Was hat Citizen Science mit Demokratie zu tun?
Die Zukunft Europas, Fake oder Wahrheit, Gerechtigkeit. Das ist nur eine Auswahl an brennenden Themen, zu denen Schüler*innen aus ganz Österreich eine mehrsprachige Rede einreichen und mit etwas Glück vor einem Publikum performen können. Seit bereits 16 Jahren verfolgt der Wettbewerb SAG'S MULTI das Ziel, vielfältigen Stimmen eine Bühne zu bieten und Jugendliche in ihrer Mehrsprachigkeit zu stärken.
Doch wird der Wettbewerb diesem Anspruch gerecht? Wie fühlt es sich eigentlich an, eine Rede vor vielen Menschen zu halten – in Sprachen, die normalerweise nur in den eigenen vier Wänden gesprochen werden? Und sollte Mehrsprachigkeit auch im Schulalltag gefördert werden? Um Antworten zu finden, schließen sich Uni Wien-Wissenschafter*innen im Projekt "SAG'S MULTI. Selbstermächtigung durch Mehrsprachigkeit" mit AHS-Schüler*innen zusammen. Gemeinsam entwickeln sie Fragestellungen und Forschungsdesign, befragen ehemalige Wettbewerb-Teilnehmende, analysieren die Ergebnisse und verfassen Empfehlungen zu gelebter Mehrsprachigkeit für Schulen.
SAG'S MULTI – Selbstermächtigung durch Mehrsprachigkeit
Das Sparkling Science-Projekt "SAG'S MULTI – Selbstermächtigung durch Mehrsprachigkeit" von Hannes Schweiger (Leiter), Jelena Altomare, Amina Račević und Miriam Weidl (alle Institut für Germanistik der Universität Wien) beschäftigt sich mit dem mehrsprachigen Redewettbewerb SAG’S MULTI. Projektpartner sind die AHS Albertgasse, AHS Henriettenplatzder, der ORF, das Zentrum für Lehrer*innenbildung der Universität Wien, die Pädagogische Hochschule Wien, das österreichweite Netzwerk voxmi zur Förderung von Mehrsprachigkeit sowie das BIMM.
Jetzt vormerken: Bei der Abschlussveranstaltung zur Semesterfrage am 12. Jänner um 18 Uhr wird es eine SAG'S MULTI-Station zum Mitmachen geben. Zur Anmeldung
Wenn Menschen außerhalb der Wissenschaft in Forschungsprozessen mitwirken, sprechen wir von Citizen Science, erklärt Katja Mayer vom Institut für Wissenschafts- und Technikforschung an der Uni Wien und verweist auf die "Ladder of Citizen Participation", die die Politikwissenschafterin Sherry Arnstein bereits in den 1960er Jahren entwickelt und damit viele Disziplinen beeinflusst hat (zur Publikation). Die Einbindung von Laien reicht von Informieren, über das gemeinsame Datensammeln und Auswerten bis hin zur "citizen controlled"-Variante, bei der Fragestellungen direkt aus den Communities kommen. Das Programm Sparkling Science fördert seit vielen Jahren Forschungsprojekte, die Wissenschafter*innen gemeinsam mit Schulen umsetzen – "diese österreichische Forschungsförderungsprogramm ist europaweit einzigartig und zeigt positiv, wie Wissenschaft und Schule kooperieren können", so Mayer.
Citizen Science: Tools für komplexe Lebenswelten
Unsere Gegenwart ist schnell, geprägt von Veränderung und Verunsicherung: Welchen Quellen können wir noch trauen? Was ist Fake, was ist wahr? "Wenn Menschen aus dem Wissensproduktionsprozess ausgeschlossen sind und die Informationen, die der Chatbot gegenüber ausspuckt oder halluziniert, nicht mehr einordnen können, dann entsteht Unsicherheit", erklärt Mayer: "Durch Citizen Science lernen Schüler*innen, wie in der Wissenschaft Wissen geschaffen wird, aber auch wie Forschende mit Unsicherheit umgehen und immer wieder neue Werkzeuge schaffen, um an Wissen zu gelangen."
