Lernen neu denken
Rudolphina: Sie sind unter dem Pseudonym "Netzlehrer" auf Social Media aktiv – was gab den Anstoß dafür?
Bob Blume: Für mich liegt der Antrieb in verschiedenen Dingen: Erstens habe ich selbst eine Schulzeit erlebt, in der ich echte Selbstwirksamkeit erfahren durfte – auf einer Reformschule ohne Noten, mit Freiheit und Verantwortung. Während des Referendariats habe ich gemerkt, dass das für Schülerinnen und Schüler oft nicht so ist. Dass Zwänge bestehen, die dem Lernen hinderlich sind. Und mittlerweile spreche ich viele Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler an, die frustriert sind – weil sie spüren, dass das System sie limitiert, nicht befähigt. In einer Zeit des Wandels im Bildungswesen möchte ich mitwirken, dass Lernen nicht hinter tradierten Strukturen oder Leistungsdruck verschwindet, sondern neu gedacht wird.
Rudolphina: Was braucht die "Schule der Zukunft" – insbesondere im Zusammenspiel zwischen Lehrenden, Lernenden und KI?
Blume: Die Schule der Zukunft braucht vor allem einen Perspektivwechsel: Weg vom Wissen als vordergründigem Ziel hin zum Lernen als zentralem Prozess. In diesem Kontext ist KI keine Bedrohung, sondern Mittel zum Zweck – wenn sie Lernende unterstützt, nicht ersetzt. Ich setze mich insbesondere dafür ein, dass Lehrkräfte nicht nur Inhalte vermitteln, sondern Lernprozesse begleiten und Meta-Kompetenzen fördern; dass Lernende aktiv mitgestalten, Fragen stellen und reflektieren; KI-Tools adaptive, individuelle Lernwege ermöglichen.
Rudolphina: Wenn Sie Bildungsminister wären – was würden Sie sofort umsetzen?
Blume: Zunächst zwei unbequeme Wahrheiten: Wahrscheinlich würde ich den Menschen um mich herum so auf die Nerven gehen, dass sie mich nach spätestens zwei Monaten wieder loswerden würden. Und zweitens: Ich weiß nicht, wie viel Spielraum ich überhaupt hätte, in dem Dickicht aus Verwaltung, Schule und Politik.
Aber schieben wir das zur Seite und werden pragmatisch: Ich würde als erstes die Lehrerausbildung und Fortbildungen massiv reformieren. Lehrkräfte benötigen Kompetenzen im Umgang mit Heterogenität, Eltern und insbesondere in der Begleitung von Lernprozessen. Zentral sind Selbstwirksamkeit und Motivation von Schülerinnen und Schülern. Dann würde ich ein flächendeckendes Konzept für Lernräume entwickeln – Räume, Zeitstrukturen, Unterrichtsformate –, die flexibilisieren statt standardisieren. Und schließlich würde ich den Leistungsbegriff in Frage stellen: Statt Noten in der bisherigen Form sofort ein Modell fördern, das Lernen sichtbar macht, Fortschritt dokumentiert und Teilhabe ermöglicht.
Rudolphina: Warum ist es so schwierig, im Bereich Schule konkrete Änderungen zu erzielen?
Blume: Weil Schule ein komplexes Mehrebenensystem ist: Politik, Verwaltung, Schulen, Lehrkräfte, Eltern, Lernende – und jede Ebene hat eigene Routinen, Kulturen und Machtstrukturen. In einer Analyse habe ich gesagt: "Bildung wird stark von einem Blick zurück geprägt, und das suggeriert Normalität." Das heißt: Oftmals bestimmen jene die Bildung von heute, die noch ein Bild von gestern haben. Dazu kommt: Veränderung trifft oft auf Widerstand – Lehrkräfte, Eltern oder Verwaltung haben aus eigenen Erfahrungen gelernt, was funktioniert hat, und skeptisch gegenüber Neuem. Zudem sind Ressourcen knapp, Verantwortungen vielfach fragmentiert.
