Wie viel Kapitalismuskritik braucht die politische Bildung?
Kapitalismus prägt Politik, Gesellschaft und Wirtschaft und doch scheint er in der Politischen Bildung noch zu wenig behandelt. Das ist problematisch, da auch die Demokratie eng mit dem kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem verflochten ist. Das eine ist ohne das andere nicht zu verstehen und die aktuellen Krisen der Demokratie zeigen dieses Spannungsverhältnis auf.
Der Kapitalismus und die Krisen unserer Zeit
Tatsächlich wird das demokratische Gerechtigkeits- und Gleichheitsstreben durch die kapitalistischen Wettbewerbs- und Leistungslogiken ständig in Frage gestellt und herausgefordert. Strukturelle Ungerechtigkeiten zwischen Vermögenden und Lohnabhängigen, neokoloniale und imperiale Ausbeutungsstrukturen der internationalen Arbeitsteilung sowie geschlechtsspezifische Ungleichheiten scheinen den Prozess der Demokratisierung zu stören.
Gleichzeitig manifestiert sich Kapitalismus vielfach in den Krisen unserer Zeit. Die Klimakrise wird auch dadurch verursacht, weil die fossilen Energiekonzerne ‒ oder die teils am Verbrennungsmotor festhaltende Autoindustrie ‒ ihre Macht unter anderem durch politische Einflussnahme und gesellschaftliche Akzeptanz undemokratisch ausnutzen. Die wirtschaftliche Krise und die damit einhergehenden Abstiegsängste stärken bislang jene politischen Kräfte, die die Krise autoritär-populistisch und damit undemokratisch lösen wollen. Ihre Versprechen basieren darauf, sozial Schwächere und Migrant*innen zu vermeintlich Schuldigen zu erklären.
Sowohl in wirtschaftlichen und ökologischen Krisen als auch in der Krise der völkerrechtsbasierten internationalen Ordnung wird das Spannungsfeld von Kapitalismus und Demokratie zugunsten der Interessen der Mächtigen aufgelöst.
Die Notwendigkeit großer Veränderungen
Dennoch können wir aus der Geschichte lernen. Denn dass die antidemokratischen Tendenzen sich dauerhaft verfestigen, ist nicht in Stein gemeißelt. Die Zukunft des Verhältnisses von Demokratie und Kapitalismus ist noch offen – und dies muss zum Reflexionsgegenstand der Politischen Bildung werden.
In der Politischen Bildung beobachten wir derzeit drei Bereiche, die besonders wichtig für eine kapitalismuskritische Bildung sind: transformative, disruptive und asymmetrische Politische Bildung.
Die sogenannte Transformative Politische Bildung basiert auf einer Analyse der angesprochenen multiplen gesellschaftlichen Krisen und der daraus resultierenden Notwendigkeit einer umfassenden sozial-ökologischen Transformation. Transformative Politische Bildung fokussiert sich konkret auf Veränderung. Tatsächlich streben verschiedene Akteur*innen derzeit große Transformationen an, die Stoßrichtungen sind jedoch sehr unterschiedlich: Erstens gibt es ein anti-ökologisches und rechtsautoritäres Projekt, zweitens eines der ökologischen Modernisierung des Kapitalismus und drittens wird das Projekt einer global-solidarischen und ökologisch Transformation verfolgt (eine ausführliche Lektüre zum Thema bietet "Kapitalismus am Limit" von Ulrich Brand und Markus Wissen).
Transformative Politische Bildung kreiert Räume und Settings für machtkritisches Denken, wo demokratische und solidarische Strategien entwickelt und reflektiert werden können. Diese Strategien beziehen sich insbesondere auf das Projekt der solidarisch-ökologischen Transformation, suchen aber auch Bündnisse mit Akteur*innen der ökologischen Modernisierung "von oben". Das gesellschaftliche Problem – der fossile, imperiale und patriarchale Kapitalismus – und damit auch das Ziel seiner Überwindung sind im transformativen Zugang offensichtlich und geben der Politischen Bildung Orientierung.
