Lebenslanges Lernen, Demokratie und Inklusion: Die "Must-Reads"
Rudolphina: Ihre Vision für die Schule der Zukunft: Was sollen wir lernen, wenn sich alles ändert?
Barbara Schober: Sich in einer schnell verändernden und eher "unsicheren" Welt zurechtzufinden und diese aktiv mitgestalten zu können. Dafür braucht es u.a. Selbstvertrauen, einen kompetenten Umgang mit Medien und KI, selbstreguliertes Lernen und Mut. Schule kann nicht alles vermitteln. Sie sollte aber die Grundvoraussetzungen in fachlichen Dingen und die persönliche "Ausstattung" dafür liefern, um sich weiterzuentwickeln. Fachliche Kompetenzen und Wissen weiterhin wichtig, aber auch eine positive Sicht auf sich und die eigenen Möglichkeiten.
Die Schule der Zukunft hat Individualität und soziale Chancenfairness im Fokus sowie mehr Raum für individuelles Lernen. Sie nutzt digitale Tools und KI, um komplexe Themen anschaulich zu machen. Der Unterricht ist projektbasiert, zumindest teilweise interdisziplinär und findet nicht in fixen 45 Minuten-Slots statt. Lehrkräfte sind hochprofessionell, arbeiten in Teams, fühlen sich kompetent und wertgeschätzt. Die Schule ist dabei auch offen für Veränderung und ist in der Lage, autonom zu handeln.
Dirk Lange: Die "Skills" einer demokratischen Zukunft lauten Hinterfragen, Kritisieren und Gestalten. Es geht um die Herausbildung einer politischen Urteilskraft, die es Schüler*innen ermöglicht, nicht einfach zu eine*r Mitspieler*in, sondern zum Souverän der Demokratie zu werden.
Daher muss die Demokratiebildung zu einem Hauptfach der Schule werden und durchgängig in allen Jahrgangsstufen mit zwei Unterrichtsstunden etabliert werden. Zugleich bedarf es an den Universitäten der Ausbildung sozialwissenschaftlich qualifizierter Lehrer*innen in einem Studiengang "Politische Bildung".
Edvina Bešić: Die Krisen unserer Zeit führen zu gesellschaftlichen Spannungen. Kinder sollten lernen, solidarisch zu sein und mit Vielfalt umzugehen. Inklusionskompetenzen umfassen die Fähigkeit, sich aktiv an Gruppenprozessen zu beteiligen, Verantwortung zu übernehmen und die Gemeinschaft konstruktiv mitzugestalten. Ebenso wichtig sind Empathie, Selbstmanagement, Selbstbewusstsein und Beziehungsfähigkeit. Diese Kompetenzen helfen, Unsicherheiten zu bewältigen und in heterogenen sozialen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Die Schule muss zu einem Raum werden, in dem Partizipation, Respekt und solidarisches Handeln nicht nur vermittelt, sondern täglich gelebt werden. Unterricht und Schulorganisation sollten Vielfalt nicht als Schwierigkeit, sondern als Ressource für Lehren und Lernen begreifen. Inklusionspädagogik sollte verbindlich und in allen Fächern in der Lehrer*innenbildung verankert werden.
Neuerscheinung: "Demokratie bilden!" von Dirk Lange
Demokratie beginnt bereits im alltäglichen solidarischen Umgang miteinander. Bildung, die das Bewusstsein dafür schafft, ist mehr als reine Wissensvermittlung, erklären Dirk Lange und Tobias Doppelbauer in ihrem neuen Essay. "Schüler*innen müssen befähigt werden sich am Diskurs zu beteiligen, wie wir Demokratie leben wollen", sagt Dirk Lange. "Es geht um die Herausbildung einer demokratiepolitischen Urteilskraft, mittels der die Demokratie befragt und gestaltet wird. Kurz: Lasst uns die Demokratie durch Demokratiebildung bilden."
Hier finden Sie das Buch in der Universitätsbibliothek.
Rudolphina: Welchen Lesetipp haben Sie zum Abschluss der Semesterfrage?
