Wie viel Emotion verträgt die Demokratie?
Gerade noch hat die ganze Familie lustig durcheinandergeredet. Dann fällt ein Satz über die syrischen Nachbarn und der Streit ist vorprogrammiert. Anderer Schauplatz, ähnliche Dynamik: Im Seminarraum wird die mediale Darstellung von Femiziden diskutiert. Die Studierenden bringen unterschiedliche Perspektiven ein und tauschen Argumente aus, bis eine unerwartete Bemerkung die Stimmung kippen lässt.
Immer wieder finden wir uns im Alltag in Situationen wieder, in denen unterschiedliche Meinungen und Emotionen aufeinandertreffen, insbesondere bei politischen Themen. Für Anna Durnová sind diese Szenen kein Ärgernis, sondern wertvoller Stoff für ihre Forschung.
Anna Durnová ist heute Professorin für Politische Soziologie an der Universität Wien – und die Beschäftigung mit Emotionen in politischen Debatten und Institutionen sozusagen ihr täglich Brot. Als sie aber vor etwa 20 Jahren damit begann, sich für dieses Thema zu interessieren, betrat sie damit wissenschaftliches Neuland. In der sozialwissenschaftlichen Forschung und Lehre wurden Gefühle damals noch kaum thematisiert. "Ich musste mich beharrlich dafür einsetzen, dieses Denken aufzubrechen und der emotionalen Perspektive Raum zu verschaffen", erzählt sie. Heute sei mitunter das Gegenteil der Fall: "Individuelle Gefühle beanspruchen so viel Aufmerksamkeit, dass der gemeinsame Diskurs manchmal aus den Fugen gerät. Ich bin dann diejenige, die sagt: Moment mal, stopp. Wir müssen diese Emotionen einordnen, differenzieren und schauen, dass wir noch immer zusammenleben können."
Ihre große Frage lautet deshalb:
Wie viel Emotion verträgt die Demokratie? Wie können wir als Gesellschaft konstruktiv mit all den Emotionen, die wir reingelassen haben, umgehen?Anna Durnová
Warum Demokratie Emotionen braucht
Für die Sozialwissenschafterin ist klar: Eine funktionierende Demokratie braucht Gefühle. Empörung über erfahrenes oder beobachtetes Unrecht steht beispielsweise oft am Beginn von wichtigen Veränderungen. Etwa wenn Demonstrationen dazu führen, dass ein Thema im Parlament besprochen wird – Beispiele dafür reichen von Klimapolitik bis zu Frauenrechten.
"Diese Emotionen zuzulassen und einzubringen, befreit uns einerseits und ermöglicht eine neue Ehrlichkeit. Andererseits können Gefühle Polarisierung und Konflikte verstärken", sagt Durnová. Die Lösung sei es darum eben nicht, sie aus politischen Debatten zu verbannen. Vielmehr brauche es neue Regeln:
Wir sollten an einer neuen Form der politischen Kultur arbeiten – einer, die nicht die Unterdrückung von Emotionen zur Grundlage hat, sondern ihre Integration.Anna Durnová
Empathie, Ruhe, Hoffnung und Solidarität können Menschen verbinden. Aber auch Angst, Frustration und Wut sind nicht automatisch gefährlich. Problematisch werde es, wenn sie manipuliert, gegen Gruppen gerichtet oder zur alleinigen Begründung politischen Handelns werden.
Wie ambivalent Gefühle wirken, zeigt sich zum Beispiel in der Klimapolitik: Angst kann Dringlichkeit vermitteln oder lähmen; Wut kann mobilisieren oder Fronten verhärten – welche Kraft Gefühle in den demokratischen Debatten um Klima und Ungleichheit entfalten, steht im Zentrum des internationalen Forschungsvorhabens CIDAPE, das Anna Durnová an der Uni Wien koordiniert und an dem elf Partner aus neun europäischen Ländern mitforschen.
Warum Emotionen, Geschlecht und Teilhabe für die Klimapolitik entscheidend sind
Aus der bisherigen Forschung im Projekt CIDAPE zeichnen sich drei zentrale Erkenntnisse ab, erklärt Durnová. Erstens spielt Gender eine wichtige Rolle für die emotionale Dimension der Klimadebatte. Sowohl die Art der Emotionen, die in Klimadiskursen zum Ausdruck kommen, als auch ihre Wahrnehmung und Verbreitung unterscheiden sich entlang von Geschlechterrollen.
Zweitens zeigt sich, dass es nicht ausreicht, Emotionen und Beteiligung lediglich Raum zu geben. Entscheidend ist vielmehr, mit welchen Werten Gefühle verknüpft werden und wie Beteiligungsprozesse gestaltet sind. Dazu gehört beispielsweise, ob Menschen vorab ausreichend informiert werden, ob sie Fragen stellen und miteinander interagieren können und welche "Dramaturgie der Gefühle" in klimapolitischen Debatten entsteht. Die Art und Weise der Partizipation beeinflusst maßgeblich, wie Emotionen in demokratischen Aushandlungsprozessen wirken.