An Schulen und Hochschulen bietet dieser Ansatz der politischen Bildung entsprechend Orientierungswissen angesichts komplexer Verhältnisse. Ein in dieser Hinsicht häufig verwendeter Begriff ist jener der "imperialen Lebensweise". Der Begriff benennt die Tatsache, dass – bei aller Ungleichheit in unseren Gesellschaften – relativ gut bezahle Erwerbsarbeit und ein gewisser materieller Wohlstand in den Ländern des globalen Nordens auch dadurch erreicht werden, dass über Warenimporte auf billige Arbeitskraft und natürliche Ressourcen andernorts zurückgegriffen wird; insbesondere in den Ländern des globalen Südens. Mit solch einer Perspektive werden Bildungsprozesse entlang der Erfahrungen der Lernenden und mit Beispielen ermöglicht sowie individuelle wie kollektive Handlungspotenziale ausgeleuchtet. Letztlich geht es darum, dass die Lernenden sich und die Welt kritisch reflektieren lernen und dabei nach Möglichkeiten suchen, bestehende Machtstrukturen und Herrschaftsprozesse demokratisch zu verändern.
Lesetipp: "Kapitalismus am Limit" von Ulrich Brand und Markus Wissen
Ulrich Brand und Markus Wissen unterziehen unsere Gegenwart einer kritischen Diagnose. Sie zeichnen nach, wie der Kapitalismus an seine Grenzen gerät, unter Druck gesetzt von sozialen und ökologischen Krisen, aber auch von denjenigen, die die Ausbeutung von Mensch und Natur nicht länger mittragen wollen. Ein hellsichtiger Blick auf die Konflikte der Gegenwart von den Autoren des Bestsellers "Imperiale Lebensweise" (Pressetext des Verlags).
Hier finden Sie das Buch in der Universitätsbibliothek oder auf der Website des Verlags. Im Januar 2026 wurde die englische Übersetzung des Buches veröffentlicht.
Gesellschaft im Umbruch
Der zweite wichtige Bereich der kapitalismuskritischen politischen Bildung ist die Disruptive Politische Bildung. Diese nimmt das Denken des Bruchs, d.h. die Unterbrechung der bestehenden Ordnung, als Ausgangspunkt. Sie leitet sich weniger aus den zu bewältigenden gesellschaftlichen Herausforderungen ab und zeichnet den Wandel nicht vor, sondern betont die radikale Offenheit des Emanzipationsprozesses.
Konkret bedeutet das: Menschen organisieren sich und geben sich im Akt der Unterbrechung der Ordnung einen eigenen Namen und eine eigene Subjektivität: Historisch etwa als Proletarier*innen in der Arbeiter*innenbewegung, als Frauen und queere Menschen in feministischen und queeren Bewegungen, als Kolonisierte in der Dekolonisierung, als People of Color in der Antiapartheit-, Antirassismus- oder Bürgerrechtsbewegung, als Menschen mit Behinderung oder von Armut betroffene in neuen soziale Bewegungen, etc. Die scheinbare Normalität einer Ordnung, die auf den bestehenden sozialen Hierarchien basiert, kann so aufgebrochen und hinterfragt werden.
Disruptive Politische Bildung zielt auf diese Momente der Selbstermächtigung im Bruch mit der vorhandenen Ordnung (mehr dazu bei Kleinschmidt und Lange 2017) – verbunden mit einer radikalen Offenheit der Zukunft gegenüber. Anschaulich können Unterrichtsinhalte hier werden, wenn etwa die historischen und aktuellen Erfahrungen der genannten Bewegungen oder solche für Klimagerechtigkeit wie beispielsweise Ende Gelände zum Stopp des Braunkohleabbaus oder Fridays for Future aufgearbeitet werden. Besonders spannend ist die Frage, was die handelnden Personen motiviert und wie sie ihr Tun reflektieren. Für Lernprozesse ist es außerdem wichtig, über das "Vorstellbare" hinauszudenken: Kinder und Jugendliche sollen dazu ermutigt werden, neue Denk- und Handlungsperspektiven zu kreieren und zu erproben, um aktiv ihre eigene Rolle in der Demokratie zu gestalten.
