Klimamotor Ozean

El Niño und AMOC erklärt: Was bedeutet das für unser Wetter 2027?

El Niño und die Atlantische Umwälzzirkulation (AMOC) sind zentrale Motoren für das weltweite Klima und Wetter. Das El-Niño-Ereignis 2026 entwickelt sich seit dem Sommer und soll zum stärksten seit Aufzeichnungsbeginn werden. Welche Auswirkungen auf Temperaturen, Niederschlag und Extremwetter sind zu erwarten und was bedeutet das für uns in Europa? Die Meteorolog*innen Susanna Winkelbauer und Michael Mayer erklären.
Die Ozeane sind zentrale Motoren für das globale Klima und Wetter. Was im Atlantik oder Pazifik passiert, kann deutliche Auswirkungen auf Mitteleuropa haben. © Pexels/Josh Sorenson

Lebensbedrohende Wirbelstürme, verheerende Waldbrände, dramatische Sturzfluten – oft sind solche Extremwetter-Ereignisse etwas, das wir in der Ferne verorten, nur in den Nachrichten sehen. Dabei betreffen extreme Wetterereignisse uns alle – auch dann, wenn der Ausgangspunkt auf der anderen Seite des Globus liegt.

Wie beeinflussen El Niño und AMOC das Wetter?

Im Pazifik entwickelt sich gerade ein El-Niño-Ereignis, dessen Auswirkungen wir auch in Europa spüren werden – wie genau kann anhand von Modellen und Prognosen eingeschätzt werden. Doch El Niño ist nicht der einzige Mechanismus, über den die Ozeane unser Klima beeinflussen. Eine weitere "Klimamaschine" ist die AMOC, die Atlantische Umwälzzirkulation, deren Schwächung oder möglicher Kollaps schwerwiegende Folgen für das globale Ökosystem und Klima hätte. Susanna Winkelbauer und Michael Mayer vom Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Wien erklären, wie die Ozeane das globale Klima steuern, was El Niño und AMOC dazu beitragen und welche Folgen Europa und die Welt erwarten.

Im tropischen Pazifik entwickelt sich gerade ein sogenanntes 'El Niño'-Ereignis. Die Vorhersagemodelle sind sich einig, dass es voraussichtlich das stärkste Ereignis seit Beginn der Aufzeichnungen sein wird.
Michael Mayer

Was ist "El Niño"?

Michael Mayer: El Niño ist eines der weitreichendsten globalen Klimaphänomene. Dabei erwärmt sich der gesamte tropische Pazifik auf untypisch hohe Temperaturen und im Zuge dessen werden riesige Energiemengen vom Ozean an die Atmosphäre abgegeben, was wiederum starke Anomalien in der atmosphärischen Zirkulation und in den Niederschlagsmustern hervorruft.

El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen, das alle drei bis sieben Jahre auftritt. Das aktuelle El-Niño-Ereignis wird als besonders stark erwartet - dementsprechend auch die Auswirkungen auf das weltweite Wetter. Meteorologe und Klimaforscher Michael Mayer erklärt die Zusammenhänge und welches Wetter wir 2027 erwarten können. © Universität Wien

Warum wird El Niño 2026 so stark erwartet?

Mayer: El Niño ist ein natürliches Phänomen, das alle drei bis sieben Jahre auftritt. Die Stärke variiert dabei von Ereignis zu Ereignis. In diesem Jahr prognostizieren wir ein ausgesprochen starkes El-Niño-Ereignis, weil in den letzten Jahren atypisch viel Wärme im tropischen Pazifik aufgenommen wurde. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die globale Erderwärmung. Denn im Zuge der globalen Erwärmung nimmt der tropische Pazifik laufend überschüssige Wärme auf, die, während El Niño extra abgegeben werden kann.

Daher können wir damit rechnen, dass im Jahr 2027 das Wetter in Europa auf einem erhöhten Temperaturniveau stattfinden wird.
Michael Mayer

Was bedeutet El Niño für Europa?

Mayer: El Niño Ereignisse haben Auswirkungen auf die globale atmosphärische Zirkulation, darunter natürlich auch auf Europa. Jedoch ist die atmosphärische Zirkulation über Europa höchst variabel und daher ein klarer Zusammenhang mit El Niño statistisch schwer nachzuweisen.

