiz.

Inhaltlicher Hinweis

In dieser Folge wird auch das Sexualstrafrecht thematisiert. Teilweise werden Fälle sexualisierter Gewalt angesprochen. Sollten Sie Unterstützung benötigen oder Redebedarf haben, wenden Sie sich an eine Beratungseinrichtung wie zum Beispiel die Frauen-Helpline unter 0800 222 555 oder den Männernotruf unter 0800 246 247.

Alternativen zum Gefängnis

Haft ist ohnehin nicht mehr die alleinige Antwort des Strafrechts. Gerade bei leichteren Delikten setzt Österreich auf Alternativen wie Diversion, gemeinnütziger Arbeit oder Therapie statt Strafe. Menschen aus ihrem sozialen Umfeld zu reißen, sei oft kontraproduktiv. Wirksame Prävention beginne viel früher, bei Bildung, sozialer Absicherung und stabilen Lebensverhältnissen. Gute Sozialpolitik sei die beste Kriminalpolitik.

Den Zugang zum Strafrecht eröffnete für Zerbes eine Faszination für Sprache, für Begriffe, ihre Auslegungen und Grenzen: "Ich beschäftige mich mit Sprache, aber die Sprache ist geerdet in der Norm." Der Reiz liege in der Präzision der Gedanken und dem Aufbau einer juristischen Argumentation. 

True-Crime und Partygeflüster

Dass Strafrecht auch abseits des Gerichtssaals und der Uni fasziniert, kann die Juristin gut nachvollziehen. Sie hört True-Crime-Podcasts und schätzt Serien wie Columbo, nicht nur wegen der Spannung, sondern wegen des Blicks auf menschliche Motive. Wann ihre Expertise außerhalb der Uni gefragt ist, aber auch was sie oft auf Partys gefragt wird – und was bei Fernsehkrimis meist falsch läuft, verrät sie im Podcast. Jetzt reinhören!

Vorschau 2026: Themenschwerpunkt Demokratie und Menschenrechte

Gemeinsam mit dem neuen Forschungsverbund Demokratie und Menschenrechte, der im Jänner 2026 an der Universität Wien startet, widmet sich die Semesterfrage im Sommersemester 2026 der Frage, was Demokratie uns verspricht und warum wir sie brauchen. Auf dem Programm stehen wie immer viele spannende Beiträge und Aktivitäten aus verschiedenen fachlichen Perspektiven und der Austausch mit der interessierten Öffentlichkeit. Alle Infos ab März 2026 hier in der Rudolphina!

Ingeborg Zerbes ist Professorin für Strafrecht und Strafprozessrecht am Institut für Strafrecht und Kriminologie der Universität Wien, wo sie seit 2019 tätig ist. Zuvor war sie von 2011 bis 2019 Professorin für Kriminalwissenschaften an der Universität Bremen. Ihre wissenschaftliche Laufbahn führte sie unter anderem an das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg sowie an die Universität Basel. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im gesamten Straf- und Strafprozessrecht, insbesondere im Wirtschafts-, europäischen und internationalen Strafrecht, in der Rechtsvergleichung sowie bei Zwangsmaßnahmen und geheimen Ermittlungseingriffen.

Neben umfangreicher Herausgeber- und Gutachtertätigkeit ist sie in nationalen und internationalen Fachgremien aktiv. Sie leitete die Untersuchungskommission zum Terroranschlag in Wien 2020, ist seit April 2021 stellvertretende Rechtsschutzbeauftragte der Justiz sowie seit November 2023 als Mitglied der Unabhängigen Kontrollkommission des Verfassungsschutzes tätig.