Rudolphina: Wie kann der Fokus-Shift von Ergebnissen hin zum Lernprozess (Lernen lernen) in der Praxis gelingen?
Blume: Nur "Lernen lernen" ohne fachliche Anbindung geht nicht. Aber wenn man den Fokus insgesamt aufs Lernen legt, innerhalb verschiedener Gebiete, dann gelingt das, wenn Lernprozesse sichtbar gemacht werden: Lernende erfahren, warum sie lernen, wie sie lernen, und dass Lernen nicht einfach Prüfungsvorbereitung ist. Praktisch heißt das: Projekte, in denen Schülerinnen und Schüler eigene Fragestellungen entwickeln; Reflexions- und Feedbackformate, in denen Lernen selbst thematisiert wird; und Unterrichtssettings, in denen Fehler nicht als Makel gelten, sondern als Chance.
Bildung ist die Kunstfertigkeit, sich Wissen nutzbar zu machen. Sie muss berühren, damit jeder sie erleben und genießen kann.Bob Blume
Rudolphina: Was möchten Sie angehenden Lehrer*innen mitgeben, die hier an der Universität Wien ausgebildet werden?
Blume: Werdet Gestalter des eigenen Lernens, nicht nur Vortragende von Inhalten. Aus meiner Sicht gibt es keine langweiligen Inhalte, sondern nur zu optimierende Zugänge. Studieren ist geil! Aus diesem Grund promoviere ich auch noch. Bleibt neugierig – auf Didaktik, auf Technik, auf Kultur und Gesellschaft. Die Ausbildung ist nur der Startpunkt – die eigentliche Professionalisierung beginnt im Tun, im Reflektieren, im Vernetzen.
Rudolphina: Welchen Skill sollten Kinder für die Zukunft lernen?
Blume: Der wichtigste Skill ist meiner Ansicht nach: Resonanz – also die Fähigkeit, eigene Lern- und Entwicklungsprozesse so zu gestalten, dass sie einen etwas angehen. Das geht mit Reflexionsfähigkeit einher, also damit Fragen zu stellen und aktiv zu werden. Damit verbunden: Metakompetenzen wie kritisches Denken, Kooperation und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen. Diese Fertigkeiten ermöglichen, in einer sich ständig ändernden Welt handlungsfähig zu bleiben.
Rudolphina: Wie kann die Schule diesen Skill vermitteln und was müsste sich im Unterricht/Lehrplan ändern?
Blume: Die Schule kann Resonanz fördern, wenn sie Lernräume öffnet: Aufgaben, in denen Schülerinnen und Schüler wählen dürfen, Wege gestalten, Fehler als Lernchance erleben. Der Lehrplan müsste dazu flexibler werden – weniger rigide Vorgaben, mehr Kompetenz- und Prozessorientierung, weniger Prüfungs- und leistungszentriert. Lehrkräfte benötigen Freiräume, um mit Methoden wie Projektarbeit, Portfolio-Arbeit zu arbeiten. Außerdem gehört die Schul- und Unterrichtskultur dazu: Wertschätzung, Vertrauen, Feedbackkultur
Rudolphina: Ihre Antwort auf die Semesterfrage: "Was sollen wir lernen, wenn sich alles ändert?"
Blume: Ich könnte etwas klugscheißen und sagen: "Die Frage ist nicht was, sondern wie." Wir sollten den Lernprozess verstehen lernen – also nicht vorrangig "dies und das", sondern die Fähigkeit, mit Veränderung umzugehen, Fragen zu entwickeln, sich selbst und andere zu verstehen, kritisch zu reflektieren. Veränderung ist nicht Ausnahme, sondern Regel: Wenn sich alles ständig ändert, dann ist die Kompetenz, sich anzupassen, weiterzuentwickeln und mitzugestalten, zentral.