Simulationen für die Zukunft der Demokratie
Eine Fahrt mit U-Bahn oder Tram macht sicher: Ein Großteil der Menschen klebt an ihren Smartphones. Zwischen endlosen Katzen- oder viralen Tanzvideos scrollen wir auf Social Media aber auch an Informationen vorbei, verfolgen politische Debatten, teilen ironische Memes oder hasserfüllte Tiraden – we like. Fest steht, mobile Endgeräte sind nicht nur Unterhaltungsmaschinen, sondern auch Portale zur omnipräsenten digitalen Informationsumgebung.
"Unter digitaler Informationsumgebung verstehen wir die Gesamtheit der Informationsangebote, die User*innen online zur Verfügung stehen. Dieser Begriff soll soziale Netzwerke einschließen, aber auch klassische Massenmedien, die heute hauptsächlich digital genutzt werden", erklärt Annie Waldherr.
Die Professorin für computergestützte Kommunikationswissenschaft am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Uni Wien erforscht im Rahmen des internationalen Forschungskonsortiums "WHAT-IF", welche Auswirkungen die Dynamiken unserer digitalen Informationsumgebungen auf die Demokratie haben. Denn klar ist: Wie wir uns informieren, Meinungen austauschen oder politisch organisieren, wird von den Online-Medien sowie den Möglichkeiten und Grenzen der sozialen Netzwerke bestimmt.
Digitale Ambivalenz
Es sind diese Möglichkeiten, die Fluch und Segen für die liberale Demokratie darstellen: Einerseits führen soziale Netzwerke User*innen aus der bloßen Konsument*innenrolle und ermöglichen ihnen, verstärkt an öffentlichen Diskursen teilzunehmen und so etwa Sichtbarkeit für Missstände herzustellen, die von klassischen Medien ignoriert oder in autoritären Systemen unterdrückt werden. Andererseits bringt Social Media neue Probleme für den demokratischen Diskurs hervor, etwa Desinformation oder virale Hassbotschaften, die von den Algorithmen zigfach auf unsere Bildschirme gespült werden.
Das Forschungskonsortium untersucht in diesem Zusammenhang drei Problemdimensionen: "Zum einen betrachten wir die Qualität der Informationen, die User*innen zur Verfügung steht, zum anderen, ob sie beleidigende Sprache verwenden. Zuletzt interessiert uns die Auswirkung digitaler Mechaniken auf die Polarisierung, also ob Menschen noch bereit sind, mit anderen Gesellschaftsgruppen zu sprechen."
Die Politik reagiert auf die Schattenseiten unserer Online-Welten mit Regulierung; die Plattformen selbst mit Profilsperren oder verstärkter Moderation – falls sie nicht ihren Profitinteressen Vorrang geben. Doch wie können wir abschätzen, welche Folgen solche Eingriffe auf digitale Informationsumgebungen und damit auf unsere Demokratie haben? Denn klar ist: Jede Änderung am laufenden System gleicht einem Experiment, mit den User*innen als unfreiwilligen Versuchskaninchen.
Simulierte Netzwerke
Die Antwort könnte die What-If-Machine liefern: ein auf Computermodellen basierender "digitaler Zwilling" unserer Informationsumgebung im Netz, an dem die Forscher*innen mögliche Interventionen – wie etwa Regulierungen gegen Desinformation oder algorithmische Änderungen – sicher testen können. Waldherr, deren Team am Computational Communication Science Lab der Uni Wien für die Simulationen verantwortlich ist, erklärt: "Wir arbeiten mit zwei unterschiedlichen Methoden. Wir verwenden einerseits ein Modell basierend auf Agenten, denen wir Meinungen und Absichten geben und in einer vorgegebenen Umwelt platzieren. Diese Agenten können Informationen austauschen und sich miteinander vernetzen."
Postdoktorandin Aytalina Kulichkina ergänzt: "Diese strategischen Akteure, die hochaktive Content-Ersteller und Verbreiter darstellen, zielen darauf ab, gewöhnliche Nutzer*innen zu beeinflussen. Das rechnergestützte Modell ermöglicht es uns auf ethische Weise zu untersuchen, wie ihr gezieltes Verhalten politische Meinungen im Laufe der Zeit verändert, und Maßnahmen zu bewerten, die schädliche Auswirkungen – einschließlich der Risiken von Radikalisierung und Extremismus – verringern."
"WHAT-IF Machine"
Die "WHAT-IF Machine" ist eine Simulationsplattform, die als digitaler Zwilling des politischen Informationsumfelds konzipiert ist. Sie vereint modernste Technologien wie agentenbasierte Modellierung (ABM) und große Sprachmodelle (LLMs), um die Interaktion von Einzelpersonen und Gruppen mit (sozialen) Medien nachzubilden.