Die eigene Stimme erheben
Citizen Science ermächtigt Schüler*innen aber auch, ihre eigene Perspektive, Interessen und Fragestellungen systematisch in die Gemeinschaft einzubringen. Sie erfahren Teilhabe, ergänzt Schweiger, der frisch von seinen Projekt-Erfahrungen berichten kann. Das ist gerade für Kinder und Jugendliche aus erster oder zweiter Generation, die vielleicht nicht die österreichische Staatsbürger*innenschaft haben, relevant. Auch wenn das kein Ersatz für eine notwendige Ausweitung des Wahlrechts und für den Abbau von Hürden zur österreichischen Staatsbürger*innenschaft ist, können sie Citizen Science nutzen, um ihren Stimmen Gehör zu verschaffen und sich mit demokratischen Prozessen auf diese Art und Weise auseinanderzusetzen.
"Hard to reach, easy to ignore"
Das Projekt von Hannes Schweiger und seinen Kolleginnen Jelena Altomare, Amina Račević und Miriam Weidl ist in den Unterricht integriert, die Beschäftigung mit Wissenschaft und Mehrsprachigkeit ist zentral für seine Ausrichtung. Beruhen Citizen Science Angebote auf Freiwilligkeit, erreichen sie oft nur jene, die bereits Anknüpfungspunkte mit Forschung haben. In ihrem Artikel Hard to reach, easy to ignore stellt u.a. Katja Mayer Kriterien zusammen, damit die partizipative Wissenschaft inklusiver wird, doch "das Problem ist und bleibt strukturell", stellt sie fest.
"Mit der Auswahl unserer Partnerorganisationen – in unserem Fall eine AHS aus dem 8. Bezirk und eine aus dem 15. Bezirk – können wir den Kreis der Beteiligten vielfältiger gestalten und bewusst Brücken zwischen Schule und Wissenschaft schlagen", fährt Schweiger fort. So fand der Abschlussworkshop im ersten Projektjahr an der Universität Wien statt, bei dem die Schüler*innen die Uni von innen kennenlernten und eingeladen waren, eine mehrsprachige Rede vor ihren Mitschüler*innen zu halten. "Es wird so ein Raum für Sprachen geöffnet, die im Schulkontext normalerweise nicht gehört werden."
Serie "Future skills": Auf diese Fähigkeiten sollten wir setzen
Im Rahmen der aktuellen Semesterfrage denken Forschende aus verschiedenen Bereichen über Skills für die Zukunft nach. Hannes Schweiger plädiert für Wissenschaftsorientierung als Teil der schulischen Bildung: "Was bedeutet es, wissenschaftlich zu denken? Wie komme ich zu Fragestellungen? Was ist (k)eine vertrauenswürdige Quelle? Und wie gehe ich mit unterschiedlichen Perspektiven um? Diese Fragen sind in der wissenschaftlichen Arbeit ganz zentral und führen zu einer wichtigen Kompetenz, wenn es darum geht, mit konfligierenden Perspektiven umzugehen und auszuhalten, dass die eigene Wahrheit nicht die einzig gültige ist."
Zur Videoserie "Future Skills"
To be continued
Im nächsten Projekt-Schritt werden Hannes Schweiger und sein Team aufbauend auf der Arbeit mit den Schüler*innen Empfehlungen für den Unterricht formulieren und Lehrmaterialien entwickeln. Das Einbeziehen des gesamten sprachlichen Repertoires wird dabei zentral sein – denn ganzheitliche Sprachförderung erhöht die Chance auf Bildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe, nimmt Schweiger vorweg.
Starke Demokratien bauen
Citizen Science Projekte – wie jenes von Hannes Schweiger – schulen die "kulturelle Nase". Gemeint ist damit die Erkenntnis, dass unterschiedlicher Perspektiven auf die Welt gleichberechtigt und wichtig sind. "Den multiplen Blick einüben" würde Katja Mayer – neben anderen Future Skills – gerne im Lehrplan verankern. Denn genau das sei es, was die nächste Generation brauche, um "starke demokratische Institutionen für die Zukunft zu bauen." Und bei dieser Mammutaufgabe müssen sie unterstützt werden. (hm)
- Semesterfrage der Universität Wien: Was sollen wir lernen, wenn sich alles ändert?
- Citizen Science an der Universität Wien
- Website von Katja Mayer
- Can Citizen Science Teach Democracy? Vortrag von Katja Mayer
- Website von Hannes Schweiger
- Website von Sag’s Multi
- Mehr zu Citizen Science auf "Österreich forscht"