Emanzipation im Zentrum
Asymmetrische Politische Bildung nimmt als Ausgangspunkt, dass kapitalistische Vergesellschaftung auf massiven strukturellen Ungleichheiten basiert. Eine emanzipatorische Bildung sollte Lernende deshalb differenziert ansprechen, weil ihre sozioökonomische Herkunft sehr unterschiedlich ist oder sie in verschiedenen Geschlechterrollen oder aufgrund ihrer Herkunft und Hautfarbe sozialisiert und hierarchisiert wurden – insbesondere Migrant*innen.
Asymmetrische Politische Bildung ist asymmetrisch, weil sie parteiisch für die Benachteiligten eintritt. Sie erlaubt es Lernenden, ihre eigenen politischen Interessen zu erkennen, sich mit anderen zusammenzuschließen und von hier aus die kapitalistische Ungleichheitsordnung infrage zu stellen und zu verändern. Der Begriff der Asymmetrischen Politischen Bildung wurde vor dem Hintergrund sozioökonomischer Ungleichheit geprägt.
Doch kapitalistische Vergesellschaftung beruht auch auf anderen Ungleichheiten, die auf patriarchalen und rassifizierenden gesellschaftlichen Strukturen, Diskursen und Praktiken basieren. Daher kann der Begriff ausgeweitet werden: Eine solidarische Welt sollte nicht nur die soziale Klasse berücksichtigen, sondern auch Geschlecht und Herkunft. Wenn die asymmetrische, kapitalismuskritische Bildung Benachteiligung aufgrund von Geschlecht oder sozioökonomischer Herkunft sowie Migrations- und Fluchterfahrungen der Lernenden zum Teil des Lernens macht, kann sie ihr besonderes Potenzial ausschöpfen. Konkrete Erfahrungen können in geschützten Räumen umsichtig thematisiert und in einen breiteren Kontext gestellt werden.
Neuerscheinung: "Demokratie bilden!" von Dirk Lange und Tobias Doppelbauer
Demokratie beginnt bereits im alltäglichen solidarischen Umgang miteinander. Bildung, die das Bewusstsein dafür schafft, ist mehr als reine Wissensvermittlung, erklären Dirk Lange und Tobias Doppelbauer in ihrem neuen Essay. "Schüler*innen müssen befähigt werden sich am Diskurs zu beteiligen, wie wir Demokratie leben wollen", sagt Dirk Lange. "Es geht um die Herausbildung einer demokratiepolitischen Urteilskraft, mittels der die Demokratie befragt und gestaltet wird. Kurz: Lasst uns die Demokratie durch Demokratiebildung bilden."
Hier finden Sie das Buch in der Universitätsbibliothek
Die Demokratisierung der Demokratie in Zeiten autoritärer Tendenzen
Allen drei Zugriffen ist gemeinsam, dass sie die tendenziell undemokratischen Wirkungen des Kapitalismus kritisch hinterfragen. Es geht dabei um eine Demokratisierung der Demokratie, also eine Zurückdrängung von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen durch breitere politische und materielle Teilhabe. Diese muss institutionell und normativ abgesichert werden. Dafür müssen sich gesellschaftliche Macht- und Vermögensverhältnisse verändern.
Eine aktuelle und besorgniserregende Tendenz ist das Verächtlichmachen der bestehenden liberalen Demokratie von autoritären und antidemokratischen Kräften, denen es um die Zentralisierung von Macht, Ausschaltung von Opposition und Anhäufung von Vermögen in den Händen weniger geht. Damit sind die ohnehin prekären Menschenrechte noch weiter in Gefahr. Die folgen sehen wir innerhalb verschiedener Gesellschaften und in unserem Alltag. Aber auch an den äußeren Grenzen der Gesellschaft ‒ das zeigt die Flüchtlingspolitik ‒ werden Menschenrechte alltäglich mit Füßen getreten oder im Mittelmeer versenkt. Hier zeigt sich der Zusammenhang von Demokratiebildung und Empathie für Schwächere oder gar Schutzlose. Demokratische Diskurse und Prozesse ermöglichen überhaupt erst die Einhaltung der Menschenrechte. Dass Letztere damit nicht automatisch gesichert sind, sehen wir leider jeden Tag.
Er forscht und lehrt im Fachbereich Internationale Politk am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien.
Seit 2018 leitet er das Demokratiezentrum Wien. Er forscht und lehrt auch an der Leibniz Universität Hannover.



