Depression: Stärke statt Stigma
Inhaltlicher Hinweis
In diesem Beitrag und im Video geht es um Depressionen und Stigmatisierung bei Mental-Health-Problemen. Wenn Sie oder jemand, den Sie kennen, mit Depressionen oder psychischen Problemen zu kämpfen hat, sind Sie nicht allein. Hilfe gibt es u.a. an den untenstehenden Anlaufstellen. Wenn Sie sich in unmittelbarer Gefahr befinden, nutzen Sie bitte Ihre lokale Notrufnummer.
Depressionen erschweren das Erreichen persönlicher Ziele. In der Akut-Phase der Krankheit kann das beispielsweise an einem gestörten Hormonhaushalt liegen, der Betroffene abgeschlagen und demotiviert fühlen lässt. Das liege aber nicht nur an der Krankheit selbst, sagt Christina Bauer, Sozialpsychologin an der Fakultät für Psychologie der Uni Wien. Die Probleme mit Lebenszielen bleiben oft bestehen, nachdem die Krankheit abgeklungen ist.
In der Forschung ist belegt, dass gesellschaftliche Vorurteile, die Betroffene als schwach stigmatisieren, einen negativen Einfluss auf deren Motivation und Selbstvertrauen haben – eine selbsterfüllende Prophezeiung. In einer neuen Studie zeigen Bauer und Kolleg*innen nicht nur, wie groß dieser Effekt tatsächlich ist, sondern was man dagegen tun kann.
Betonen der Stärken steigert Selbstvertrauen
In drei Experimenten reflektierten Teilnehmer*innen, die Depressionen erlebt hatten, was sie im Umgang mit der Krankheit geleistet haben, erklärt Bauer: "Wir haben eine Übung entwickelt, die Betroffenen ihre Stärken bewusst macht: Zum Beispiel, wenn sie morgens trotz großer Niedergeschlagenheit einen neuen Tag in Angriff nehmen."
Im Vergleich mit einer Kontrollgruppe erhöhte diese einfache Maßnahme das Selbstvertrauen deutlich– unabhängig davon, wie schwer die aktuellen Symptome waren. "Die Stärke dieses Effekts hat uns wirklich überrascht", berichtet Bauer. "Die Übung war so effektiv wie andere Behandlungen, die schwere Depressionen zu mittelschweren mildern." Das verbesserte Selbstvertrauen zeigte Wirkung: In einem Langzeit-Experiment über zwei Wochen zeigten Teilnehmende, die über ihre Stärken reflektiert hatten, mehr Fortschritt bei einem selbst gewählten Ziel machten als die Vergleichsgruppe.
Die Ergebnisse verdeutlichen, wie sehr das Bild, dass Betroffene von sich und ihrer Krankheit haben, Einfluss auf Depressionen nimmt. "Depressionen sind für Betroffene schon schwer genug zu bewältigen und stigmatisierende Narrative sind zusätzliche Belastungen", betont Bauer. "Wie wir zeigen, muss das nicht so sein. Wir als Gesellschaft sollten uns stärker an hilfreichen Narrativen orientieren, die Menschen unterstützen, statt ihnen zu schaden."
Alle Infos zur Studie
Bauer, C., Walton, G., Hoyer, J., & Job, V. Depression-reframing: Recognizing the strength in mental illness improves goal-pursuit among people who have faced depression. In Personality and Social Psychology Bulletin. 2026. DOI: 10.1177/01461672251412492