Barbara Schober: Die Psychologin Carol Dweck und ihre Kooperationspartner*innen haben in zahlreichen Studien gezeigt, wie enorm wichtig es für unser lebenslanges Lernen ist, ob wir an unsere eigene Veränderbarkeit glauben und nach Wachstum streben oder primär nach oberflächlicher Bestätigung von außen. Das sogenannte "Growth Mindset" ist ein wichtiger Teil unsers Selbstbilds, denn es beeinflusst maßgeblich, wie wir mit Erfolgen und Misserfolgen umgehen und damit unsere Entwicklung. In ihrem Buch "Selbstbild" übersetzt sie ihre Forschungen in eine Sprache, die für fachfremde Interessierte sehr zugänglich und hilfreich ist.
Aktuelle Forschung: Was stärkt das Wohlbefinden in der Schule?
Das Team des Projekts "100 Schulen 1000 Chancen" (mit Barbara Schober, Julia Holzer und Marko Lüftenegger) beleuchtete die Frage, was auf Seiten der Lehrkräfte und Unterrichtsgestaltung relevant dafür ist, dass Schüler*innen die Schule als positiven Ort empfinden. Zur Publikation: "Shedding light on relations between teacher emotions, instructional behavior, and student school well-being – Evidence from disadvantaged schools."
Dirk Lange: "Der politische Mensch" von Oskar Negt liefert uns einen Zugang zur Demokratie als Lebensform, ohne den Alltag der Menschen als unpolitisch zu begreifen. Vielmehr zeigt Negt auf, dass der Alltag politisch strukturiert ist und zugleich hochpolitische Auswirkungen hat. Demokratie ist für ihn "die einzige politisch verfasste Gesellschaftsform, die gelernt werden muss - immer wieder, tagtäglich und bis ins hohe Alter hinein.
Edvina Bešić: "Klabauterin Emily Willkomm: Leben, Lernen und künstlerisches Tätigsein zwischen inklusiver Resonanz und exklusiver Ignoranz" erzählt die Lebensgeschichte der Theaterschauspielerin Emily Willkomm. In den 1990er-Jahren war sie eines der wenigen Kinder mit "schwerer Mehrfachbehinderung", die in Deutschland integrative Grund- und Gesamtschulklassen besuchten. Der Sammelband vereint Beiträge von Menschen aus Emilys Umfeld. Sie schreiben für, über und mit Emily und zeichnen so ein facettenreiches Bild eines Lebens, das ebenso von Resonanz wie von Momenten der Ignoranz geprägt ist.
Weil das Buch viele Lebensbereiche berührt, hält es für jeden etwas bereit. Es zeigt eindrücklich, welche Barrieren Eltern und Kinder im Kontakt mit der Medizin, dem Schulwesen und anderen Institutionen begegnen. Zugleich wird in den vielfältigen Perspektiven, etwa von Mitschüler*innen und Lehrpersonen, deutlich, wie viel Emily ihrer Umgebung gegeben hat. Für viele von ihnen war die gemeinsame Schulzeit ein Geschenk.
Lesetipp: "Das Boot". Übersetzt ins Deutsche von Edvina Bešić
"Das Boot" bringt Volksschulkindern das Thema Flucht näher, dessen Behandlung im Unterricht oft von Unsicherheit geprägt ist. Edvina Bešić: "In Gesprächen mit Schüler*innen zeigte sich, dass sie sich besonders durch die Illustrationen angesprochen fühlten: Die Bilder (hier geht’s zum Blick ins Buch) lösten ganz unterschiedliche Emotionen aus und boten Raum für eigene Interpretationen. Dadurch entstanden tiefgehende Gespräche, in denen Schüler*innen Bezüge zu aktuellen Ereignissen herstellen und Empathie entwickeln. Das Buch verzichtet auf stereotype Darstellungen und erzählt mit wenigen Worten, aber eindrucksvollen Bildern."
Der Verlag stellt hier Unterrichtsmaterialien zum Buch zur Verfügung (pdf).
Seit 2018 leitet er das Demokratiezentrum Wien. Er forscht und lehrt auch an der Leibniz Universität Hannover.
Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte und Forschungsprojekte umfassen Motivationsentwicklung und Förderung, Selbstregulation, Geschlechtsspezifische Bildungsverläufe, Lebenslanges Lernen sowie Entwicklung, Evaluation und Implementierung evidenzbasierter Interventionen.

