Democracy Report 2026

Die dritte Welle der Autokratisierung

Die Politikwissenschafterin Carolina Plescia von der Universität Wien spricht über die alarmierenden Ergebnisse des Democracy Report 2026, insbesondere den raschen demokratischen Rückschritt der Vereinigten Staaten. Durch gestärkte Institutionen, gesellschaftlichen Protest und frühzeitiges Handeln besteht jedoch Hoffnung auf eine Rückkehr zur Demokratie.
Laut dem Democracy Report 2026 gibt es in vielen Länder gleichermaßen einen demokratischen Rückschritt, was Wissenschafter*innen als "dritte Welle der Autokratisierung" bezeichnen. Zwar werden Wahlen weiterhin formal durchgeführt, aber die demokratischen Institutionen, die Medienfreiheit und die Kontrollmechanismen werden von innen heraus ausgehöhlt.

Der Democracy Report 2026 zeigt einen alarmierenden weltweiten Trend: die vorherrschende "dritte Welle der Autokratisierung". "Sie geschieht global und zeitgleich. Immer mehr Länder nehmen autokratische Züge an und das zur selben Zeit und in verschiedenen Regionen der Welt", sagt Carolina Plescia vom Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien. "Die liberale Demokratie ist auf dem Niveau von 1978. Der strukturelle Rückgang ist real, dokumentiert und schreitet immer schneller voran." 

Die Situation in den Vereinigten Staaten von Amerika ist besonders besorgniserregend. Laut dem Bericht war der Rückgang der Demokratie in den USA innerhalb eines Jahres stärker als in anderen Ländern in einem ganzen Jahrzehnt. In diesem Erklärvideo haben wir Carolina Plescia, Expertin für digitale Demokratie um die Beantwortung einiger wichtiger Fragen zum Bericht und dessen Aussagen über die USA gebeten. Zum Schluss haben wir uns die zentralen Erkenntnisse ihrer Forschung angeschaut, die sich damit befasst, was "Wählen" für Bürger*innen bedeutet und wie Wahlen reformiert werden können, um die Demokratie zu stärken.

Warum verlief die Autokratisierung in den USA so schnell?

"Die Regierung kann den Medien und der Zivilgesellschaft Einschränkungen auferlegen und dabei gleichzeitig formelle Institutionen aufrechterhalten", erklärt Plescia. "Wahlen finden formal statt, aber die Institutionen werden eher von innen als von außen geschwächt." 

Und jetzt funktionieren die Kontrollmechanismen nicht mehr. Seitdem Donald Trump seine zweite Amtszeit als Präsident angetreten hat, ist die Kontrolle der Legislative über seine Exekutivgewalt stark zurückgegangen. Laut Plescia verfügt ein geschwächter Kongress im Vergleich zum Präsidenten über deutlich weniger Macht, und es werden weniger Anstrengungen unternommen, verfassungs- und rechtswidrigen Handlungen des Präsidenten nachzugehen.

Was ist erforderlich, damit Länder, die sich in Richtung Autokratie bewegen, zur Demokratie zurückkehren?

"Zu erfolgreichen Umkehrprozessen gehört oft, dass die Zivilgesellschaft in Form von friedlichen Protesten die Initiative ergreift", betont sie. Durch die Wiederherstellung der Medienfreiheit und des öffentlichen Diskurses kann wieder Vertrauen in diese Institutionen aufgebaut werden. Denn diese sind wesentlich für die Rückkehr zur Demokratie. 

Laut Plescia sind drei Faktoren entscheidend: starke demokratische Institutionen wie freie und faire Wahlen, gesellschaftliches Handeln wie friedliche Proteste und – am wichtigsten – frühzeitiges Handeln. "Frühzeitiges Handeln ist sehr, sehr wichtig, denn sobald Institutionen einmal geschwächt sind, ist es viel schwieriger, den Prozess der Autokratisierung umzukehren", betont sie.