Drittens macht die Forschung deutlich, dass hinter Emotionen unterschiedliche Erfahrungen von Ungleichheit stehen. Menschen bringen ihre eigenen Geschichten, Belastungen und Wahrnehmungen sozialer Ungleichheit in die Debatte ein. "Diese verschiedenen Perspektiven anzuerkennen und miteinander in Beziehung zu setzen, ist eine zentrale Herausforderung", so Durnová: "Damit wird Klimapolitik unmittelbar zu einer Frage der Demokratie: Wer kann über Ressourcen entscheiden? Wer ist bereit, Handlungsspielraum abzugeben? Und wer verfügt überhaupt über die materiellen und emotionalen Voraussetzungen, sich einzubringen?"
Konstruktiv streiten: Vier Leitfragen
Wie können wir konstruktiv mit Emotionen im demokratischen Diskurs umgehen?
Diese vier Aspekte bieten Orientierung:
- Kontext: Wer äußert ein Gefühl? Und in welcher Situation?
- Reflexion: Worauf richtet es sich, und wodurch wurde es ausgelöst?
- Regeln: Wie bleiben Austausch und Zusammenleben möglich?
- Zeit: Wann hilft es, eine Debatte zu verlangsamen oder zu unterbrechen?
Einsamkeit als gesellschaftliche und politische Frage
Während es bei CIDAPE um Emotionen geht, die laut und öffentlich ausgetragen werden, widmet sich Durnová in ihrem jüngsten Forschungsvorhaben einem Gefühl, das meist im Verborgenen und leise bleibt: der Einsamkeit. Die Grundfrage bleibt gleich: Auch im Projekt LONERS, das mit einem ERC Advanced Grant – der höchstdotierten Förderung der europäischen Forschungslandschaft – ausgezeichnet wurde, untersucht Anna Durnová, was Gefühle mit der Gesellschaft machen und wie Politik und Institutionen damit umgehen. Einen wichtigen Anstoß für die Beschäftigung mit dem Thema Einsamkeit erhielt sie in der Zeit der Corona-Pandemie. Damals hörte sie immer wieder die Aufforderung "Stay at home", als wäre das Zuhause für alle Menschen derselbe und gleichermaßen sichere Ort.
Beschäftigt hatte sie das Thema bereits zuvor, etwa nach dem Absturz der Germanwings-Maschine im Jahr 2015. In den Medien war häufig vom unauffälligen Einzeltäter die Rede, der "immer so nett gegrüßt" habe. "Die Vorstellung, wie wenig wir im Grunde über das Leben unserer Mitmenschen wissen, fand ich damals beunruhigend", erinnert sich Durnová: "Im aktuellen Projekt fragen wir: Ab wann wird Einsamkeit zu einem Risiko für die betroffene Person und ihr Umfeld, so dass ein Eingreifen von außen gerechtfertigt ist?"
Dabei untersuchen sie und ihr Team unter anderem, welche Verbindung es zu Radikalisierung geben kann – ohne Einsamkeit vorschnell zur Ursache zu erklären. Dahinter steht auch eine politische Grundfrage: Wie viel Verantwortung tragen wir als Gesellschaft füreinander?
Eventtipp: Gemeinsam einsam? Gesellschaft zwischen Fürsorge, Privatsphäre und Regulierung
Wie können wir als Gesellschaft mit Einsamkeit umgehen und welche Rolle spielen dabei Armut, Fürsorge, Privatsphäre und Regulierung? Zum Kick-off des ERC-Projekts LONERS diskutieren Expert*innen aus Wissenschaft, Recht und Praxis darüber, wie Institutionen und Politik auf emotionale Bedürfnisse reagieren können, ohne die Privatsphäre aus dem Blick zu verlieren.
Es diskutieren: Katharina Renner (Leiterin der Abteilung Pfarrcaritas und Nächstenhilfe), Gabriele Kucsko-Stadlmayer (ehem. Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und Professorin für Verfassungs- und Verwaltungsrecht) und Projektleiterin Anna Durnová (Professorin für Politische Soziologie, Universität Wien). Begrüßung: Vizerektorin Manuela Baccarini (Universität Wien).
Im Anschluss gemeinsamer Ausklang und Austausch bei Speisen und Getränken.
- Wann: Montag, 12. Oktober 2026, ab 17:00 Uhr
- Wo: Sky Lounge der Universität Wien, Oskar-Morgenstern-Platz 1, 12. Stock, 1090 Wien
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Politische Emotionen erforschen: Der Kontext entscheidet
Welche Gefühle als angemessen gelten, lernen wir von Kindheit an. Dabei macht es einen Unterschied, ob ein fünfjähriges Mädchen auf dem Spielplatz weint oder ein US-Präsident vor laufenden Kameras: Status, Herkunft, Geschlecht und Situation beeinflussen, wer welche Gefühle zeigen darf und wie diese bewertet werden.
Genau dieser Kontext interessiert die Soziologin. Weniger relevant ist in diesem Kontext, was ein Mensch "wirklich" fühlt, sondern wie Menschen Gefühle ausdrücken, in welchem Zusammenhang sie darüber sprechen und welche Debatten dadurch entstehen. Dafür arbeiten sie und ihr Team unter anderem mit Interviews, Wörterbüchern und der systematischen Kontextualisierung ihres Datenmaterials.
