"Ich höre, wie der Atem der Demokratie schwächer wird"
Rudolphina: Herr Schenkermayr, Elfriede Jelinek kritisiert und analysiert in ihren Werken antidemokratische Bewegungen und die Manipulation demokratischer Strukturen. Wie würden Sie Jelinek und ihre Beziehung zur Demokratie beschreiben?
Christian Schenkermayr: Für Elfriede Jelinek ist der Begriff der Demokratie untrennbar mit einer auf dem Wort basierenden Streitkultur verbunden. Auf der einen Seite analysiert die Schriftstellerin Jelinek in ihren Texten antidemokratische Mechanismen und zeigt mit sprachlichen Mitteln, wie Demokratie auch schnell in patriarchale und geschichtsrevisionistische Mythen kippen kann. Auf der anderen Seite gibt es auch Jelinek als politisch engagierte Person, die sich seit den 1960er Jahren an Protesten beteiligt, sich immer wieder in den Medien zu Wort gemeldet hat und früher noch selbst auf Demonstrationen gegangen ist und dort Reden gehalten hat. Mittlerweile hält sie die Reden nicht mehr selbst vor Ort, aber sie schickt sie den Veranstaltern in Form von Textbeiträgen oder selbst eingelesenen Videos. Viel zitiert wurde ihre 2024 veröffentlichte Demo-Rede "Der Atem-Automat", der u.a. den Satz "Ich höre ein Ungeheuer atmen, ich höre, wie der Atem der Demokratie schwächer wird" enthält.
Diese zwei Ebenen, die der Schriftstellerin und die der politisch engagierten Person, sind natürlich sehr eng miteinander verbunden. Und die literarische Ebene ist ungleich komplexer, einfach auch aufgrund der Vielschichtigkeit ihrer Texte. Ich würde sagen, dass sie durch ihre ständige Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Machtstrukturen, quasi seismografisch demokratiefeindliche Entwicklungen vorwegnimmt, die oft erst in den kommenden Jahren schlagend werden.
Rudolphina: Was sind Elfriede Jelineks Schwerpunktthemen in Verbindung mit Demokratie?
Christian Schenkermayr: Ein ganz zentrales Thema in ihren Werken ist sicherlich das Erstarken von rechtspopulistischen Gruppierungen seit den 1990er Jahren. Da gibt es zum Beispiel den Haidermonolog "Das Lebewohl", der im Jahr 2000 uraufgeführt wurde und in dem sie sich mit dem Rückzug Jörg Haiders aus der österreichischen Bundespolitik und dessen Rhetorik beschäftigt. Aktuell sind in diesem Zusammenhang ihre Texte "Am Königsweg" und "Endsieg" zu nennen, in denen sie sich kritisch mit Donald Trump und dem weltweiten Rechtsruck auseinandersetzt.
Ein weiteres zentrales Thema ist auch die meinungsbildende Macht der Massenmedien. Das sieht man an ihrer Auseinandersetzung seit den 1990er Jahren mit der Kronen Zeitung; heute ist es ihre Beschäftigung mit Social Media. Ein gutes Beispiel dazu ist ihr Text "Die Schutzbefohlenen", wo sie anhand von Flucht und Migration demokratische Ordnungen auf ihre Inklusions- und Exklusionsmechanismen untersucht. Gerade in den letzten zwei Jahrzehnten fällt mir auf, dass Jelineks Texte nicht abgeschlossen sind, sondern dass sie sie, wie auch in diesem Fall, laufend aus aktuellen Anlässen fortschreibt oder überschreibt.
Ich höre ein Ungeheuer atmen, ich höre, wie der Atem der Demokratie schwächer wird. Ich bin froh, dass Sie alle hier sind und ihr neues Leben einblasen wollen. Ich hoffe, es ist nicht zu spät."Elfriede Jelinek, Jänner 2024
Rudolphina: Elfriede Jelinek äußert sich nicht nur zu österreichischen Themen, sondern auch global. Wie wird ihr Werk international wahrgenommen?
Christian Schenkermayr: Die internationale Resonanz nimmt seit der Zuerkennung des Nobelpreises 2004 laufend zu. Einerseits ist Elfriede Jelinek ganz klar in der österreichischen Gegenwartsliteratur verankert, aber sie ist eben auch eine Weltautorin. Genauso verhält es sich auch mit der Demokratie, die eine regionale aber auch eine globale Dimension hat.