Drei Faktoren sind entscheidend: starke demokratische Institutionen wie freie und faire Wahlen, gesellschaftliches Handeln wie friedliche Proteste und – am wichtigsten – frühzeitiges Handeln.
Carolina Plescia

Die Messung von Demokratie

Der Democracy Report 2026 wurde vom Varieties of Democracy Project (V-Dem) veröffentlicht, das den weltweit größten öffentlichen Datensatz zum Thema Demokratie erstellt und mehr als 200 Länder anhand von über 450 Indikatoren zur Demokratie erfasst. In ihrer live gestreamten Vorlesung mit dem Titel "How Can Democracy Be Measured? Is Democracy Currently in Danger?" präsentiert Carolina Plescia empirische Erkenntnisse zum demokratischen Rückschritt und diskutiert, was heute für die liberale Demokratie auf dem Spiel steht. Mehr zur Veranstaltung, die im Rahmen der Semesterfrage 2026 stattgefunden hat, finden Sie hier: Wohin steuert die Demokratie?

Wie kann das Vertrauen in die Demokratie zurückgewonnen werden?

Die niedrige Wahlbeteiligung ist weltweit ein großes Problem. Derzeit leitet Carolina Plescia ein Projekt, das untersucht, was "Wählen" für Bürger*innen in verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Regimen bedeutet. "Wählen" bedeutet nicht für alle Menschen dasselbe und laut Plescias Team spielen diese Unterschiede eine wichtige Rolle, wenn Länder versuchen, Wahlreformen zur Förderung der Bürgerbeteiligung durchführen. So wird die Demokratie von Menschen eher unterstützt, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Stimme bei Wahlen zählt. 

Wissenschafter*innen haben bereits davor gewarnt, dass junge Menschen zunehmend offener gegenüber autoritären Alternativen zur Demokratie werden. Plescias Analysen bestätigen zwar, dass Bürger*innen zunehmend die Legitimität ihrer eigenen Regierung infrage stellen, dies jedoch nicht zwangsläufig bedeutet, dass sie der Staatsform oder dem Regierungssystem skeptisch gegenüberstehen. "Bürger*innen unterstützen die Idee der Demokratie nach wie vor sehr", erklärt Plescia, „doch langfristig können sich Enttäuschung und Unzufriedenheit gegenseitig verstärken.“ Inklusive Wahlprozesse, die Bürger*innen das Gefühl geben, dass ihre Stimme zählt, können ein wichtiger Schritt zur Stärkung gesunder demokratischer Systeme sein.

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Solidarität und Demokratie
Solidarität ist die Praxis, die unsere Demokratie zusammenhält – gerade dort, wo das Recht an seine Grenzen stößt. Warum es heute schwerer fällt, füreinander einzustehen, und wie wir Solidarität stärken können, erörtern Rechtsphilosophin Elisabeth Holzleithner und Politikwissenschafterin Barbara Prainsack.

Was können Länder unternehmen, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen?

Können Wahlreformen Bürger*innen das Gefühl vermitteln, dass es sich lohnt, das Haus zu verlassen und wählen zu gehen? Wird die Wahlbeteiligung steigen, wenn wir das Alter zum Wählengehen senken oder Online-Wahlen ermöglichen? Policy Briefs, die Regierungen und Interessengruppen dabei unterstützen können, Systeme zur Verbesserung der Wahlbeteiligung zu entwickeln, können Sie von der Webseite von DeVOTE herunterladen.

© Parente Antonietta
© Parente Antonietta
Carolina Plescia ist assoziierte Professorin am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien. Sie leitet das ERC Starting Grant-Projekt DeVOTE, in dem sie untersucht, was Wählen für Bürger*innen in liberalen Demokratien und elektoralen Autokratien bedeutet. Sie ist Mitglied des Steuerungskreises des neuen Forschungsverbundes "Demokratie und Menschenrechte".