Musikwissenschaft: Gibt es eine Formel für den Gänsehautmoment?
Wien richtet heuer zum dritten Mal den Eurovision Song Contest aus – nach dem ersten Halbfinale am Dienstag und dem zweiten am Donnerstagabend steht das große Finale in der Wiener Stadthalle am Samstag, 16. Mai, bevor. Als einer der meistgesehenen internationalen Musikwettbewerbe ist das TV-Großereignis auch ein einzigartiges Laboratorium für die Sozial- und Kulturwissenschaften – von Fragen nationaler Identität über Abstimmungsverhalten bis hin zu den Mechanismen popkultureller Massenphänomene.
"Auch aus musikwissenschaftlicher Perspektive bietet der ESC eine ganze Reihe von Anknüpfungspunkten", sagt Christoph Reuter von der Uni Wien: Aus musikhistorischer Sicht sei es beispielsweise spannend, der Entstehung und dem stilistischen Wandel der Länderbeiträge nachzuforschen; die Musiksoziologie wiederum widme sich insbesondere den vielfältigen Fan-Kulturen – von der prägenden Rolle queerer Communities bis hin zum Einfluss weltpolitischer Ereignisse.
Reuter selbst kommt aus der Systematischen Musikwissenschaft und forscht schwerpunktmäßig zu Akustik und Musikpsychologie. Er interessiert sich v.a. dafür, was ein stark bewegendes Musikstück ausmacht. Für den ORF haben er und sein Team im Vorfeld des ESC 2026 untersucht, wie sich die emotionale Wirkung der im April in den Wettbüros führenden Beiträge von jener der Tabellenschlusslichter unterscheidet.
Wie man den "Gänsehautfaktor" eines Musikstücks messen kann und was einen ESC-Gewinnersong ausmacht, erklärt der Musikwissenschafter im Rudolphina-Interview.
Rudolphina: Herr Prof. Reuter, in Ihrem Experiment haben Sie und Ihre Kolleginnen Sarah Ambros und Helene Lindenbauer mit 28 Versuchspersonen gemessen, wie ESC-Songs emotional auf die Zuhörer*innen wirken. Dabei spielt auch der "Gänsehauteffekt" eine Rolle. Wie kann man sich das vorstellen?
Christoph Reuter: Den Versuchspersonen wurden die ausgewählten Beiträge aus Finnland, Frankreich, Dänemark sowie Estonia, Montenegro und Österreich vorgespielt, während sie gleichzeitig den Mauszeiger über ein sogenanntes "Valence-Arousal-Modell" zur emotionalen Selbstauskunft bewegten. Das Modell ordnet Emotionen wie "Happy", "Angry" oder "Sad" in einem Koordinatensystem an – je nachdem, ob sie positiv oder negativ und ob sie aufwühlend oder beruhigend sind. Während des Hörens bewegen die Teilnehmenden die Maus durch diesen Raum – falls sie während des Hörens einen Schauer bzw. Gänsehauteffekt verspüren, drücken sie die linke Maustaste – und die aufgezeichnete Spur verrät, was sie wann empfunden haben.
Währenddessen erfasst ein Hautleitwertsensor die emotionale Involviertheit der Versuchsperson. Der Hautleitwert – eine körperliche Reaktion, die sich willentlich nicht kontrollieren lässt – steigt an, je stärker jemand beim Hören emotional bewegt wird. So lässt sich der sogenannte "Gänsehauteffekt" nicht nur subjektiv erfassen, sondern auch auf rein physiologischer Ebene nachweisen.
Die orangen Stellen im Valence-Arousal-Modell zeigen, wo die Maus der Versuchspersonen am häufigsten war – die blauen, bei welchen Emotionen die meisten Schauer auftreten. Auf der interaktiven Projektwebsite können Sie die Mausbewegungen der Versuchspersonen synchron zum jeweiligen Song verfolgen.
Rudolphina: Was hat Sie am meisten überrascht – gibt es zwischen den Wettbewerbs-Favoriten und den Schlusslichtern messbare Unterschiede in der körperlichen Reaktion?
Christoph Reuter: Überraschend war für mich, wie gut sich die Theorie zu musikalisch erzeugbaren Gänsehauteffekten in den Reaktionen der Versuchspersonen auf die ESC-Favoriten widerspiegelte: Es hat sich gezeigt, dass die in den Wettbüros vorne liegenden Beiträge auch die meisten Gänsehauteffekte hervorrufen, und dass es die in der Forschung schon bekannten Ankerreize sind, die uns wohlig erschauern lassen. Gänsehauteffekte traten besonders bei Übergängen zwischen Refrain und der nächsten Strophe auf oder zwischen Bridge und Refrain, mit anderen Worten: Wenn etwas abrupt endet und etwas anderes ebenso abrupt beginnt.