Rudolphina: Kritik an patriarchalen Strukturen und der Manipulation durch Rechtspopulisten zieht sich durch Jelineks Schaffen. Wie hat sich diese Kritik im Laufe der Jahrzehnte entwickelt?
Christian Schenkermayr: Seit den 1980er Jahren setzt sich die Autorin in ihrem Werk mit den österreichischen Verbrechen im Nationalsozialismus und deren Verdrängung auseinander. Die dabei zur Anwendung gebrachten sprachkritischen Verfahren bekommen mit dem Erstarken der Rechtspopulisten wiederum eine neue Dimension. Insofern ist das natürlich eine Entwicklung, wobei Österreich tatsächlich relativ früh dran war mit dem Erfolg der Rechtspopulisten aus der FPÖ. Elfriede Jelinek hat das bereits früh wahrgenommen, auch wie es sich in der Folge – auch international – ausgeweitet hat. Bis hin zu Trump.
Rudolphina: Wie spielt da ihr bekanntes Werk "Ein Sportstück" hinein?
Christian Schenkermayr: Elfriede Jelinek hat sich hier nicht für Sport im engeren Sinne interessiert, sondern vor allem Sport als Massenphänomen gesehen, mit der Verknüpfung von Sport und Krieg. Es geht um den Drill des Körpers, auch im Endeffekt für kriegerische Auseinandersetzungen. Und hier sind wir wieder beim Thema Rechtspopulismus.
Natürlich kann Literatur all diese demokratiefeindlichen Prozesse nicht allein aufhalten, aber sie kann auf sprachlicher Ebene sensibilisieren, sodass man in weiterer Folge im wissenschaftlichen und künstlerischen Betrieb repressive Entwicklungen nicht in vorauseilendem Gehorsam hinnimmt.
Aufzeichnung online: "SPRACHE & DEMOKRATIE", Warschau
Die Veranstaltung fand im Rahmen der Internationalen Veranstaltungsreihe WELT.AUTORIN.JELINEK am 19. Juni 2026 im Österreichischen Kulturforum Warschau statt; organisiert von dem Interuniversitären Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek sowie dem Elfriede Jelinek-Forschungszentrum.
In der Gesamtaufzeichnung zu sehen sind die Begrüßungen, die Keynote von Artur Pełka, die Gespräche und Diskussionen mit internationalen Wissenschafter*innen, Übersetzer*innen und Künstler*innen sowie die Lesung und das Gespräch mit Sylwia Chutnik und Raphaela Edelbauer. Ebenfalls enthalten sind die Beiträge der Österreich-Bibliotheken in Opole, Bukarest, Osijek, Zadar, Erzurum und Szombathely, die im Rahmen des Labors "Demokratie versus Totalitarismus. Jelinek übersetzen" präsentiert wurden.
Die Gesamtaufzeichnung ist HIER abrufbar.
Rudolphina: Geschlecht hat ebenso einen großen Stellenwert im Schaffen von Jelinek. Welche Rolle nimmt Geschlecht im Werk der Literaturnobelpreisträgerin ein?
Christian Schenkermayr: Themen wie die Ausbeutung von Frauen oder das Gewaltverhältnis zwischen den Geschlechtern kann man bereits seit ihren Anfängen mitverfolgen, wie etwa in dem 1975 veröffentlichten Roman "Die Liebhaberinnen". Und das schreibt sich bis heute fort. Bei Jelinek sind die patriarchalen Machtlogiken auch immer mit ökonomischen Machtlogiken verknüpft. Und zu diesem Thema möchte ich auch noch Elfriede Jelineks Text "Schlüsselgewalt" erwähnen, den sie anlässlich des 650. Jubiläums der Universität Wien verfasst hat. Darin kritisiert sie den Ausschluss und die fehlende Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft.
Rudolphina: Zum Abschluss interessiert mich noch, was Sie persönlich am Werk von der Nobelpreisträgerin Jelinek fasziniert?
Christian Schenkermayr: Ich finde es unglaublich spannend, dass diese Texte so wahnsinnig viel ermöglichen. Einerseits die Theatertexte, die für ganz unterschiedliche ästhetische Ansätze und Inszenierungen große Freiräume schaffen. Oder die Prosatexte, die man immer wieder lesen kann, und darin stets etwas Neues findet. So ist mir bei meiner ersten Lektüre der "Klavierspielerin" vieles an Sprachspiel und Sprachwitz nicht aufgefallen, was ich dann erst bei der zweiten Lektüre wahrgenommen habe.
Rudolphina: Vielen Dank für das Interview!