Was wir jedoch wissen, ist, dass die Jahre nach einem Ereignis weltweit gesehen sehr warm sind. Daher können wir damit rechnen, dass im Jahr 2027 das Wetter in Europa auf einem erhöhten Temperaturniveau stattfinden wird. El Niño ist ein wirklich globales Klima-Phänomen, es zeigt, dass Abweichungen der Meeresoberflächen-Temperaturen im Pazifik zu Dürren in Australien, Überschwemmungen in Mittelamerika bis hin zu Temperaturabweichungen in Europa führen.

Der Atlantik ist ständig in Bewegung. Aber was, wenn einer der wichtigsten Meeresströmungen immer langsamer wird?
Susanna Winkelbauer

Was ist die AMOC?

Susanna Winkelbauer: Die AMOC, die Atlantic Meridional Overturning Circulation, oder auf Deutsch auch die Atlantische Umwälzzirkulation, ist ein großes Strömungssystem im Atlantik, bei dem warmes, salzreiches Wasser oberflächennah von Süden Richtung Norden fließt. Im Nordatlantik kühlt dieses Wasser ab, wird dadurch dichter und sinkt ab. In der Tiefe geht die Strömung dann wieder zurück Richtung Süden.

Dieses ganze Strömungssystem basiert hauptsächlich auf Temperatur und Salzgehalt des Wassers. Durch den Klimawandel steigen aber die Temperaturen im Nordatlantik und zusätzlich haben wir mehr Süßwasser, das zum Beispiel durch die Schmelze vom grönländischen Eisschild oder von anderen Gletschern oder durch vermehrte Niederschläge in den Ozean kommt. Dadurch wird das Oberflächenwasser süßer und leichter und kann nicht mehr so leicht absinken – dadurch kann sich dann die AMOC abschwächen.

Die Atlantische Umwälzzirkulation (AMOC) ist eines der zentralen Strömungssysteme der Erde. Die AMOC transportiert warmes Wasser aus dem Süden bis in den Nordatlantik, wo es abgekühlt wird und danach wieder zurückfließt. Wird dieser Mechanismus gestört, drohen weitreichende Folgen. © Universität Wien

Wie nahe sind wir am AMOC-Kipppunkt oder -Kollaps?

Winkelbauer: Durch interne Mechanismen kann sich diese Abschwächung immer weiter verstärken und dann könnte es zu einem sogenannten Kipppunkt kommen. Das heißt, dass wir wirklich in einen Zustand mit viel schwächeren Strömungen geraten. Das würde innerhalb von ein paar Jahrzehnten passieren. Ob und wann wir aber zu diesem Kipppunkt kommen, ist noch relativ unsicher. Es gibt viele verschiedene Daten: Wir haben Modelldaten, Proxydaten und verschiedenste Rekonstruktionen, von denen die meisten auf eine Abschwächung hindeuten. Aber eben dieser Kipppunkt, der ist noch unsicher.

Neue Modellstudien zeigen, dass wir in weiten Teilen Europas trockene Sommer erwarten können, wenn sich die AMOC stark genug abschwächt.
Susanna Winkelbauer

Was bedeutet ein Kippen der AMOC?

Winkelbauer: Wenn sich die AMOC abschwächt und immer weniger Wärme Richtung Norden transportiert wird, müssen wir mit einem Abkühlungseffekt im Norden rechnen – über dem Nordatlantik aber auch über Europa, vor allem über Skandinavien. Aber auch die Niederschläge wären betroffen. Neue Modellstudien zeigen, dass wir in weiten Teilen Europas trockene Sommer erwarten müssen, wenn sich die AMOC stark genug abschwächt. Und das würden wir dann auch bei uns in Österreich spüren.

© Michael Mayer
© Michael Mayer
Michael Mayer ist Meteorologe und Klimaforscher an der Universität Wien sowie am Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF). Seine Forschung konzentriert sich auf die Analyse der Energiebilanz der Erde, einschließlich ihrer Schwankungen und langfristigen Trends. Darüber hinaus untersucht er El Niño und dessen Auswirkungen auf die globale Energiebilanz.
© Susanna Winkelbauer
© Susanna Winkelbauer
Susanna Winkelbauer ist Meteorologin und Klimaforscherin an der Universität Wien. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Energiebilanz der Erde, insbesondere mit dem Wärmetransport der Ozeane und der Rolle der Meere im Klimasystem.