Was sie selbst dabei empfinden, zum Beispiel während eines Interviews, halten die Wissenschafter*innen in Forschungstagebüchern fest. Auch die Emotionen der Forschenden sind Teil des Forschungsprozesses. "Als ich für ein Projekt mit Menschen sprach, die Angehörige bis zum Lebensende begleitet hatten, sagte eine Kollegin zu mir 'Natürlich wirst du mitweinen, du bist ja doch ein Mensch'", erzählt Durnová: "Die wissenschaftliche Herausforderung besteht auch darin, dieses Mitgefühl zu reflektieren und methodisch in die Forschungsarbeit einzubeziehen."
Universität als Raum für Konflikt und offene Fragen
Emotionsforschung löst keine Konflikte. Sie kann jedoch Perspektiven sichtbar machen, die sonst übersehen werden. Darin liegt für Anna Durnová auch die gesellschaftliche Wirkung ihrer Arbeit. In Tschechien untersuchte die Wissenschafterin beispielsweise, wie die Angst von Frauen vor der Geburtshilfe die öffentliche Debatte beeinflusste und manche von Krankenhäusern fernhielt. Für sie war es dabei besonders wichtig, "einer vulnerablen Gruppe Gehör zu verschaffen". Ihre Studie wird bis heute von Politiker*innen herangezogen, um diverse notwendige Maßnahmen zu begründen. Ihre Forschung machte damit einen echten Unterschied.
Gefühle wahrzunehmen ist nur der erste Schritt. Die große Herausforderung liegt darin, komplexe und konfliktreiche Debatten zu ermöglichen und auszuhalten. Dafür sind für Anna Durnová insbesondere auch die Universitäten zuständig. "Das heißt nicht, dass immer alles gesagt werden muss. Es geht auch darum zu verstehen, warum in einem spezifischen Fall kein Konsens zustande gekommen ist", betont sie. Entscheidend sind die richtigen Fragen: Sie müssen offen genug sein, damit unterschiedliche Menschen sich darin wiederfinden, aber fokussiert genug, damit die Diskussion nicht beliebig wird.
Frau Durnová, was ist eine gute Frage?
- Eine gute Frage ist offen genug, damit sich jede*r darin wiederfindet;
- fokussiert genug, damit man sich nicht verliert;
- überraschend und regt zum Nachdenken an;
- und letztlich Übungssache.
Was die Mariahilfer Straße über Demokratie lehrt
Wie demokratisches Zusammenleben gelingen kann, erklärt Durnová mit einer Alltagsszene: "Sind Sie schon einmal mit dem Rad über die Mariahilfer Straße gefahren?" In der Begegnungszone teilen sich Radfahrer*innen, Fußgänger*innen und andere Verkehrsteilnehmer*innen den Raum. Klingeln und Ärger auslösen? Vorbeifahren und jemanden erschrecken? "Sie können es nicht richtig machen, weil Sie nicht wissen können, in welcher Verfassung die Person vor Ihnen gerade ist", sagt sie.
Die mögliche Lösung: langsamer fahren. Ein Tipp der Expertin, der nicht nur für den Straßenverkehr, sondern auch für emotionale Debatten gilt: innehalten, nachfragen und notfalls eine Pause machen.
Anstatt für seine eigenen Gefühle zu kämpfen und scharf zu schießen, könnte man auch schauen, wie ein Miteinander möglich wäre.Anna Durnová
"Unser demokratisches Zusammenleben ist durchaus mit einer Fairness-Zone vergleichbar. Es gibt keine Bedienungsanleitung für menschliche Begegnungen. Wir können aber das Tempo reduzieren und genauer aufeinander achten", so Durnová. Vielleicht liegt darin der Weg zur Antwort auf ihre große Frage: Die Demokratie verträgt viele Emotionen – wenn wir einen gemeinsamen Umgang mit ihnen finden.
- Was verbindet uns an der Universität Wien? "An Hochschulen entstehen die Grundlagen, um bestmögliche Entscheidungen im gesellschaftspolitischen Kontext treffen zu können, in meinem Fall mit dem Anspruch, die Demokratie auch in ihrer Resilienz zu stärken", sagt Anna Durnová. "Unermüdlich Fragen stellen. Und Antworten Raum geben."
- Weitere große Fragen unserer Zeit und alle gesammelten Beiträge zur Semesterfrage finden Sie hier.
Zu ihren Karrierestationen zählen das Institut für Höhere Studien Wien, die Karlsuniversität Prag, die Universität Lyon und Sciences Po Paris. Sie veröffentlichte The Politics of Intimacy (2018) und Understanding Emotions in Post-Factual Politics (2019), 2022 zudem ein populärwissenschaftliches Kinderbuch. Ihr feministisches Theaterstück Hodina ženy wurde vom Divadlo Feste inszeniert. 2024 erhielt sie den Mattei Dogan Foundation Prize for European Political Sociology. Aktuell koordiniert Anna Durnová das internationale Horizon-Europe-Projekt CIDAPE sowie das ERC-Projekt LONERS.