Abrupte Wechsel sind ideale Köder für Gänsehaut-Effekte, die sich z.B. im französischen Beitrag (Monroe - "Regarde!") sehr gut beobachten lassen, wenn am pompös-opernhaften Ende des ersten Refrains plötzlich eine Pause ist, in der die Künstlerin einzelne Worte singt, und dann ebenso plötzlich das volle Orchester zur nächsten Strophe einsetzt. Dieses überraschende Spiel mit den musikalischen Erwartungen sorgt dafür, dass hier ein Großteil der Versuchspersonen an der gleichen Stelle messbar erschauerte.
Solche musikalischen "Köder" oder Ankerreize gab bzw. gibt es bei den Tabellenschlusslichtern nicht. Im Gegenteil: Diese weisen wenige bzw. so gut wie keine dynamischen Wechsel, keine Tempowechsel und auch sonst keine Experimente auf, die musikalisch zu einer emotionalen Involviertheit einluden.
Die meisten Chills (Gänsehauteffekte) empfanden die Versuchspersonen bei den Songs aus Finnland (im Bild) und Frankreich, und zwar meist dort, wo ein Strukturteil endet und ein neuer beginnt. Kaum Chillmomente gab es dagegen bei den Tabellenschlusslichtern (Estonia, Montenegro und auch Österreich). Zur interaktiven Website der Studie
Rudolphina: Lässt sich aus Ihren Daten so etwas wie eine "Formel" für einen erfolgreichen ESC-Song ableiten — bestimmte Klangeigenschaften oder emotionale Muster, die beim Publikum zuverlässig ankommen?
Christoph Reuter: Während die ESC-Favoriten (besonders Finnland und Frankreich) in Sachen Tempo und Dynamik vor allem auf Abwechslung setzen und die musikalischen Überraschungen und Spannungssteigerungen auch sehr geschickt platzieren, gilt bei den Tabellenschlusslichtern eher das Prinzip "keine Experimente". Dies zeigt sich sowohl in der Dynamik der Stücke, die sich z.B. bei den Beiträgen aus Frankreich und Finnland immer weiter steigert, als auch bei den Temposchwankungen, die ebenfalls bei den französischen und finnischen Beiträgen enorm, ausdrucksstark und äußerst kreativ sind. Beide Parameter (Tempo und Dynamik) sind bei den Tabellenschlusslichtern ausgesprochen gleichbleibend.
Weiters scheinen opernhafte und sinfonische Einflüsse eine große Rolle zu spielen: Wie bei vorangegangenen Song-Contest-Beiträgen wird sich auch hier klanglich am Vorjahressieger orientiert, bei dem stimmliche opernhafte Virtuosität mit sinfonischen Einschlägen ebenfalls eine große – und wahrscheinlich auch mitentscheidende – Rolle gespielt hatte. Diese klanglichen Muster fehlen bei den Schlusslichtern mehr oder weniger komplett. Dort sind eher E-Gitarren und Drum-Machines klangprägend.
Da stilistisch der Beitrag des Vorjahressiegers eine große Rolle zu spielen scheint (und auch andere Faktoren wie Choreographie, Video, politische Situation etc. einen Einfluss auf die endgültige Platzierung haben), lässt sich jetzt kein Patentrezept für einen erfolgreichen ESC-Song erstellen. Universell scheint aber zu gelten, dass ausdrucksstarke Songs (mit größeren Variationen in Tempo und Dynamik sowie extremeren Tonlagen) mehr wohlige Schauer erzeugen und auch nicht zuletzt dadurch bessere Chancen für eine Topplatzierung haben. Ein Beispiel dafür wäre etwa auch der Beitrag Rise like a Phoenix von Conchita Wurst, der ESC-Siegerin 2014, der im darauffolgenden Jahr stilistisch in verschiedenen Beiträgen kopiert wurde. Ein Beispiel dafür wäre etwa auch der Beitrag Rise like a Phoenix von Conchita Wurst, der ESC-Siegerin 2014, der im darauffolgenden Jahr stilistisch in verschiedenen Beiträgen kopiert wurde.
Rudolphina: Wer wird also aus Sicht der Musikwissenschaft heuer den ESC-Sieg davontragen?
Christoph Reuter: Von den gemessenen Gänsehauteffekten her sind die Beiträge aus Finnland und Frankreich für mich die vielversprechendsten. Nimmt man Video und Choreographie dazu, wird wahrscheinlich der finnische Beitrag das Rennen machen.
Wie unterscheiden sich die Favoriten akustisch?
Die Favoriten lassen sich aber auch rein akustisch sehr gut von den Schlusslichtern trennen: Auf der Website zur Studie können Sie auch die klanglichen Unterschiede verfolgen, die nach einer Audiosignalanalyse der Stücke (mit Hilfe einer sogenannten Varianzanalyse mit nachfolgender Principal Component Analysis) errechnet wurden. Die Favoriten haben eine sehr viel geringere Rauigkeit (= weniger Schlagzeug, weniger E-Gitarren etc.) und eine sehr viel geringere Stabilität im Tempo (da ausdrucksstärker) als die derzeitigen Schlusslichter.