Erstaunlicherweise ermöglicht es bereits dieses einfache Modell – immerhin besteht jeder Agent bloß aus mathematischen Formeln, die Überzeugungen oder Interessen repräsentieren sowie Reaktionen auf andere Agenten diktieren – komplexe Realitäten abzubilden. "Wir können etwa auch Emotionen einbauen", sagt die Kommunikationswissenschafterin. "Ein ähnliches Modell hat in einem Vorgängerprojekt gezeigt, dass Wut ein großer Treiber hinter Interaktionen ist."
Agentenbasierte Modelle berücksichtigen auch, dass online nicht alle gleich sind. "Es gibt Plattformen, klassisches Social Media etwa, wo bereits gut vernetzte User einfacher zu neuen Followern kommen. Dadurch entstehen einzelne Profile mit großer Reichweite und unzählige mit nur wenigen Kontakten", erklärt Waldherr. "Neben solchen Netzwerkstrukturen simulieren wir auch klassische Foren, in denen grundsätzlich jede mit jedem interagieren kann."
KI Unterstützung
Die agentenbasierten Modelle ergänzt das Wiener Forschungsteam in Zusammenarbeit mit David Garcia und dem Social Data Science Lab an der Universität Konstanz mit künstlichen Intelligenzen, die seit kurzem in Form KI-basierter Chatbots in unsere digitalen Informationsumgebungen drängen. Hierzu werden einzelne Agenten mit KIs verbunden: "Bereits heute können etwa Posts auf der Plattform Reddit, die von KIs verfasst werden, praktisch nicht mehr von menschlichen Beiträgen unterschieden werden. Das ist zwar an sich besorgniserregend, bedeutet aber auch, dass wir KI benutzen können, um menschliches Verhalten besser zu simulieren."
Die Aussagekraft ihrer Modelle begründet Waldherr mit empirischem Input: Während das Computermodell noch in der Entwicklungsphase ist, führen Projektpartner des Wiener Teams repräsentative Befragungen in mehreren europäischen Ländern durch. Die erfassten Positionen der User*innen zu Themen wie Migration und Klimakrise sollen in das Modell eingespeist werden und damit realistisches Verhalten garantieren. "Im nächsten Schritt überprüfen wir zudem, ob die Simulation ähnliche Muster hervorbringt, wie wir sie in der Realität sehen", erklärt die Kommunikationswissenschafterin.
Was wäre, wenn Plattformen Hass und Hetze nicht mehr mit Aufmerksamkeit belohnen würden? Was, wenn nüchterne, lösungsorientierte Diskurse auf Social Media mehr Gehör fänden? Was, wenn Verschwörungstheorien konsequent ausgeflaggt würden? Verlaufen die empirischen Tests erfolgreich, können solche Fragen an die Modelle herangetragen werden. Das ist letztlich das Ziel des "WHAT-IF"-Konsortiums.
Digitale Selbstermächtigung
"Unser Hauptinteresse liegt bei Moderationsinterventionen, die auch algorithmisch sein können, indem etwa Profile, die massenhaft Hassrede oder Desinformation verbreiten, gedrosselt oder sogar gesperrt werden", sagt Waldherr. "Wir wollen verstehen, wo Regulation nützt, und wo sie der Demokratie eher schadet. Zudem erforschen wir, wie sich unterschiedliche Plattformlogiken auf unsere digitalen Informationsumgebungen auswirken". Letzteres könnte für europäische Social Media Projekte relevant sein – Stichwort digitale Souveränität.
Und auch für die User*innen ist es nützlich: "Wir sehen in unseren Simulationen, dass es oft weniger Menschen braucht als gedacht, um einem Thema zum Durchbruch zu verhelfen. Damit können wir dem Eindruck entgegentreten, dass Einzelanliegen nicht gehört werden und so die Selbstwirksamkeit der User erhöhen." Generell seien die Modelle auch ideale Werkzeuge, um zu vermitteln, wie digitale Plattformen funktionieren.
Die von Waldherr und ihrem Team entwickelten Modelle lassen uns die Einflüsse der digitalen Welt auf unsere realen Demokratien verstehen. In Zeiten multipler Krisen, technischer Beschleunigung, Remilitarisierung und demographischen Umbruchs balanciert das demokratische Projekt weltweit auf einem schmalen Grat. Forschung kann uns in dieser Lage helfen, den nächsten Schritt klug zu wählen. Waldherr: "Welche Stellschrauben finden wir, um Menschen wieder zusammenzubringen? Wie können wir verhindern, dass User verstummen?" Die Wissenschafterin arbeitet weiter an Antworten.